Mittwoch, Oktober 27, 2004

Danse Macabre oder Über den Totentanz

Totentänze sind in ihrer ursprünglichen, künstlerischen Form bildliche Darstellungen des Todes. Der Ursprung der Totentänze liegt im Mittelalter. Der erste Totentanz, der Lateinische Bilderbogen, entstanden um 1350, wurde von dem Dominikaner-Orden in Auftrag gegeben. Es handelt sich bei den Totentänzen zunächst um Fresken, die an Kirchhofsmauern angebracht wurden. Dementsprechend steht auch ihre Funktion im Dienst des kirchlichen Dogmas: Die Abbildungen des Todes, wie er tanzend den Mensch ins Jenseits führt, sollen die Kirchgänger an ein gottgefälliges, frommes Leben mahnen. Damit reagierte die Kirche ihrerseits auf eine sich verselbständigende Tanzwut des Volkes im Mittelalter. Man glaubte, durch das Tanzen als eine Form des Abwehrzaubers, dem Tod Einhalt gebieten zu können. Dieser Glaube geht auf tradiertes mystisches Gedankengut zurück, das in Zeiten der Pest und damit der Allgegenwärtigkeit des Todes einen Höhepunkt erlebte. Die Kirche instrumentalisierte nun das Phänomen des tanzenden Todes für ihre Zwecke, um das Ablaufen ihrer Jünger in andere, obskur erscheinende Glaubensgemeinschaften und Sekten zu verhindern. Sie bezeichnete die Gesänge und Tänze, die häufig auf Volksfesten und Kirchhöfen abgehalten wurden, als unkeusch und teuflisch. Sie erkannte aber auch das enorme Potential dieser Totentänze, die dem Volk Halt zu geben schienen in einer Epoche enormer Verwirrung. Um die eigene stabilisierende Funktion im Sozialgefüge halten zu können, instrumentalisierte die Kirche die Totentänze folglich und gab ihnen eine stark moralisierende Form.

Was ist nun auf den Totentänzen zu sehen? Zunächst handelt es sich um ein bimediales Kunstwerk, d.h. neben dem Bild findet sich in der Regel ein kleiner Text, meist zwei-, vier- oder achtzeilig. Dieser Text soll den Appellcharakter des Bildes unterstützen, welchem in der Regel die größere Bedeutung zukommt, da der größte Teil der Menschen im Mittelalter weder lesen noch schreiben konnte. Nach der Erfindung des Buchdrucks wurden Totentänze auch in handlichen Bilderzyklen verteilt. Auch Holzschnitte und Kupferstiche sind bekannt.

Im Zentrum des Bildes steht zunächst der tanzende und musizierende Tod vor dem Hintergrund einer Kirche oder eines Friedhofs. Der Tod buhlt um die Lebenden, die sich ihm zunächst verweigern. Er fordert sie zum Tanz auf, was sowohl im Text als Frage und Antwort-Paar und bildlich im Paar- oder auch Reigentanz dargestellt wird. Die abgebildeten Menschen stehen symbolisch für jeweils eine gesellschaftliche Gruppe, sie sind Ständevertreter. Die Reihung geht dabei in der Regel vom Papst über den König, den Kaufmann, den Bauer bis hin zum Bettler. Der Tod tanzt entweder einzeln mit jedem Ständevertreter einen Paartanz oder im Reigen mit allen, also jeweils der Tod und seine Gehilfen mit einem Menschen. Die appellative und mahnende Funktion der Totentänze wird ikonographisch häufig durch einen Prediger dargestellt.

Auf den Tanz verweisen zahlreiche Musikinstrumente und zwar solche, die als teuflisch gelten: Trommeln, Pauken, Flöten, Dudelsack usw. Auch die Sanduhr als Symbol der verinnenden oder abgelaufenen Zeit findet sich häufig. Gern gesehene Figuren sind auch Ärzte und Apotheker, die trotz ihrer heilenden Funktion dem Tod keinen Einhalt gebieten können. Dies verdeutlicht die zentrale Aussage aller Totentänze: Jeder wird sterben, unabhängig vom gesellschaftlichen Rang. Worauf es ankommt ist die richtige Vorbereitung auf das Leben nach dem Tod. Denn der Tod führt die Sündiger auf Bildern stets nach links in die ewige Verdammnis, die Frommen dagegen nach rechts, der himmlischen Seite.

Um 1540 setzt mit Hans Holbein und seinen Imagines Mortis eine ikonographische Veränderung der Totentänze ein. Fortan löst sich diese Kunstform von der Kirche und wird eigenständig. Der tanzende Tod verschwindet nahezu und wo er früher noch mit Haut überzogen war, kommt er nun als Skelett daher. Zudem erfährt der Tod eine Individualisierung, denn er trifft nicht mehr auf repräsentative Ständevertreter sondern auf den Einzelnen. Die Szenerie ist nicht länger an den Friedhof gebunden, der Tod holt sich seine Opfer auch im Garten. Dieses Opfer, im übrigen, hat nicht zwingend länger Angst vor dem Tod; es begegnet ihm auch durchaus offensiv, was zur Folge hat, dass der Tod nun um den Menschen buhlen muss, ja sogar selbst unterwürfig wird. Diese Veränderung des Totentanzes ist natürlich an die Veränderung der gesellschafltichen und geistigen Rahmenbedingungen geknüpft. Die Kirche verliert im Zuge der Säkularisierung ihre dominante Position. Und mit der Aufklärung verliert auch der Tod an Schrecken. Er wird verstehbar und damit bis zu einem gewissen Grad oder vielmehr Zeitpunkt vermeidbar. Dies erklärt auch, warum der Totentanz heute kaum noch eine Rolle spielt.

