Samstag, Januar 01, 2005

TRON oder "Ich bin Millionen Menschenjahre wert"

Tron, ein Film von Walt Disney aus dem Jahr 1982, markiert den Beginn des digitalen Films. Angesichts heutiger Cross-Marketing-Konzepte von Film, zugehörigem Videospiel, kostenpflichtigen Handy-Applikationen und diverser anderer Vermarktungskomponenten sollte man vermuten, dass Tron eine Art Werbefilm für Computerspiele ist. Zumindest unterschwellig. Tatsächlich war der Film zunächst mäßig erfolgreich, ganz im Gegensatz zum gleichnamigen Computerspiel. Um so erstaunlicher ist es, dass in Tron die zunehmende Technologisierung der Welt kritisch dargestellt wird. Und das bereits Anfang der achtziger Jahre.

Die Geschichte beginnt mit klassischem Datendiebstahl: Dillinger, der Chef der Computerfirma Encom, sitzt nur im Chefsessel, weil er vorgab Spiele entwickelt zu haben, die er eigentlich von Flynn geklaut hat. Flynn arbeitet mittlerweile nicht mehr bei Encom sondern ist Betreiber eines Clubs, in dem diverse Computerspiele gespielt werden können - unter anderem Space Paranoids, eines der Programme, die Dillinger ihm geklaut hat. Nebenbei ist Flynn nicht nur der beste Programmierer, sondern auch der beste Videospieler. Er ist so erfolgreich am Spielautomaten, dass sich regelmäßig eine Schar von Menschen um ihn bildet, die ihm bewundernd zuschaut. Nach wie vor hackt sich Flynn in das System von Encom ein. Er will die Beweise finden, die es ihm ermöglichen, gegen Dillinger vorzugehen.

Das zentrale Element des Encom-Systems ist mittlerweile das Master Control Program, kurz MCP. Dillinger hat das ehemalige Schachprogramm so programmiert, dass es all die Funktionen eines Programms übernimmt, die ihm nützlich erscheinen. Dadurch wird die Kontrolle über den Computer allmählich im MCP konzentriert. Es gibt immer weniger unabhängige Programme. Das Resultat dieser Usurpation des MCP ist, dass es sich zu einer Künstlichen Intelligenz entwickelt hat. Und, viel wichtiger: Es ist böse. Zudem größenwahnsinnig. Das MCP erpresst Dillinger, denn es weiß von seinem Verrat an Flynn. Die Beweise liegen irgendwo in seinem System und er kann sie jederzeit gegen Dillinger ausspielen. Die nächsten Ziele des MCP sind, sich in das Pentagon und den Kreml einzuhacken, denn "große Konzerne langweilen mich allmählich." Es strebt die Weltherrschaft an, schließlich ist es bereits 2415 Mal intelligenter geworden und kann die Welt "900 bis 1200 Mal besser regieren als jeder Mensch."

Seine Macht basiert auf seinem enormen Wissen. Das MCP sagt von sich selbst: "Kein User hat mich allein programmiert. Ich bin Millionen Menschenjahre wert." Dies ist bei weitem keine Panikmache von Computergegnern, zumindest nicht mehr im Jahr 2005. Transhumanisten (www.transhumanism.org) setzen sich unter anderem auf wissenschaftlicher Ebene mit der Zukunft von Künstlicher Intelligenz auseinander. Was sie als Singularität bezeichnen, ist genau der Punkt, den das MCP anstrebt: Das Wissen der Computer übersteigt das menschliche Wissen. Niemand kann absehen, was passiert, wenn das einmal eintreten sollte. Nur, dass der technologische Fortschritt exponentiell ansteigen würde und damit bislang gültige Gesetze außer Kraft treten.

Doch soweit ist es noch nicht, denn Flynn hackt sich erneut bei Encom ein, um die Daten zu finden. Dabei helfen ihm Alan und Lora, die bei Encom angestellt sind und merken, dass das System seit Aktivierung des MCP nicht mehr fehlerfrei arbeitet. Alan hat ein Programm namens Tron entwickelt, um diese Störungen zu beheben. Es handelt sich dabei um ein Sicherheitsprogramm, das komplett unabhängig vom MCP arbeitet, was dem MCP selbst natürlich ein Dorn im Auge ist. Er will es ausschalten, da Tron das MCP sogar überwachen könnte.
Nachdem Alan und Lora Flynn in das Gebäude eingeschleust haben (sehr schön ist übrigens die Szene, in der Flynn die riesige rote Hintertür knackt), setzt sich Flynn an Loras Computer, um sich in das System einzuhacken. Lora hat ein Laser-Transformations-Programm entwickelt, welches Gegenstände digitalisieren kann. Natürlich kann sich das MCP dieses Lasers bedienen und digitalisiert nun Flynn, so dass er aus der realen Welt in den Computer eingelesen wird.

