Mittwoch, Juni 29, 2005

Kleine Kulturgeschichte zu Tom & Jerry



Als Kind des Ostens lernte ich Tom & Jerry erst recht spät kennen. Lange - bis noch vor einigen Wochen - glaubte ich, sie wären ein Produkt der amerikanischen Unterhaltungsindustrie. Doch dann stieß ich auf etwas, das es wahrscheinlich werden lässt, dass Tom & Jerry bis ins England der Regency zurückreichen: Pierce Egan's »Life in London, or Days and Nights of Jerry Hawthorne and his elegant friend Corinthian Tom«. Pierce Egan war Journalist und trieb sich gern im pikanten Milieu der unteren Gesellschaftsschichten Londons herum. Er galt besonders im Bereich des Boxens als Kenner.

Was hat es nun mit Jerry Hawthorne und Corinthian Tom auf sich? Jerry ist Toms Cousin vom Lande, Corinthian Tom der urbane Flaneur und gemeinsam mit ihrem Freund Bob Logic, ein Gelehrter, machen sie sich auf, London zu erforschen. Toms Zuname »Corinthian« bedarf der Erläuterung. »Corinth« war in damaligen Zeit ein Synonym für Unmoral, hergeleitet von der gleichnamigen antiken Stadt Korinth mit ihren schönen Tempelprostituierten. Tom, Jerry und Bob sind also keine englischen Gentlemen, auch wenn sie auf den ersten Blick so erscheinen mögen (s. Bild). Sie müssen eher den lasterhaften, hedonistischen Bucks zugeordnet werden. Das sind reiche, müßiggängerische Männer der Aristokratie, die sich die Langeweile vertreiben wollen. Es gab zahlreiche solcher Männer, die dem Glücksspiel, Pferdewetten und dem Alkohol verfielen. Was Tom und Jerry nun unterscheidet ist ihr Wandern auf der gesellschaftlichen Skala. Sie tanzen wie auf dem Bild in den höchsten Gesellschaftskreisen des Almack's Club, tauchen aber auch in die dunkelsten Kaschemmen ab.

Tom Egan's »Life in London« besteht aus Egan's Texten und den Abbildungen des Karikaturisten George Cruikshank. Die Abenteuer von Jerry & Corinthian Tom waren sehr beliebt und wurden schnell auf die Bühne gebracht. Bierhallen wurden auch als »Tom and Jerry Shops« bezeichnet. Die Assoziation des Lasters, des Umherwandelns in diversen gesellschaftlichen Gefilden, eben auch in den dreckigen und unteren Bereichen des industriellen Londons, führten schnell zur Assoziation des Unmoralischen.

Mit dem Beginn des puritanischen Viktorianischen Zeitalters war Egan's Werk somit schnell verpönt. Schlechte, das hieß damals unmoralische, Literatur wurde gern mit Tom & Jerry verglichen, so dass sich der Begriff erhielt. Das Bürgertum, das sehr schnell sehr viel Macht und gesellschaftlichen Einfluss erhielt, definierte die geltenden Werte: Fleiss, Sauberkeit, Pflichtbewußtsein, Tugend, Ehrlichkeit, etc. Damit war der Lebensstil der Bucks, wie ihn Corinthian Tom und Jerry repräsentierten, verachtenswert. Das Verb »to Tom and Jerry« wurde zu einem Ausdrück für rücksichtsloses und gewalttätiges Verhalten.

Und dies erklärt vielleicht auch den Namen der Cartoon-Figuren, die ursprünglich Jasper and Jinx hießen. Es muss circa 1940 gewesen sein, als der Zeichner John Carr - im Team von William Hanna und Joseph Barbera, den Erfindern von Tom & Jerry - mit eben diesem Namen aufkam. Vielleicht kannte er die Abenteuer von Corinthian Tom und seinem Cousin Jerry, oder auch nur die Bedeutung des daraus entstandenen Verbes, das die Aktionen von Tom & Jerry immerhin treffend beschreibt.