Die letzte Hochphase hatte der Totentanz im Fin de Siècle, besonders in der Literatur. Hugo von Hofmannsthal greift das Motiv mehrfach auf, beispielsweise im Jedermann und in Der Tor und der Tod. Auch in Arthur Schnitzlers Traumnovelle ist es sehr schön umgesetzt. Dabei wird das Motiv von beiden Autoren modern gewendet und auf die Situation ihrer Zeit angepasst. Der Tod wird hier nahezu herbeigesehnt, da das Leben als wertlos erscheint. Die Dekadenz-Literatur des Fin de Siècle ist tief vom ennui des Lebens geplagt. Das Teuflische, das Traum- und Rauschhafte des Todes bietet mehr Gefühl und Leben als das Leben selbst. Der Tanz in den Tod als Flucht aus dem Leben.

Zuletzt fiel mir das Motiv des Totentanzes in der Popkultur auf. Da war zunächst Robbie Williams' Clip zu Rock DJ, wo Herr Williams persönlich vom tanzenden Frauenheld zum tanzenden Tod mutiert, indem er sich erst - zur Verzückung der Damen und wohl so mancher Herren - die Kleider vom Leib reisst und dann in einen Tanzwahn verfällt (siehe oben, das hatten wir bereits im Mittelalter) und sich gleich noch Haut und Organe rausreissen muss.

The  Faint haben dem Thema gleich ein ganzes Album gewidmet: Danse Macabre. Dieses Album war nach Angaben der Band motiviert durch die Entscheidung, lieber das zu tun, was  Spaß macht und den Jungs am Herzen liegt, sprich Musiker zu sein - auch mit dem Risiko, dass der Erfolg irgendwann ausbleibt. Die Vorstellung, irgendeinen letztlich unerfreulichen Job zu machen, der sie zwar über Wasser hält aber auch zutiefst unglücklich macht, war schlicht und einfach zu grausam. Die Musik ist straight geradeaus, tanzbar, energetisch. Man tanzt dem Tod davon, er kommt schon früh genug. Wieso also schon ein todunglückliches Leben haben?

Verschwörungstheorie Nr. 1

ATKINS DIET VON US-REGIERUNG FORCIERT?

Neuester Trend in den USA: Eat Low Carb Food. Unsinn, denn Kohlenhydrate stehen ganz am unteren Ende der Ernährungspyramide, was heisst: davon brauchen wir ganz viel. Nur so bekommt unser schließlich Körper die Energie, die er braucht. Zuviel mag zwar auch ungesund sein, aber das gilt ja eigentlich für alles.

Auch das menschliche Gehirn braucht Kohlenhydrate. Zum Denken nämlich. Man weiss ja, dass die Regierung bzw. einzelne Köpfe riesige Konzerne wesentlich beeinflussen. Vielleicht auch die Lebensmittelindustrie. Wenn die Regierung die Atkins Diet heimlich vorantreibt, bedeuted dass, dass die Menschen - aufgrund der mangelnden Kohlenhydrate - dumm im Kopf werden. Konsequenz: sie denken nicht viel nach, kritisieren weniger, laufen nicht auf zu Demonstrationen und das erleichtert Bush den erneuerten Wahlsieg.

Auch interessant in diesem Zusammenhang: die Sachen mit den elektronischen Wahlmaschinen, die in der Regel ohne gedrucktes, potentielles Beweis-Beleg funktionieren. Die Vermutungen spitzen sich ja in letzter Zeit zu. Der Chef des Marktführers dieser Maschinen, Walden O'Dell von Diebold, bezeugt recht eindeutige Sympathien für die Republikaner, wenn er sagt, er fühle sich dazu verpflichtet, dem Präsidenten im wichtigen Bundesstaat Ohio zum Sieg zu verhelfen. Doch glücklicherweise verweigern sich einige Wahlbezirke eben dieser Firma und schicken die Maschinen mangels Nachprüfbarkeit zurück.

Hoffentlich ist das Gezeter diesmal vor der Wahl lauter als hinterher.

Was ist Transhumanismus?

Transhumanismus ist eine kulturell-szientifistische Bewegung, deren erklärtes Ziel das Erreichen eines posthumanen Zustands ist. Es geht darum die menschlichen Fähigkeiten bewusst zu erweitern. Im Grunde handelt es sich dabei um Evolution, die das Leben auf unserem Planeten seit Millarden von Jahren vorantreibt. Lebensformen entwickeln sich entweder weiter oder sterben aus. Das ist der normale Lauf der Dinge. Auch der Mensch entwickelt sich beständig weiter. Doch er bleibt Mensch, also human. Im Transhumanismus geht es nun darum, die den Menschen gegebenen physischen, mentalen und sozialen Grenzen zu überschreiten - auch die selbstgesteckten. Transhumanisten erliegen nicht passiv den Regeln der Evolution, sondern sind bereit, diese selbst zu beeinflussen und zu verändern.

Die Idee ist nicht wirklich neu. Schon Nietzsche hatte diese Idee in seiner Theorie vom Übermenschen entwickelt. Hier wie dort geht es darum, das eigene Selbst zu perfektionieren, immer weiter zu treiben. Demzufolge gibt es in diesem Konzept auch keinen Platz für Götter und andere Heiligtümer. Wie Nietzsche schon sagte: "Gott ist tot."

Heute ist man jedoch aufgrund enormer biologischer und technologischer Entwicklungen einen großen Schritt weiter. Die Möglichkeiten zur persönlichen Weiterentwicklung hin auf einen transhumanen Zustand sind teilweise bereits gegeben: Erweiterung der Intelligenz durch mentale Techniken, veränderte Ernährungsgewohnheiten, Gehirntraining, neurochemische Substanzen, Gentherapie sowie Wissensmanagement und -vernetzung mithilfe von Computertechnologie. In näherer Zukunft kommen dann lebensverlängernde gentechnische Veränderungen hinzu, ebenso wie bionische Implantate. Zukunftstechnologien wie Artificial Intelligence und Nanotechnologie werden weltweit erforscht.

Die üblichen moralischen und gesellschaftlichen Grenzen werden von Transhumanisten nicht akzeptiert, sondern prinzipiell als überschreitbar angesehen. Damit ist durchaus ein hohes gesellschaftliches Konfliktpotenzial gegeben, was sich aktuell an der Klondebatte zeigt. Man kann den Transhumanismus, der mit der aktuellen Revolution des Wissens und der Technologie einhergeht, so als eine Art zweiter Aufklärung betrachten. Die Auswirkungen sind in einer zunehmend vernetzten Welt global.