In der virtuellen Welt, in der sich Flynn wiederfindet, herrscht das Böse. Alle vom MCP beherrschten Programme sind rot wie die Hölle. Die Programme, die noch von Usern geführt werden, also noch unabhängig vom MCP arbeiten, sind blau wie der Himmel. Die roten Tyrannen tragen heugabelartige Waffen, so dass sie wie Luzifer persönlich aussehen. Und auch das MCP selbst sieht bedrohlich aus: mal erscheint es als bedrohliches, löwenartiges Gesicht, dann wieder als teuflische rote Maske.
Die vom MCP festgenommenen Programme werden von den roten Schergen in Zellen gefangen gehalten. Auch Flynn wird in eine solche Zelle gebracht. Das Besondere an Flynn ist jedoch, dass er ein User ist, wogegen alle anderen Individuen in der virtuellen Welt Programme sind. Während diese nur die Befehle ausüben, die ihnen ihr User erteilt, ist Flynn eine eigenständige Intelligenz. Nur so kann es ihm gelingen, das MCP auszuschalten. Doch zunächst muss er der Überwachung entkommen. Sark, das Kommandoprogramm und eine Art Oberbefehlshaber, der dem MCP untersteht, stellt die gefangenen Programme vor die Wahl - und hier enthüllt sich ein Glaubenskrieg: Die Programme, die noch an User glauben, dieser "törichte Aberglaube", diese "abscheuliche Verwirrung", werden vom MCP eliminiert werden. Wer sich aber von seinem Glauben abwendet, der kann in die Kriegerelite des MCP aufsteigen. Das Machtstreben des Master Control Programs wird also von der Unterdrückung Andersgläubiger begleitet. Er will die totale Kontrolle und jede Unabhängigkeit ausmerzen, letztlich eine Diktatur errichten. Das MCP strebt ein monistisches Ideal an: "Ihr werdet alle ein Teil von mir und zusammen werden wir ein Ganzes sein."

Doch zuvor tritt Flynn an. Die blauen Programme müssen stets gegeneinander im Spiel antreten. Zarg unterscheidet zwischen sportlichen Programmen (also Spiele) und unsportlichen (beispielsweise ehemalige Buchhaltungsprogramme). Sie alle bekommen einen symbolträchtigen Gegenstand, den Diskus, der sowohl als Sportgerät fungiert, wie auch als Waffe, schließlich handelt es sich hier um ein Spiel zwischen Gut und Böse, auf Leben und Tod. Zuletzt erfüllt der olympische Diskus auch noch seine Funktion als Speichermedium. Es ist wunderbar, wie der olympische Gedanke des Spielens in diesem Film mit dem Diskus symbolisiert wird.

Während eines Spiels trickst Flynn seinen Gegner aus und flüchtet aus dem Spielraster. Flynn hat sich bereits mit dem Programm Tron, dessen User Alan ist, verbündet. Sie kooperieren, um das MCP lahmzulegen. Während ihres Vorgehens, das einerseits ein Kampf von Gut gegen Böse ist, andererseits ein Spiel (soll hier auf die Vorstellung angespielt werden, das Leben sei ein Spiel?) treffen sie auf lustige Bits, die nur Ja und Nein sagen können und deren Unterstützung damit eher hinderlich ist. An anderer Stelle passieren sie inoperative Daten, die wie Außerirdische aus einem Science-Fiction-Film aussehen und nutzlos im Weg stehen. Schließlich treffen sie noch auf Yoris, deren User Lora ist. Sie finden ihren Weg zum Tower Control Program namens Dumont. Er sieht aus wie eine Sphinx, orakelt überdies und vermisst die alten, glücklichen Zeiten, als die Programme noch unabhängig vom MCP agieren konnten. Dumont gewährt Tron Zutritt zum Input/Output-Tower, der neue Informationen auf seinem Diskus speichert, die Tron dann in der zentralen Schnittstelle des Systems einsetzen soll. Der Kampf von Gut gegen Böse nähert sich dem Ende. Tron: "Dieser Diskus ist der Schlüssel einer neuen Ordnung. Er wird uns die Freiheit wiedergeben."

So soll es geschehen. Tron steht vor dem MCP. Das Master Control Program ist wie das Ur-Böse in Buffy: Es kann keine körperliche Form annehmen. Also überträgt es seine Kräfte mittels eines Beams auf Sark, der plötzlich zu einem Riesen anwächst, dem sich Tron gegenübersieht - nun ja, zu dem er hinaufschaut. Nun ist es an Flynn. Er wirft sich in den Beam hinein, um das MCP abzulenken, so dass Tron seinen Diskus hineinschleudern kann. Die Ordnung wird wiederhergestellt. Alle Tower leuchten auf, alles Rot wird Blau. Und natürlich wird auch Flynn wieder hinaus digitalisiert.