Mittwoch, Juni 22, 2005

»I know who's President, and that I sorta wish I didn't.« Bush-Kritik in 'Angel, Jäger der Finsternis'

In der vierten Staffel von 'Angel. Jäger der Finsternis' stehen Angel und sein Team einem gefährlichen Gegner gegenüber: Jasmine. In der Mythologie des Masterminds Joss Whedon - der Mann, der 'Buffy' und 'Angel' erschaffen hat - ist sie die Frucht des Bösen. Jasmines Vater ist Connor, Angels Sohn und an sich schon eine unmögliche Geburt, da seine beiden Eltern - Angel und Darla - Vampire sind. Connors Geburt war eine Prophezeihung und nicht zuletzt auch eine Manipulation Jasmines, um überhaupt in die Welt gebracht werden zu können. Jasmines Mutter Cordelia, steht eigentlich Angel nahe. Doch auch sie ist nur eine Figur auf dem Spielbrett des Lebens, die der Verführung Connors dient. Sie musste erst auf die Erde zurückgeholt werden, denn am Ende der dritten Staffel wurde sie als Höheres Wesen in den Himmel befördert. Nach ihrer Rückkehr ist ihr Gedächtnis verloren. Sie kann sich zwar an alltägliche Dinge erinnern, hat aber keinerlei Wissen über ihre eigene Person. Sie weiss nicht nur, wo es die besten Schuhe gibt, sondern auch: »I know who's President, and that I sorta wish I didn't.« Zur Zeit der Ausstrahlung war, und ist noch immer, George W. Bush Präsident der USA. Gesellschaftskritik ist ein grundsätzliches Thema sowohl in 'Angel' als auch in 'Buffy'. Doch selten so direkt und präzise wie hier. Die vierte Staffel lässt sich als eine Allegorie der Bush-Administration lesen.

Jasmine steht demzufolge für die Bush-Regierung: ihre Anhänger für deren Anhänger; Fred, Angel und der Rest der Gang symbolisieren die US-Gegner und schließlich Stoler, Fred und Angel die Terroristen.

Es werden sogar einzelne Termini des Terrorismus-Diskurses übernommen: »..those freakin' Jasmaniacs and their demon jihad.« Dieses Zitat belegt die negative Perspektive, von der aus Jasmine betrachtet wird. Ihre Anhänger als 'Jasmaniacs' zu bezeichnen bringt die Konnotation des Verrückten und Geisteskranken mit sich. Und tatsächlich fallen alle, die Jasmine sehen oder hören, unter ihren Bann. Sie werden glücklich und ausgeglichen, verlieren dabei aber ihre Persönlichkeit. Ein gutes Beispiel liefert der Buchhändler Ted, der recht vielen Verschwörungstheorien unterlegen ist. Als Fred ihn fragt, ob er nun, nachdem auch er Jasmine huldigt, noch an die Lauschangriffe des CIA glaubt, antwortet er: «I believe. I just don't worry about it anymore.« Sein eigenes Glaubens- und Wertesystem ist ausgeschaltet, doch Ted erliegt, wie alle anderen auch, einer glückseligen Gleichgültigkeit. Der 'jihad' dreht nun den Spieß um: Ist damit im aktuellen politischen Kontext der Heilige Krieg der Islamisten bezeichnet, wird er hier statt dessen auf Jasmin und ihre Anhänger bezogen - im übertragenen Sinn also auf die Bush-Regierung. Denn deren Vorgehensweise ist nicht minder verurteilbar. Warum soll im folgenden dargelegt werden.

Warum ist Jasmine auf die Erde gekommen? Der Zuschauer weiss, dass sie die Frucht des Bösen ist und böse sein muss - auch wenn es zunächst nicht so scheint. Alle, die ihr begegnen, unterliegen ihrem Bann. Sie glauben an ihre guten Absichten. Jasmine sagt, sie sei gekommen »to change the world« und »to eradicate all evil«. Sie erscheint auch dem Zuschauer als gesandt von den Mächten des Guten bzw. als eine Macht des Guten selbst. Denn Jasmine ist eine uralte Gottheit in Menschenform. Dieser Anspruch, die Welt zu retten, findet sich auch bei George W. Bush. Ich beziehe mich im folgenden auf eine Rede, die George W. Bush im September 2004 vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York gehalten hat (http://www.whitehouse.gov/news/releases/2004/09/20040921-3.html). »Now we have the historic chance to widen the circle even further, to fight radicalism and terror with justice and dignity, to achieve a true peace, founded on human freedom.« Bush will die Demokratie festigen: »Because we believe in human dignity, peaceful nations must stand for the advance of democracy.«

Die Motivation dieses Tuns ist bei Bush und Jasmine identisch. Bush sagt, die Würde der Menschen sei »dishonored by oppression, corruption, tyranny, bigotry, terrorism and all violence against the innocent.« Und weiter: »(..) across the world, the enemies of human rights are responding with violence.« Es gibt also viel Übel in der Welt, die den Menschen ihre Freiheit nehmen. Jasmine hält es allgemeiner, sieht es aber ähnlich: »For so long you've all been drowning in the fighting and the pain.«