Kommen wir zu den verschiedenen Aspekten unseres Lebens, die transhumanistisch revolutioniert werden können. Da sind einerseits die politischen Systeme. Die transhumanistische Perspektive erlaubt echte Demokratie. Dies kann frühestens in einigen Jahrzehnten geschehen, wenn alle Länder über die notwendige technologische Infrastruktur verfügen. Erste Entwicklungen in diese Richtung zeichnen sich in den aktuellen eGovernment-Projekten ab. Sind die Individuen weltweit vernetzt, dann können Entscheidungsprozesse wirklich demokratisch ablaufen. Es müssen nicht mehr Volksvertreter und Parteien gewählt werden, die im Namen des Volkes entscheiden, vielmehr tut das Volk dies selbst. Damit wird der von vielen herbeigesehnte Weltfrieden erstmalig greifbar, denn die große Mehrheit der Menschen ist durchaus willig, friedlich nebeneinander zu leben. Das Machtstreben einzelner Individuen stürzt dann nicht mehr ganze Länder und Regionen in kriegerische Auseinandersetzungen. Bleibt die Frage, ob die jeweiligen Machthaber bereit sind, ihre Positionen aufzugeben. Auch darf die enge Verbindung von politischen und wirtschaftlichen Machtstrukturen und Ðinteressen nicht vergessen werden, die derartigen Entwicklungen eine starke Lobby entgegenstellen werden. Nach FM-2030 wird durch das Erreichen eines transhumanen politischen Systems sogar die Dichotomie von rechts und links obsolet.

Auf der individuellen Ebene kann jeder Mensch seine eigenen, physischen und psychischen Grenzen überschreiten. Schon heute gibt es dazu eine Vielzahl von Möglichkeiten: Gehirntraining sowie Konzentrations- und Meditationsübungen sollen den Geist schon seit Jahrhunderten in Einklang mit sich selbst bringen, um höhere Stufen zu erreichen, die sog. unio mystica. Heute boomt der Wellness-Markt mit Mitteln zur Veränderung und Erweiterung des Selbst. Auch zur beruflichen Weiterbildung werden Seminare zu Zeit- und Stressmanagement, dem perfekten Schlaf zur Erhöhung der Leistungsfähigkeit oder spezielle Techniken wie Speed Reading angeboten. Sportler ernähren sich auf besondere Art und Weise, um ihre Leistungen zu erhöhen. Doping, sowohl natürlich als auch chemisch, spielt hier eine entscheidende Rolle.

Die akzeptierten Methoden zur Veränderung des Körpers sind Sport, Diät und mittlerweile auch kosmetische und chirurgische Eingriffe. Zukünftig vorstellbar sind aber auch genetische Veränderungen. Das Schwierige daran ist, dass Eingriffe in das Erbgut eigentlich nur mit Stammzellen funktionieren. Potentielle Nutznießer wären demzufolge eher unsere Nachkommen als wir selbst. Gentheraphie wird heute bereits in der Medizin eingesetzt zur Bekämpfung von Krankheiten wie Krebs und Diabetes. Genetische Defekte und Veränderungen können so in zukünftigen Generationen eventuell im Vorfeld beseitigt werden. Unklar sind jedoch die Auswirkungen des Zusammenspiels mit anderen Genen. Bei der eventuell möglichen Eliminierung unerwünschter Persönlichkeitsstrukturen wie Drogenmissbrauch, Depression oder Angstzuständen ist zudem der Einfluss von Umweltfaktoren zu berücksichtigen. Doch es können nicht nur unerwünschte Gene entfernt, sondern auch nützliche Gene hinzugefügt werden, beispielsweise zur Steigerung der Produktion bestimmter Enzyme, zur Stärkung des Immunsystems oder zur Verlangsamung des Alterungsprozesses. Auch  kann man vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft die Sinneswahrnehmungen durch genetische Manipulation erweitern, so dass Menschen UV-Licht sehen, neue Geschmäcker empfinden und zusätzliche Gerüche wahrnehmen können. Das ultimative Ziel ist das Erreichen von Unsterblichkeit. Hilfreiche Techiken sind dabei die Kryonik, also das Einfrieren des Körpers zum späteren Auftauen sowie das Uploading - das Einscannen der mentalen Strukturen und damit der Persönlichkeit in einen Computer. Doch das ist vorerst noch eine Vision.

Langfristig streben Transhumanisten also ein größeres Ziel an, nämlich die kybernetische Unsterblichkeit, der wir auf nicht-individueller Ebene schon recht nahe sind. Während es bis ins letzte Jahrhundert hinein lediglich einer kleinen Schicht vorbehalten war zu schreiben und so als Autor an der Erweiterung des kulturellen Gedächtnisses der Menschheit teilzunehmen, ist heute aufgrund der Technologisierung und dem Aufkommen des Internets jeder Mensch selbst Medienproduzent statt nur -konsument. Das im Laufe eines Lebens erworbene Wissen kann also von jedem Individuum digital gespeichert werden und so der Nachwelt - nach dem physischen Tod - erhalten bleiben. Das kulturelle Gedächtnis wird damit eine enorme Ausweitung erfahren, das Weltwissen exponential ansteigen. Kritisch ist dabei nur, dass es bereits heute eine Unmenge an Datenmüll gibt. Es bleibt abzuwarten, ob es einen Selektionsprozess geben wird.

In medizinischer Hinsicht durchaus vorstellbar ist die Erweiterung des menschlichen Gehirns durch den Einsatz zusätzlicher Speicherkapazitäten oder Module. Der Mensch wird somit geupgradet. Damit einher geht das Entfernen unerwünschter Erinnerungen, wie es im Film Eternal Sunshine of a Spotless Mind dargestellt wurde. Hirnareale, die als unnötig empfundene Instinkte wie Hunger, Wut oder sexuelle Lust auslösen, könnten ebenfalls stillgelegt werden.

