Über die kulturelle Wirkung von Kleidung ist schon viel geschrieben wurden. So hat die Kulturgeschichte auch schon das modebewussteste Wesen identifiziert: den Dandy. Ich möchte an dieser Stelle eine Warnung aussprechen, um Mißverständnisse von vornherein aus dem Weg zu räumen. Der Dandy ist weit mehr als eine Modepuppe. Der Dandyismus ist ein Lebensstil der Anti-Haltung innerhalb dessen die Mode lediglich das erste sichtbare Zeichen ist. Dahinter steht jedoch eine Philosophie der Opposition und Revolte. Der Dandy stellt sich voller Verachtung gegen die bestimmenden Mächte seiner Zeit - primär das Bürgertum. Darüber kann an anderer Stelle mehr gelesen werden. Nur soviel noch: Die Phase des ersten Dandytums, die Regency-Dandies der 1820er und 1830er Jahre waren in ihrer gesellschaftlichen Opposition noch relativ gemäßigt. Ihnen ging es hauptsächlich um Distinktion. Das Aufbegehren gegen die gesellschaftliche Ordnung zeigte sich erst in der darauffolgenden Dandy-Generation.
Mir fiel nun eine der wohl bekanntesten Dandy-Novels der 1820er in die Hände: Edward Bulwer Lyttons »Pelham or Adventures of a Gentleman« (1827). Berühmt hauptsächlich dafür, dass der Ur-Dandy George Bryan "Beau" Brummell (1778-1840) in der Figur Russeltons porträtiert wird. Neben dem Erzählstrang und der Schilderung der englischen Gesellschaft enthält dieser Roman zusätzlich die Maximen betreffs der äußeren Erscheinung, die von den Dandies der Regency instituiert worden waren. Ich möchte diese im folgenden zitieren. Soweit mir bekannt ist, ist das Buch out of print. Noch vor zwei Jahren wäre ich anlässlich einer Seminararbeit jedoch froh gewesen, diese Maximen gefunden zu haben. Vielleicht denken andere ähnlich.
Was deutlich wird ist die über sich hinausweisende Funktion von Mode, die als semiotisches System wirkt. Innerhalb der alten, gefestigten Aristokratie war die semantische Funktion von Mode wohl am besten ersichtlich. Anhand der Kleidung bzw. Uniform liess sich der Stand und die Funktion einer Person genau definieren. Das Dandytum geht noch einen Schritt weiter: Die Mode wirkt über die Person hinaus, sie wird bewusst eingesetzt, um die Reaktion der Anderen vorherzubestimmen. Die Mode gewinnt also eine pragmatische Funktion, sie birgt in sich eine Handlungsanweisung.
Betrachten wir das genauer an den Maximen in »Pelham«. Mode wird zunächst als ein Mittel der Kunst definiert, die sich per se über die Natur erhebt (I). Sie wird also bewusst geformt, deshalb ist der Stil so wichtig. Da der Dandy dem Gentleman-Ideal entspringt, darf die Kleidung nicht exzentrisch, sondern muss elegant sein (II). Der Dandy begegnet damit den Modeverrücktheiten des Adels der damaligen Zeit. Die Mode war völlig überzogen, dementsprechend hießen ihre Träger u.a. »incroyables«. Zu dieser Eleganz gehört schlichte, unauffällige und vor allem saubere Kleidung (Brummell lancierte im Grunde den noch heute geltenden Männerstil des Anzugs mit Hemd und Krawatte; auch fiel es auf, dass er sich regelmäßig wusch), eine gewisse Nuance der Nachlässigkeit - das Styling darf also nicht gewollt erscheinen, sondern muss natürlich wirken. Dementsprechend sollten auch die Asseccoires wirksam aber nicht allzu auffällig sein. Das gleiche gilt für etwaige Innovationen. Brummell verdanken wir einige Arten, die Krawatte zu binden. Einem anderen Dandy, 'Beau' Petersham, verdanken wir den Petersham-Mantel sowie den Harrington-Hut. Auch die Farben sollten einem gemeinsamen Ton entsprechen. Es gilt also eine diskrete Erscheinung, die erst in ihrer Unauffälligkeit auffällig wird. Die größte Wirkung geht von den Details aus und diese sollen eben nicht nach persönlichem Geschmack ausgesucht werden, sondern einzig und allein aufgrund der Wirkung, die sie bei anderen erzielen (XXII). Damit sollte bewiesen sein, dass der Dandy-Stil nach außen gerichtet ist. Es geht um die Wirkung auf andere. Mode kann damit zu einem Mittel der Diplomatie werden, indem zu jedem Anlass das passende Kleid gefunden wird (VIII). Mode dient somit aber auch der Manipulation (IX). Ein altes Sprichwort sagt: »Die Kleidung macht den Mann.« Der Dandy lebt also in einer Zeit, in der der Schein über dem Sein dominiert. Der Mode kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. Sie präfiguriert die Wirkung und muss dazu strengen Konventionen und Normen unterliegen. Sonst ließe sich die intendierte Wirkung nicht so exakt voraussagen. In dieser Hinsicht ist unsere Gesellschaft heute freier. Wer einen Anzug trägt ist nicht zwingend ein Geschäftsmann. Ein elegantes Kleid impliziert nicht automatisch einen besonderen Anlass. Doch hier nun die Maximen aus »Pelham«. Die Ernsthaftigkeit des Autors sei dahingestellt; Tatsache ist jedoch die kulturelle Existenz der Dandies sowie die Rolle der Mode als Element der Opposition. Aber auch, dass affektierte Nachahmer, wie die erwähnten »incroyables«, das Zerrbild des Gecken provoziert haben.