Nachdem der kritische Zustand der Welt erkannt ist, kommt der Zeitpunkt um aktiv zu werden. Jasmine berichtet: »We became more than observers. I could no longer bear to just watch. All the suffering.« Sie entschließt sich also, auf die Erde zurückzukommen und das Leid der Menschen zu beenden. Bush argumentiert ähnlich: »For too long, many nations, including my own, tolerated, even excused, oppression in the Middle East in the name of stability. (...) We must (...) strive to build a community of peaceful, democratic nations.« Beide erreichten einen Punkt, an dem sie nicht länger zugucken konnten, sondern aktiv werden mussten.

Jasmines Vorgehen ist recht simpel: »One evil at a time.» Und das könnte man auch Bush unterstellen. Er scheint die 'Axis-Of-Evil' sauber abzuarbeiten. Erst Irak, dann Afghanistan, als nächstes vielleicht der Iran. Als konkrete Ziele, die bekämpft werden sollen, nennt Jasmine »War, disease, poverty.« Das deckt sich mit den Absichten Bushs. Bekämpft werden soll der Krieg im Sudan, die Immunschwächekrankheit AIDS, sowie Armut. Was AIDS betrifft, so unternimmt Bush folgendes:
»America has undertaken a $15 billion effort to provide prevention and treatment and humane care in nations afflicted by AIDS, placing a special focus on 15 countries where the need is most urgent. AIDS is the greatest health crisis of our time, and our unprecedented commitment will bring new hope to those who have walked too long in the shadow of death.«
In Hinblick auf die Armut schlug er auf der Generalversammlung der Vereinten Nationen vor, einen 'Democracy Fund' zu errichten. »The fund would help countries lay the foundations of democracy by instituting the rule of law and independent courts, a free press, policital parties and trade unions. Money from the fund would also help set up voter precincts and polling places, and support the work of election monitors. To show our commitment to the new Democracy Fund, the United States will make an initial contribution.«
Die guten Absichten dahinter sind erkennbar, fraglich ist jedoch, inwieweit sich Länder, die sich aus diesem 'Democracy Fund' bedienen wollen, gewissen Regeln und Auflagen fügen müssen, die das Prinzip Demokratie von Beginn an ad absurdum führen.

Das Vorgehen gegen Ungerechtigkeit ist zwar gerechtfertigt - dazu später mehr - aber auch teuer bezahlt. Bush sagt: »The advance of freedom always carries a cost, paid by the bravest among us. America mourns the losses to our nation, and to many others.« Die Bush-Regierung verfolgt ihre Ziele, indem sie andere Länder angreift, also Kriege führt. Dies bedeutet natürlich, dass sowohl eigene Soldaten sterben wie auch diejenigen des angegriffenen Landes, nichtzuvergessen unschuldige Zivilisten.
Auch Jasmines Herrschaft fordert viele Opfer. Zunächst musste sie einen Weg in die Welt finden: Es regnete Feuer vom Himmel und die Sonne verdunkelte sich über Los Angeles, so daß die ganze Stadt eine Art Buffet für Vampire und andere Dämonen wurde. Nach ihrer Ankunft manipuliert Jasmine die Menschen, nimmt ihnen ihren freien Willen und muss ich zur Aufrechterhaltung ihrer Energie sogar von Menschen ernähren.
Unter Jasmine sind die Menschen gleichgeschaltet. Sie fällen keine eigenständigen Entscheidungen sondern folgen Jasmines Wünschen. Nichts anderes tut Bush, wenn von den USA tolerierte Übergangsregierungen eingesetzt werden, die Verfassungen ausarbeiten, welche ebenfalls von den USA vorgegeben sind und die nur wenig Mitspracherecht erlauben. Fraglich ist auch, inwieweit die demokratischen Wahlen, die sich daran anschließen wirklich demokratisch sind. Vollkommen frei und unabhängig sind diese Regierungen sicherlich nicht.