Transhumanistische Tendenzen gibt es auch in der Kunst. Diese ist visionär, revolutionär, mutig, offen und grenzenlos. Kunst verbindet sich mit Technologie, Wissenschaft und natürlich auch dem menschlichen Körper (Automorphismus). 1982 veröffentlichte Natasha Vita More das Transhumanist Art Statement, das die transhumanistische Kunst und deren Ziele proklamierte.

Auch in der Architektur schlagen sich transhumanistische Ideale im Einsatz umweltschonenender Ressourcen und Materialen nieder. Dazu gehören solarbetriebene, neuartig isolierte und intelligent vernetzte Häuser, die beispielsweise elektronische Geräte mit dem Sicherheitssystem verbinden und vom Handy aus steuerbar sind. Ein architektonisches Vorzeigeprojekt ist Arcosanti, ein Projekt in der Wüste Arizonas. Arcosanti ist nach dem sogenannten Arcology-Prinzip des italienischen Architekten Paolo Soleri aufgebaut: Architektur trifft auf Ökologie. Ziel ist ein organisches und effizientes Miteinander der Menschen mit der sie umgebenden Umwelt. Das Bauprinzip ist eher drei- als zweidimensional, so dass Autos innerhalb der Stadt überflüssig werden. Wohnen, Arbeiten, Kultur, Entspannen: alles ist miteinander verbunden. Das Prinzip Intelligentes Wohnen in Großform sozusagen.

Die interessantesten Ansatzpunkte des Transhumanismus finden sich jedoch in der Technologie. Da ist zunächst die Biotechnologie, die größtenteils medizinisch genutzt wird, z.B. zur Entschlüsselung der Gene oder dem Klonen. Dazu gehört aber auch die Forschung, wie Pflanzen unter anderen Umweltbedingungen gezüchtet werden können als die auf der Erde herrschenden. Dies spielt besonders im Rahmen der Erkundung des Weltalls eine wichtige Rolle, so dass Astronauten auf anderen Planeten in künstlich aufgebauten Biosphären Nahrungsmittel züchten können.

Als die Zukunftstechnologie schlechthin gilt die Nanotechologie, die auf molekularer bzw. atomarer Ebene ansetzt. Letztlich stellt dies nur eine Verfeinerung der bisherigen Technologien dar. So haben die Menschen früher in eher grobem Stil durch das Abritzen eines Stückes Holzes dieses zu einer spitzen Waffe gemacht. Wenn man nun aber auf die molekulare Ebene hinuntergeht, eröffnen sich weit vielfältigere Möglichkeiten. Wenn die Nanotechnologie schließlich zum Einsatz kommen wird, werden die Auswirkungen revolutionär sein. Nanotechnologie kann einen entscheidenen Beitrag zur Raumfahrt leisten, da es möglich wird, Materialen zum Bau von Raumschiffen herzustellen, die sowohl leichter als auch preiswerter sind als bislang üblich - bei der gleichen Widerstandsfähigkeit. Auch bei der Herstellung von Computerchips oder Solarzellen kann der Einsatz von Nanotechnologie die Leistung um ein Vielfaches erhöhen, sowie die Produktionskosten entscheidend senken. Medizinische Eingriffe könnten ebenfalls auf Zellebene erfolgen, was präzisere und schmerzfreie Behandlungsmethoden erlaubt. Bis es soweit ist, können jedoch gut und gerne noch einige Jahrzehnte vergehen.

Auch was vor einigen Jahren noch nach Science Fiction klang, wird langsam fassbar: Die Besiedelung des Weltraums. Immer mehr Planeten werden entdeckt und auch die Raumfahrttechnik dürfte in absehbarer Zeit entscheidende Fortschritte machen (siehe Nano- und Biotechnologie). Es gibt verschiedenste Gründe, den Weltraum zu besiedeln. Aus transhumanistischer Sicht ist da zunächst das Streben nach Wachstum. Zudem werden die natürlichen Ressourcen der Erde irgendwann erschöpft sein, Naturkatastrophen zunehmen, irgendwann kommt auch wieder eine Eiszeit - von nuklearen und biologischen Waffen gar nicht zu sprechen. Auch eine ideelle Spaltung der Menschheit ist vorstellbar: in Technologie-Begeisterte  und Kritiker - oder verschiedene politische Lager, wie aktuell die Krise zwischen der westlichen und der arabischen Welt, die wieder einmal vom Großmachtstreben Einzelner ausgelöst wurde. Es gibt Meinungen, dass die eine Hälfte der Erdbevölkerung einfach auf einen anderen Planeten ziehen sollte - das ist dann in der Regel die friedlebende, tolerante, die von dem ganzen unnötigen, machtpolitischen Hin und Her in dieser Welt die Nase gestrichen voll hat und einfach nur friedlich nebeneinander leben möchte.

Was hier auch mit reinspielt, ist das sogenannte Terraforming, also die Veränderung oder künstliche Erzeugung kompletter landschaftlicher Strukturen und Biosphären, um menschliches Leben auf anderen Planeten zu ermöglichen - auch dies wieder unter Verwendung von Nanotechnologie. Aktuell werden die Möglichkeiten zur Besiedelung des Planeten Mars diskutiert. Denkbar wäre Treibhausgase in die Mars-Atmosphäre zu pumpen, damit der Planet sich erwärmt und Leben möglich wird. Eine weitere vieldiskutierte Technologie ist die sogenannte Dyson-Sphere, eine künstliche Atmosphäre, die um einen Stern herum aufgezogen wird, um dessen Energie zu absorbieren.