»And here, as I am weary of tailors, let me reflect a little upon that divine art of which they are the professors. Alas, for the instability of all human sciences! A few short months ago, in the first edition of this memorable work, I laid down rules for costume, the value of which Fashion begins already to destroy. The thoughts which I shall now embody shall be out of the reach of that great innovateur, and applicable not to one age, but to all. To the sagacious reader, who has already discovered what portions of this work are writ in irony - what in earnest - I fearlessly commit these maxims; beseeching him to believe, with Sterne, that "everything is big with jest, and has wit in it, and instruction, too - if we can but find it out!
MAXIMS.
I. Do not require your dress so much to fit as to adorn you. Nature is not to be copied, but to be exalted by art. Apelles blamed Protogenes for being too natural.
II. Never in your dress altogether desert that taste which is general. The world considers eccentricity in great things genius; in small things folly.
III. Always remember that you dress to fascinate others, not yourself.
IV. Keep your mind free from all violent affections at the hour of the toilet. A philosophical serenity is perfectly necessary to success. Helvetius says, justly, that our errors arise from our passions.
V. Remember that none but those whose courage is unquestionable can venture to be effeminate. It was only in the field that the Spartans were accustomed to use perfumes and curl their hair.
VI. Never let the finery of chains and rings seem your own choice; that which naturally belongs to women should appear only worn for their sake. We dignify foppery when we invest it with a sentiment.
VII. To win the affection of your mistress, appear negligent in your costume - to preserve it, assiduous; the first is a sign of the passion of love; the second, of its respect.
VIII. A man must be a profound calculator to be a consummate dresser. One must not dress the same, whether one goes to a minister or a mistress; an avaricious uncle, or an ostentatious cousin: there is no diplomacy more subtle than that of dress.
IX. Is the great man whom you would conciliate a coxcomb? - go to him in a waistcoat like his own. "Imitation," says the author of Lacon, "is the sincerest flattery."
X. The handsome may be showy in dress, the plain should study to be unexceptionable; just as in great men we look for something to admire - in ordinary men we ask for nothing to forgive.
XI. There is a study of dress for the aged, as well as for the young. Inattention is no less indecorous in one than in the other; we may distinguish the taste appropriate to each, by the reflection that youth is made to be loved - age to be respected.
XII. A fool may dress gaudily, but a fool cannot dress well - for to dress well requires judgement; and Rochefoucauld says with truth, "On est quelquefois un sot avec de l'esprit, mais on ne l'est jamais avec du jugement."
XIII. There may be more pathos in the fall of a collar, or the curl of a lock, than the shallow think for. Should we be so apt as we are now to compassionate the misfortunes, and to forgive the insincerity of Charles I., if his pictures had portrayed him in a bob-wig and a pigtail? Vandyke was a greater sophist than Hume.
XIV. The most graceful principle of dress is neatness - the most vulgar is preciseness.
XV. Dress contains the two codes of morality - private and public. Attention is the duty we owe to others - cleanliness that which we owe to ourselves.
XVI. Dress so that it may never be said of you, "What a well-dressed man!" - but, "What a gentlemanlike man!"
XVII. Avoid many colors; and seek, by some one prevalent and quiet tint, to sober down the others. Apelles used only four colors, and always subdued those which were more florid, by a darkening varnish.
XVIII. Nothing is superficial to a deep observer! It is in trifles that the mind betrays itself. "In what part of that letter," said a king to the wisest of living diplomatists, "did you discover irresolution?" - "In its 'n's and 'g's!" was the answer.
XIX. A very benevolent man will never shock the feelings of others, by an excess either of inattention or display; you may doubt, therefore, the philanthropy both of a sloven and a fop.
XX. There is an indifference to please in a stocking down at heel - but there may be malevolence in a diamond ring.
XXI. Inventions in dressing should resemble Addison's definition of fine writing, and consist of "refinements which are natural, without being obvious."
XXII. He who esteems trifles for themselves, is a trifler; he who esteems them for the conclusions to be drawn from them, or the advantage to which they can be put, is a philosopher.«
(Edward Bulwer Lytton: Pelham or Adventures of a Gentleman. New York: The Mershon Company.)
