Zunächst einmal: Secretary ist ein schöner Film. Ein sehr schöner Film. Frei von Vorurteilen; hier will uns niemand erziehen. Im allgemeinen gesellschaftlichen Rahmen wird Sadomasochismus wenn nicht tabuisiert, dann doch verurteilt: als ungerecht dem Unterwürfigen gegenüber, als Machtmissbrauch des Unterwerfenden. Dass der Unterwürfige sich in der Situation jedoch wohl fühlt, dass die "Master-Servant"-Beziehung Form und Ausdruck einer Liebe wie jeder anderen auch sein kann, wird selten so schön gezeigt.
Es geht um zwei einsame, auch unglückliche Menschen. Sie, Lee, hat gerade eine stationäre psychologische Behandlung hinter sich. Weil sie sich seit der 7.Klasse schneidet. Wie so oft hat ihr Problem familiäre Wurzeln: Der Vater ist Alkoholiker und schlägt die Mutter. Wie er, Edward, später schön resümiert: sie schneidet sich, weil sie dann zusehen kann, wie die Wunden verheilen. Und sich glauben machen, dass damit auch ihre inneren Wunden heilen. Leider will diese Rechnung nicht so ganz aufgehen, sonst würde sie diese Methode nicht noch nach all diesen Jahren anwenden. Oder reißen ständig neue Wunden auf?
Nach ihrer Rückkehr nach Hause, beginnt Lee eine Ausbildung als Sekretärin und bewirbt sich auf eine Stelle bei Edward. Dieser Film ist im übrigen ein ästhetisches Vergnügen. Das dionysische Interieur des Büros: überall warme, dunkle Farben, viel rot, viel braun. Dicke, schwere Vorhänge und Türen. Selbst die Aktenordner sind farbig. Auch Lee's Zimmer und das Bad im elterlichen Heim: rot, rosa, lila - eigentlich kein Wunder, dass ein heranwachsendes Mädchen dabei langfristig Aggressionen entwickelt. Dieser Film eröffnet eine Parallelwelt, die Geborgenheit ausstrahlt. Doch irgendwo muss der Makel sein. Als sie sein Büro zum ersten Mal betritt, um sich für die Stelle vorzustellen, passiert sie eine Frau - ihre Vorgängerin - die unter Tränen flüchtet. Es deutet sich in leisen Zügen an: dieser Mann ist ein Sadist. Die Sekretärin ein willkommenes Opfer. Lee weiss davon noch nichts. Er selbst ist todunglücklich. Er weiß, dass es so nicht weiter gehen kann. Er hasst sich offensichtlich für sein Verhalten und will es kontrollieren. In einem symbolischen Akt entfernt er eine Reihe roter Stifte von seinem Schreibtisch. Die tiefere Bedeutung davon wird sich erst im späteren Verlauf enthüllen: Wenn er einen dieser roten Stifte unter großer Erregung aus dem Handschuhfach hervorholt und von neuem beginnt, seine Sekretärin damit zu traktieren. Sie unaufhörlich auf ihre Tippfehler hinzuweisen, indem er sie blutrot einkreist, sie bestraft - erst seelisch, dann körperlich. Was er nicht ahnte: Hier hat er eine Frau gefunden, die das genießt. Der perfekte Gegenpart, auch wenn er das lange nicht wahrhaben will. Er fühlt sich noch immer schuldig, haben ihn doch so viele Frauen dafür gehaßt. Und diese mag es nun? Kann das wirklich sein? Er braucht lange, um es akzeptieren und genießen zu können - ganz ohne Schuldgefühle. Diese Frau fängt sogar an, bewusst Fehler zu machen, denn wenn er sie bestraft, fühlt sie sich gut, weil sie ihn liebt. Er eröffnet ihr - ohne es zu ahnen - eine völlig neue Welt, in der es ihr erstmals möglich sein wird, glücklich zu sein.