Die zweite große Zukunftstechnologie neben der Nanotechnologie ist das Erschaffen künstlicher Intelligenz (Artifical Intelligence, AI). Forscher arbeiten seit Jahren intensiv an der Entwicklung intelligenter Maschinen und Programme. Bisherige Errungenschaften sind Spracherkennungssoftware oder Roboter. Da die technologische Vernetzung immer komplexer wird, muss die Technologie der Zukunft in der Lage sein, sich selbständig zu entwickeln, zu kontrollieren und zu reparieren. Das ultimative Ziel ist die Entwicklung von Intellligenz, die die menschliche Intelligenz übertrifft. Bislang ist es so, dass die menschliche Intelligenz die technologische Entwicklung vorantreibt. Was nun angestrebt wird ist die Entwicklung einer Technologie, die künstliche Intelligenz schafft, welche der menschlichen überlegen ist.  Dieser Effekt wird als Singularity bezeichnet. Dies ist letztlich der Zeitpunkt wo der Sprung vom Humanismus zum Trans- bzw. Posthumanismus vollzogen sein wird. Was danach kommt ist Unendlichkeit. Unendlichkeit an Information. Unendlichkeit ist unvorstellbar, dementsprechend werden nach diesem Punkt neue Regeln und Werte gelten, von denen wir heute noch nichts wissen können. Zugegeben, das klingt arg nach Science Fiction. Umso erstaunlicher, dass der Zeitpunkt der Singularity häufig mit 2035 angegeben wird. Andererseits ist es aufgrund des stetig ansteigenden Wissens, der Tatsache, dass es immer mehr Erfindungen pro Zeitspanne gibt und der wachsenden Computerkapazitäten durchaus vorstellbar, dass solch ein Zustand irgendwann einsetzen wird.

Dieser Zustand, der nach der Singularity einsetzt, wird von Tipler als Omega Point bezeichnet. Das Charakteristische daran ist, dass das Leben - in welcher Form auch immer es existiert - sich in einer Art weiter entwickelt, die Stillstand unmöglich macht. Dadurch ist das Element der Unendlichkeit garantiert. Alles bisherige Leben wird in einer Matrix wiederbelebt.

Transhumanismus ist ein weites Feld. Die Grundsteine sind gelegt, das Streben nach Weiterentwicklung ist dem Menschen inhärent. Wann die genannten Entwicklungen realisiert werden, ob überhaupt, darüber gibt es divergierende Angaben und Meinungen. Sicher ist, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse rasant ansteigen. Am interessantesten dürften die gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Veränderungen zu beobachten sein, die mit der Technologisierung einhergehen. Ethische Debatten um das Klonen spalten bereits heute die Gemüter. Welche Auswirkungen wird wohl echte künstliche Intelligenz haben? Viele Menschen fühlen sich bereits heute von den rasanten gesellschaftlichen Veränderungen bedroht. Der Transhumanismus muss sich auch zum Ziel setzen, Skeptiker und Unwissende aufzuklären. Nur wer weiss, welche Möglichkeiten und Ansatzpunkte sich in Zukunft bieten, kann diese aktive mitgestalten - sei es auf kritische oder euphorische Weise.

Wissen ist Macht.

Metrosexuelle: Die Rückkehr des Dandys im 21. Jahrhundert?

Eines ist klar: der moderne Dandy ist metrosexuell, aber nicht jeder Metrosexuelle ist ein Dandy. Der Dandy will Revolte, der Metrosexuelle will Spaß.

Die Medien haben einen neuen Typ Mann kreiert: den Metrosexuellen, als dessen Prototyp immer wieder David Beckham genannt wird. Mir begegnete der Begriff zuerst im Gespräch mit Freunden und meine erste Reaktion war: ?Metro-was?!? Dann tauchte das Phänomen plötzlich überall auf: im Fernsehen, in Zeitschriften, in Gesprächen. Letztlich fiel mir sogar ein Buch zum Thema in die Hände. Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: die Metrosexuellen verkörpern die moderne Form des Dandys.

Was aber bedeutet metrosexuell oder anders gefragt: Wer ist metrosexuell? Der Begriff wird zunächst einmal nur auf Männer angewandt. Diese zeichnen sich durch folgende Merkmale aus: sie sind mode- und körperbewusst, leben in urbanen Zentren, sind Trend- und Jetsetter, sind nicht zwingend homosexuell auch wenn sie feminin erscheinen, haben Sinn für Ästhetik und einen ausgeprägten Hang zur Selbstinszenierung. Der metrosexuelle Lifestyle ist durchaus kostspielig, dementsprechend sind die echten Metrosexuellen häufig Ikonen der Popkultur: Neben David Beckham gelten Justin Timberlake, David Bowie, Neil Hannon und Morrissey als metrosexuell.

Den Typ Mann, der heute als metrosexuell bezeichnet wird, gab es vor circa 150 Jahren schon einmal: Damals nannte man ihn Dandy. Die charakteristischen Merkmale des Dandys treten im Metrosexuellen in modernisierter Form auf.
Der erste und vielleicht einzig wahre Dandy, weil konsequent im Nichts-Tun, war George Bryan Brummell (1778-1840). Als Freund und stilistischer Berater von George IV, später Prince of Wales, konnte er dem exquisiten Lebensstil eines Dandys frönen, ohne auf Arbeit zurückgreifen zu müssen. Nach Brummell kamen Charles Baudelaire, J. A. Barbey d?Aurevilly, Thomas Griffin Wainewright, Max Beerbohm und andere. Das Dandytum fand seine Ausprägung hauptsächlich in England und Frankreich. Seine erste Blüte hatte es um 1830 mit Brummell, um 1890 gab es im Rahmen der ästhetizistischen Bewegung eine Erneuerung des Dandytums, welches nun in exaltierter Form in Erscheinung trat. Der Ursprung des Dandytums liegt in einer oppositionellen, stark negierenden Haltung einer sich wandelnden Gesellschaft gegenüber. Dandys halten an aristokratischen Werten fest, in einer Zeit, in der die Aristokratie stirbt. An ihre Stelle tritt die moderne Gesellschaft im Zuge der Industrialisierung und Modernisierung.

Ziel des Dandys ist es, seine, durch die aufkommende Massengesellschaft bedrohte Individualität zu erhalten. Wie versucht er dies zu erreichen? Zunächst durch die äußere und innere Abgrenzung von allen anderen, der Masse also. Aber auch durch eine grundsätzliche Opposition und Negation alles Gegebenen und Akzeptierten. Der Dandy spielt auf subtile Weise mit den gesellschaftlichen Regeln und Tabus. Er steht immer am Rande der Gesellschaft, ist jedoch so geschickt im Umgang mit den Konventionen, dass er stets Teil der Gemeinschaft bleibt und ihre Aufmerksamkeit genießt. Er weiß, dass ein Ausschluss aus der Gesellschaft seinen Niedergang bedeuten würde.