Montag, Mai 16, 2005
Zur Semiotik der Mode
Sonntag, Mai 08, 2005
Eine kleine Kulturgeschichte der Haarlocke
Sie begegnete mir in der letzten Zeit häufig, hauptsächlich in der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts: Die Haarlocke einer Person, die andächtig aufbewahrt wird. Die kulturelle Bedeutung lässt sich aus dem jeweiligen Zusammenhang recht einfach erschließen. Es ist ein Symbol der Erinnerung an eine/n Geliebte/n. Ich begab mich auf die Suche nach dem Ursprung dieses Rituals.
Das »Handbuch des deutschen Aberglaubens« von Bächtold und Sträubli gibt zunächst Aufschluss über die kulturelle Bedeutung der Haare. So gilt das Haar traditionell als Sitz des Lebens, der Seele und der Kraft. Man erinnere an die biblische Geschichte Samsons. Seine Kraft lag in seinen Haaren. Nachdem Delilah ihm diese abschnitt, war er machtlos.
Hier schließt der Glaube an, durch das Abschneiden der Haare in den Besitz desjenigen zu kommen, der die Haare anschließend aufbewahrt. Dies tangiert nun auch die eingangs erwähnte Funktion der Liebe. So mag sich ein Liebender eine Haarlocke abschneiden und diese der Geliebten geben um sich so in einem übertragenden Sinne dieser treuevoll hinzugeben. Die Haarlocke wird somit zu einem Symbol der Treue und des Liebesschwures. Dieses Motiv findet sich bereits auf ägyptischen Grabmalereien, wo Pharaonen und Pharaoninnen jeweils dem anderen ein Stück ihres Haares geben, als Symbol der ewigen Liebe.
Das Prinzip gilt aber auch umgekehrt in negativer Funktion: König Salome spricht von einem Ritual, dessen zentrales Element die Haarlocke einer Frau ist, um diese so von Untreue abzuhalten. »Man nehme eine Locke von den längsten Haaren einer Frau, verbrenne solche auf glühenden Kohlen, streue die Asche davon auf ein Bett oder ein Sofa, oder irgendein Möbel, welches man zuvor mit Rosenhonig eingerieben hatte, so wird sie niemals Sehnsucht und Gelüste nach einem anderen Manne fühlen, die Galanterien anderer Männer mit Stolz zurückweisen, von Untreu keine Ahnung haben.« (s. Bächtold/Sträubli)
Die symbolische Kraft der Haare wurde bereits im späten 16. Jahrhundert von den Schweden wirtschaftlich genutzt. Hier entstand ein Kunsthandwerk und -gewerbe, dessen Arbeitsmaterial Haare waren. Diese Kunstwerke aus Haar wurden schließlich in vielen europäischen Märkten vertrieben. Häufig wurden die Haare mit Schmuck verarbeitet, beispielsweise Ketten, Anhänger, Ohrringe und Uhren.
Ein neuer Boom entstand dann im Viktorianischen Zeitalters Englands. Nachdem der Mann Queen Victorias verstorben war, erlaubte diese nur Trauerschmuck. Besonders eben jenen, der die Haare des Verstorbenen enthielt. So wurde es im 19. Jahrhundert Mode, den Nachfahren und Freunden, zur Erinnerung und als Zeichen der Liebe, Ringe zu hinterlassen, die eine Locke des eigenen Haares beinhalteten. Angeblich bewahrten auch die treuesten Soldaten Napoleons nach seinem Tod die Haarlocken ihres ehemaligen Heerführers, um so seine Kraft zu erhalten. Die Tradition drang gar bis in die Neue Welt. In den Vereinigten Staaten von Amerika hinterließen die Soldaten des Bürgerkrieges ihren Verwandten eine Locke ihres Haares bevor sie in den Krieg zogen. Fiel ein Soldat, so wurde diese Locke in einem Schmuckstück aufbewahrt.
Als Sitz des Lebens und auch der Lebenskraft fungiert das Aufbewahren einer Locke dieses Haares also zur Erinnerung an eine Person, sei diese nun tot oder noch lebendig. In den meisten Fällen ist die Haarlocke ein Symbol der Liebe, mit der man sich in den Besitz einer Person begeben möchte oder auch nur in das Gedächtnis eines anderen Menschen - eine Art "Vergiß mein nicht".
Das hinterlistige Abschneiden des Haares ist im Gegensatz dazu ein Verletzung der Person. Im übertragenen Sinne wird ihm die Macht und Kraft genommen. Dieses Ritual ist bis heute wirksam, beispielsweise in Gefängnissen. Die Rasur des Kopfhaares kann so schnell psychologische Auswirkungen nach sich ziehen. Der geschorene fühlt sich nackt, hilflos, gedemütigt und stigmatisiert. Er wird den anderen gleichgestellt, womit zumindest oberflächlich die Individualität verloren geht.
Freitag, Mai 06, 2005
Kreativität für Unkreative

An dieser Stelle mal ein Link für alle, die kreativ sein möchten aber es eigentlich gar nicht sind. Aus unzähligen Vorlagen lässt sich die individuelle Southpark-Figur zusammenstellen. Das bringt Spaß und führt zu tollen Ergebnissen.
http://images.southparkstudios.com/games/create/