In dem Moment, wo er bemerkt, dass sie sich schneidet, verbietet er es ihr. Doch wo ihr autoaggressives Verhalten ein Ende findet, beginnt das sadomasochistische Verhältnis. Nun hat er die Kontrolle über sie. Sie ruft ihn abends an, wenn sie mit ihrer Familie am Tisch sitzt und berichtet ihm, was es zu Essen geben wird. Und dann sagt er ihr, was sie essen soll: ein Löffel Kartoffelbrei, vier Erbsen, soviel Eis wie sie will. Und sie ist glücklich. Doch irgendwann wird er von seinen Schuldgefühlen überrannt, demütigt sie, beendet die latente sexuelle Spannung zwischen ihnen, behandelt sie letztlich wie eine ganz normale Sekretärin und entlässt sie schließlich.
Lee geht den eingeschlagenen Pfad weiter, trifft sich mit anderen Männer, doch irgendwie geht das alles nach hinten los. Schließlich heiratet sie Peter, weil sie nicht weiß, was sie sonst machen soll. Peter - dieser Schauspieler (Jeremy Davies): egal ob im Million Dollar Hotel oder in Solaris, auch hier, immer macht er diese Sache mit seinen Händen. Entweder ist er ein schlechter Schauspieler, der immer auf die gleichen Gesten zurückgreift oder er ist gar kein Schauspieler und einfach nur gut abzufilmen. Auch die Art wie er redet ist in jedem Film die gleiche. Trotzdem irgendwie ganz cool.
Und am Tag ihrer Hochzeit passiert es dann: Lee steht in ihrem Brautkleid vor dem Spiegel und erkennt, dass sie nicht ohne Edward sein will. Sie rennt in sein Büro, gesteht ihm ihre Liebe und er ist - wieder einmal - überfordert. Er sagt ihr, sie solle die Hände auf den Tisch legen und dort sitzenbleiben, bis er zurückkäme. Und hier kommt eine der herzzerbrechendsten Szenen des Kinos: Er geht, sie bleibt. Tagelang sitzt sie am Tisch, ohne sich zu bewegen. Als das Telefon klingelt, nimmt sie es mit dem Mund ab, weil er ihr ja befohlen hat, die Hände auf dem Tisch zu lassen. Edward schaut ihr dabei ungläubig zu - heimlich, von der Straße. Peter versucht, sie wegzuziehen, doch sie schlägt ihn, prügelt sich mit ihm, nur um wieder in ihre Ausgangssituation zurückzukehren. Sie uriniert sogar in dieser Position. Irgendwann kommt die Presse, nach ihren Eltern, Priestern, Feministinnen, seiner Ex-Sekretärin, seiner Ex-Freundin und schließlich....kommt er, Edward. Hebt sie hoch, die Braut, trägt sie in sein Haus, wäscht sie und liebt sie. Dieses junge, unerfahrene Mädchen hat es geschafft. Sie fühlte sich nie schuldig, doch war sie auch immer in der Opferrolle. Was wohl die leichtere ist, zumindest kommt dem Opfer traditionell das Mitleid der Gesellschaft zu. Dass sie sich freiwillig in diese Rolle begibt, mag manch einer nur schwer verstehen.
Als Edward kam, wusste sie, mit ihm kann sie glücklich werden und zwar auf ihre Art. Mit Peter war das nicht möglich, denn er fasste sich nicht so an, wie sie es gern hätte. Und Edward, der Sadist in der Täterrolle, älter als sie, mit mehr Erfahrungen, die ihn von Mal zu Mal wohl mehr entmutigt haben. Alles was er kannte waren Frauen, die ihn irgendwann hassten. Dass diese ihn liebt, für dass, was er mit ihr macht, musste er zunächst verarbeiten. Er sieht, er muss sich nicht mehr verstecken und Begierden unterdrücken. Endlich ist da die Frau, die ihn für das liebt, was er ist, der er sich völlig öffnen kann.
Samstag, Dezember 11, 2004
WHAT GOES ON INSIDE THAT HEAD OF YOURS?
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