Dandys legten großen Wert auf ihre äußere Erscheinung. Es gilt eine auffällige Unauffälligkeit: edle Stoffe und Schnitte, dezente Farben, wirkungsvolle Accessoires. Die Dandys der 1890er pflegten eine eher exzentrische Erscheinung mit schrillen Farben und wirren Accessoires wie der berühmten Blume im Anzug Oscar Wildes. Der Lebensstil ist elegant und kostspielig: die Einrichtung der Wohnung, Speisen und Getränke, Bibliothek, Gefährt, das Vergnügen in Clubs und Salons, Glücksspiel. Das Verhalten des Dandys ist äußerst dezent: Er versteht sich perfekt auf die gesellschaftliche Gesprächskultur, spricht aber nur, um zu wirken und zu verblüffen. Dementsprechend ist seine Rede charakterisiert durch Ironie, Sarkasmus, Paradoxa und Satire. Ein Dandy wird sich weder sprechend noch sonst irgendwie offenbaren. Er hält immer eine Maske aufrecht, spielt eine Rolle und versteckt sein wahres Ich. Seine Erscheinung ist dezent und stoizistisch. Er verachtet die anderen und zeigt dies auch. Er zelebriert einen Kult der Kälte, läßt sich von nichts beeinflussen. In seiner Opposition gegen eine Gesellschaft, die zunehmend auf Zwecke und Nutzen ausgerichtet ist, versucht er, sich allem Zweckhaften zu entziehen. Dementsprechend tut der Dandy idealerweise nichts. Da der Lebensstil jedoch finanziert werden muss, sind viele Dandys ihren ästhetischen Neigungen entsprechend tätig: als Dichter oder Maler, manchmal auch als Politiker, basierend auf seinem oppositionellen Charakter.

Wo finden sich diese Merkmale nun im Metrosexuellen? Es fällt auf, dass es zwei Ausprägungen des metrosexuellen Lifestyles gibt: Den am Spaß und Genuss orientierten, zu dessen Vertretern David Beckham und Justin Timberlake zählen, und schließlich den kulturkritisch motivierten, der dem Typus des Dandy näher kommt und zu dessen Vertretern David Bowie und Morrissey zählen.

Was sie einigt ist der urbane Lebensstil. Galten London und Paris als Zentren des Dandytums, so wächst die Zahl der Metropolen der Metrosexuellen um New York, Berlin, Wien, Madrid, Los Angeles, etc. Erst der moderne Flugverkehr ermöglicht das Jet-Set-Leben.

Damit einher geht das Aufspüren neuer Trends. Metrosexuelle sind Trendsetter. Schon die Dandys erfanden neue Kleidungsstücke, die Metrosexuellen erweitern dies um Frisuren, Make-up und Accessoires. Die Motivation ist jedoch eine andere. Die Metrosexuellen stehen nicht in Opposition zur Gesellschaft, sie kämpfen nicht um die Erhaltung ihrer Individualität. Vielmehr nutzen sie die Möglichkeiten, die die Gesellschaft ihnen gibt, um einen Lebensstil aufrechtzuerhalten, der von Genuss und Spaß dominiert ist. Der Lebensstil ist teuer, denn was zählt sind Statussymbole, Designerlabel und Marken. Dementsprechend sind die Metrosexuellen ? ähnlich wie die Dandys ? ästhetisch veranlagt und häufig als Künstler und, der kulturellen Verflachung entsprechend, als Pop-Idole tätig.

Einige tragen den oppositionellen Charakter der Dandys jedoch in veränderter Form zutage. Statt gegen das neu Entstehende zu revoltieren, bekämpfen und kritisieren sie das fragwürdig gewordene Existente. Während die Dandys die negativen Folgen einer Massen- und Konsumgesellschaft vorausahnten, erleben die Metrosexuellen diese tagtäglich. Sie nutzen ihre Kunst, sei es Musik, Schriftstellerei oder Audiovisuelles, um Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur kritisch zu beäugen. Sie nutzen ihre Macht positiv, um die Menschen, die ihnen zuhören, darauf aufmerksam zu machen.

Nehmen wir David Bowie: Er ist vielleicht der Prototyp des modernen Dandys, der dandyeske Metrosexuelle. Alles begann in den 70ern. Bowie war verhasst wegen seiner Provokation. Er bezeichnete sich selbst als homosexuell und bisexuell, damals ein großes Tabu. Bowie nutzte die Medien geschickt für seine Schockeffekte. Seine Bühnenoutfits waren mehr als androgyne Verkleidungen: Bowie schlüpfte in verschiedene Rollen und Posen, er erfand Charaktere wie Ziggy Stardust, Aladdin Sane und The Thin White Duke. Diese Selbstinszenierung und das gleichzeitige Verhüllen der eigenen Person, das Tragen einer Maske, ist ein zentrales Element des Dandytums. Ebenso die Betonung der Individualität: Bowie wollte nie zum Anführer einer Bewegung erhoben werden, auch wenn ihn viele als solchen sahen. Er sah sich lieber als elitär, was wohl auch mit dem masslosen Genuss von Kokain zusammenhängt. Drogen spielten auch bei den Dandies des 19. Jahrhunderts eine Rolle. Sie erweitern das Spektrum der sinnlichen Wahrnehmung und motivieren so neue Kombinationsmöglichkeiten bekannter Phänomene ebenso wie bislang ungeahnte Darstellungs- und Erlebnisweisen.

Die Provokation Bowies zeigte sich auch auf musikalischer Ebene. Er galt als Visionär und war einer der ersten Musiker, die mit elektronischer Musik experimentierten. Die Bereitschaft, von traditionellen Wegen abzuweichen und neue Experimente zu wagen, die von konservativen Köpfen als unmoralisch und subversiv angesehen werden, ist ebenfalls hochgradig dandyesk. Rebellion war der Antrieb. Bowie sprach in Interviews von seiner Resignation über den Weg, den die Gesellschaft eingeschlagen hat. Der Zukunftspessimismus ist allen Dandys gemein. Kritik an der Gesellschaft übt Bowies in seinen Videos (vgl. Lets Dance, China Girl). Ganz Dandy, beschränkt sich Bowie nicht nur auf Musik. Er vereinte von Anfang an Theater mit Musik. Nur so kann die Selbstinszenierung perfektioniert werden. Bowie arbeitet jedoch auch als Journalist und Maler. Und das Geschick im Aufspüren neuer Trends zeigt sich darin, dass er das Internet bereits Mitte der 90er Jahre intensiv zur Verbreitung seiner Kunst und zur Kommunikation mit seinen Fans nutzte.

Als Prototyp des neuen Dandytums beeinflusst David Bowie würdige Nachfolger wie bespielsweise Morrissey. Auch er versteckt sich geschickt hinter einer Maske der Arroganz, Unnahbarkeit und Ironie. Das Kunstobjekt Morrissey verbirgt die Person dahinter. Seit den Anfängen seiner Karriere mit den Smiths versteht sich Morrissey als asexuell. Er bezeichnete sich selbst lange als zölibatös, was im Zusammenhang mit der homoerotischen Ausstrahlung seiner Kunst die Ambiguität des Dandytums ausmachte. Was den Inhalt seiner Kunst betrifft, so stößt man auch hier auf skandalöse und tabuisierte Themen. Morrisseys Texte und Interviews sind oft ironisch oder schockierend. Texte über Vegetarismus und Rollstuhlfahrer begegnet man im Popbusiness eher selten. Morrissey scheut sich auch nicht politisch Stellung zu beziehen, vgl. The Queen is Dead. (Thatcher) Dadurch entsteht eine latente Subversivität, die provoziert. Anfang der 90iger wurde Morrissey von der britischen Presse als Sympathisant neonazistischer Tendenzen verhämt. Dahinter steckt das Dilemma des Dandytums: Das hermetische Abschirmen der Person (Steven Patrick Morrissey, David Jones) hinter der Maske des Kunstwerks (Morrissey, David Bowie) führt zu Neugier. Das gilt für die heutige Boulevardpresse ebenso wie für die im 19. Jahrhundert gerade aufkommende Yellow Press. Wo dem Publikum nicht gezeigt wird, was es sehen will, entsteht der Moment des Verdachts. Dies führt zu extremen Verhaltensweisen: Verachtung, Lüge, Missachtung und im Extremfall zu einem Ausschluss aus der Gesellschaft. Die radikale Einstellung der britischen Presse ist ja bekannt. Morrissey wurde gewissermaßen von den britischen Printmedien verstoßen, was seinen Erfolg in den USA keineswegs verringerte, im Gegenteil.

Vielleicht ist das Dandytum wirklich ein ausschließlich englisches Phänomen. Auch heute noch. Während das Phänomen des hedonistischen Metrosexuellen international zu beobachten ist, ist der moderne Dandy nur vereinzelt anzutreffen. Was damit zusammenzuhängen vermag, dass der Dandy von Selbst- und Fremd-Identifikation bestimmt wird. Vielleicht ist nur England aufgrund seiner historischen und gesellschaftlichen Bedingungen in der Lage, Dandytypen hervorzubringen. Vielleicht ist England weniger tolerant was individuelle Tendenzen, radikale Ehrlichkeit und das Aufgreifen tabuisierter Themen betrifft. Besonders wenn dies von Personen praktiziert wird, die damit spielerisch und ironisch umgehen. Personen, die sich hinter einer persona verstecken.

Futurama & Angel vs. die Simpsons & Buffy

Warum Futurama und Angel besser sind als die Simpsons und Buffy.

Es gibt Fernsehserien, die sind sehr gut, z.B. die Simpsons. Und Buffy. Buffy, the Vampire Slayer wohlgemerkt. Was viel besser klingt, als die lapidare deutsche Untertitelung: Buffy. Im Bann der Dämonen. Obwohl die auch nicht schlecht ist.

Es gibt aber auch Fernsehserien, die sind noch viel besser, auch wenn man zunächst daran zweifelt. Da wäre zum einen Futurama. Auch von Matt Groening, der Mann hinter den Simpsons. Das ganze sieht ähnlich aus, lustige Cartoons und frohe Farben. Die Geschichten sind aber viel besser. Das gleiche bei Angel, ein Spin-Off von Buffy. Angel musste seine große Liebe, Buffy, verlassen, da ihre Liebe - nun ja, potentiell tödlich ist. Also ist Angel nun in Los Angeles, und auch da müssen Vampire und Dämonen bekämpft werden.

Es scheint, als waren die Simpsons und Buffy jeweils die Vorbereitung auf Größeres und Komplexeres. Vielleicht sind diese beiden die Rettung unserer Teenagerjahre, während Futurama und Angel uns die Twenty-somethings, die unglaublich schwierigere Phase des Erwachsenwerdens leichter machen.

Als Teenager lebten wir noch wohlbehütet im Elternhaus, gingen zur Schule und verbrachten unsere Nachmittage irgendwie. Wir mussten uns nicht mit schlampigen Mitbewohnern rumplagen, überlegen, wovon wir die nächste Miete bezahlen, Termine auf Ämtern einhalten und uns obendrein ernsthaft Gedanken über unsere Zukunft machen. Die geschützte Atmosphäre der Adoleszenz spiegelt sich in den konsumierten Fernsehserien wider: Die Simpsons leben abgeschirmt in Springfield, ab und zu steht mal ein Ausflug nach Capital City, Afrika oder Australien an. Die Probleme sind die alltäglichen Kleinigkeiten und der unschuldige Unsinn Heranwachsender. Das gleiche bei Buffy: Obwohl viele Gefahren in Sunnydale lauern - Vampire, Dämonen, Monster - bleibt auch dies ein hermetisch abgeschirmter Bereich, der irgendwie Wohlbehagen ausstrahlt. Die Dämonen sind ohnehin alltäglich und symbolisieren vermutlich die Gefahren und Anstrengungen des Heranwachsens. Man überlebt irgendwie.

Und dann stößt man plötzlich auf Angel, in Los Angeles. Das ist wie die Schule beenden und vom Land in die Großstadt zu ziehen. Plötzlich ist man auf sich allein gestellt, Freunde und Familie sind zurückgeblieben. Und man ist Dingen und Situationen ausgeliefert, mit denen man erstmal klarkommen muss. Es gilt, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, überlegen, wohin man will und wie man das erreichen kann. Plötzlich enthüllt sich einem die Komplexität des Erwachsenwerdens. Oder ist es bereits das Erwachsensein?

In Angel gibt es plötzlich finanzielle Sorgen, reale Bedrohungen von anonymen Konzernen mit fragwürdigen Machenschaften (Wolfram & Hart), Verrat, Rache, Eifersucht, etc. Zudem gibt es in Los Angeles eine Menge mehr Menschen und Dämonen. Die Welt wird bunter und damit spannender. Wir sprechen hier von kultureller und ethnischer Vielfalt, dem Nebeneinander verschiedener Lebensstile. Sind wir offen, so führt das zu mehr Toleranz und wachsender Lebenserfahrung und Weltkenntnis. Nicht zu vergessen, dass Angel mehr als 200 Jahre alt ist und schon so einiges erlebt hat. Letztlich stellt sich beim Anschauen immer wieder das Gefühl ein: ?Da ist jemand, der mich versteht.? Und genau das brauchen wir im Chaos unserer Zeit.

Futurama geht da sogar noch einen Schritt weiter. Die ganze Geschichte ist nicht länger in einer Stadt angesiedelt, sondern mehr oder weniger im Weltraum. Und in der Zukunft. Ausgehend von der Basis in Neu New York reisen Fry und Konsorten durch das All, um Lieferungen auszutragen. Da wird die kulturelle Vielfalt nochmal exponentiell gesteigert. Während sich bei den Simpsons lediglich der Quoten-Inder und der Quoten-Afro-Amerikaner finden, sind Frys Freunde Amy vom Mars, Bender der Roboter, die einäugige (auch außerirdische) Leela, Frys Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel Prof. Farnsworth, der jedoch 160 Jahre alt ist, sowie Zoidberg, ein Art Hummerspezies. Mit der Ansiedelung der Geschichte im vermutlich unendlichen Weltall, steigen auch die Gefahren und Möglichkeiten des Daseins. Futurama greift genau die Probleme auf, mit denen wir Mittzwanziger konfrontiert sind: Die stetigen Erwartungen von Freunden, Familie, Arbeitgebern, Staat und Kunden, Liebe, Freundschaft, die Möglichkeiten und Risiken gesellschaftlichen Auf- und Abstiegs, Drogen und der latente Kampf ums Überleben. Immer gepaart mit der Frage nach dem Sinn des Daseins, der sich doch nie enthüllt.

Was bleibt ist die konstante Frage: Mache ich es wie Fry und konzentriere mich darauf, irgendwie aber einfach und genüsslich durchs Leben zu kommen? Oder doch lieber wie Angel und suche mir eine Aufgabe, irgendein Ziel, das es zu erreichen gibt - eine Mission? Aber die Entscheidung muss wohl jeder alleine treffen.

Generation X - Reloaded

Alle paar Jahre kreieren die Medien ein neues Buzzword für die Mitglieder unserer Gesellschaft, die sich irgendwo zwischen 20 und 35 befinden oder sich dem Alter entsprechend fühlen und verhalten: nach Generation X kam die Generation Golf, dann Generation @.

Ich selbst bin 24 und habe mich eigentlich immer der Generation X zugeordnet. Diese ist also keineswegs mit der Grunge-Bewegung untergegangen. Im Gegenteil: Die meisten Leute in meiner Umgebung gehören dazu. Wir leiden unter Perspektiv- und Antriebslosigkeit, Desillusionierung und Zukunftspessimismus. Wir flüchten uns in Party- und Drogenexzesse, um dem tristen Alltag wenigstens kurzfristig zu entfliehen.

A propos Flucht: Ich bin für drei Monate im Ausland. Im Mai hatte ich mein Studium beendet. Und bereits seit längerer Zeit stellt sich die Frage: Und was nun? Die Aussicht mit Mitte Zwanzig bereits einen 9 to 5 Bürojob auszuüben, und das - mit Variationen, sicherlich - für den Rest des Arbeitslebens, erscheint mir eher düster. Das bestätigen mir auch die Freunde, die diesen Weg gegangen sind. Nichtsdestotrotz ist dies die Erwartung meiner Eltern. Die gehören einer Generation an, die noch konstante Entwicklungen kennt. Ich kann nicht mal sagen, was nächstes Jahr sein wird. Vielleicht ist das das große Problem: Unsere Eltern haben uns mit einer linearen Weltanschauung erzogen. Das Leben liess sich planen. Und plötzlich ist man
erwachsen und die Welt ist ein einziges Chaos. Es lassen sich zwar viele Wege gehen, aber wo fängt man an? Wenn ich eine Tür aufmache, fallen dann fünf andere für immer zu? Kann und will ich das riskieren?

Also hatte ich gleich nach der Diplomprüfung meine Koffer gepackt, um eine dreimonatige Auszeit zu nehmen. Mit dem Gedanken im Hinterkopf, Klarheit darüber zu gewinnen, was ich mit meinem Leben eigentlich anfangen will, nicht nur beruflich. Die Frage stellt sich jedoch schon seit Jahren, ergebnislos. Und nun bin ich seit sechs Wochen hier und bin weiterhin ratlos. Die Gedanken drehen sich im Kreis. Und wohin ich gucke: letztlich geht es jedem so. Was beruhigend ist, irgendwie. Vielleicht ist das der beste Weg: nicht groß nachdenken, wer man ist und wohin man will, sondern einfach etwas machen, das Spaß bringt und einen über Wasser hält. So dümpeln wir alle vor uns hin, fühlen uns ewig jung und machen das beste aus dem, was wir haben.