Dass sich manche Menschen diesem Vorgehen widersetzen ist nur natürlich. In Angel sind es zunächst Stoler und Fred. Sie sehen das wahre Gesicht von Jasmine: ein von Würmern zerfressenes. Fred fiel erst aus ihrem Bann, nachdem sie mit Jasmines Blut in Kontakt kam. Stoler will sie von Anfang an töten. Auch er sieht ihr wahres Gesicht. Stoler steht damit symbolisch für die Terroristen, die sich den USA von Beginn an widersetzen. Fred dagegen personifiziert diejenigen USA-Kritiker, die sich mit vergangenen und aktuellen Taten der USA auseinandersetzen und ein heuchlerisches Gebahren dahinter entlarven. Jasmine schlußfolgert, es sei »the hatred that's infected her (Freds) heart.« 'Infected' wohlgemerkt: Der Mensch an sich ist gut, jemand hat ihm das Böse nur eingeimpft. Deswegen lohnt sich der Kampf, denn die Menschen sind ja zu retten und zu heilen. Man muss nur das Böse ausmerzen. Das ist im Falle der Bush-Regierung gerne mal ein Diktator. Solch böse Menschen haben natürlich böse Gefühle. Diese Erklärung ist schön einfach. Die Gegner hassen die Werte, die Jasmine bzw. die USA schätzen. Dass dies auf kulturellen, sozialen und religiösen Unterschieden beruht, wird im Hegemoniestaat USA gern übersehen. Die westlichen, demokratischen Werte sind schließlich die richtigen.

Es ist Jasmines Blut, das sie rein wäscht. Stoler und Fred gehören zu jenen «enemies of human rights (that are) responding with violence.« Das ist ein recht höhnischer Satz von Bush, suggeriert er doch, dass die Aktionen, auf die diese 'enemies' reagieren, nicht von Gewalt geprägt seien. Vielleicht denkt Bush, dass die guten Ziele, die er verfolgt, seine Taten rechtfertigen. Gleiches könnte man auch Jasmine unterstellen. Dazu die Schlussargumentation des Kampfes:

Angel: »Jasmine, it's over. You've lost.«
Jasmine: »I've lost? Do you have any idea what you've done?«
Angel: »What I had to do.«
Jasmine: »No. No, Angel. There are no absolutes. No right and wrong. (...) There are only choices. I offered paradise. You chose this!«
Angel: »Because I could. Because that's what you took from us. Choice.«
Jasmine: «And look what free will has gotten you.«
Angel: »Hey, I didn't say we were smart. I said it's our right. It's what makes us human.«
(...)
Jasmine: »And how many will die because of you? I could've stopped it, Angel. All of it. War, disease, poverty. How many precious, beautiful lives would've been saved in a handful of years? Yes, I murdered thousands to save billions. This world is doomed to drown in its own blood now.«
Angel: »The price was too high, Jasmine. Our fate has to be our own, or we're nothing. (..) Look, we've all done horrible things. All we can do is try and make up for it.«

Es geht also um Selbstbestimmung. Jasmine und die USA kommen daher und bestimmen, was für Andere das Beste sei. Und dann setzen sie das - gewaltsam - durch. Dagegen kämpfen Angel wie auch die betroffenen Länder. Sie wollen selbst entscheiden, was das Beste für sie ist. Es ist nur natürlich, dass dabei Fehler unterlaufen, was im schlimmsten Fall eine Diktatur sein kann. Ganz offensichtlich ist die Demokratie die beste Staatsform. Doch wenn sie in einigen Ländern nicht existiert, so sollte der Umsturz doch aus dem Land selbst kommen. Wie es die USA momentan handhaben, nehmen sie den Menschen erst ihre individuelle Handlungsfähigkeit, um sie ihnen dann zu schenken. Das ist absurd.

Es wird ersichtlich, dass Jasmine nur das Beste für die Menschen wollte. So begründet sie ihr Tun auch mit: »Because I cared. The other Powers don't. Never really did. You know that's true in your heart.« Die Menschen lagen ihr am Herzen. Ähnlich ist es in den USA. Der Kern der Rhetorik ist, dass die Demokratie als beste Staatsform in alle Ecken der Welt vordringen soll, um alle Menschen glücklich zu machen. Das ist zunächst nicht zu verurteilen. Doch sind die gewählten Mittel fraglich. Die Länder anzugreifen und dann eine Demokratie gewaltsam zu instituieren kann nicht gutgeheißen werden. Dies ist eine Unterdrückung anderer Staaten, die nicht hingenommen werden kann. Es sollte jedem Land, das ja immer auch ein unabhängiges und eigenständiges Geflecht ist, grundsätzlich die Gelegenheit gegeben werden, seine Entwicklung selbst zu bestimmen. Natürlich gibt es Konflikte und Unterdrückungsmechanismen, doch es kann nicht die Lösung sein, dass sich einzelne Länder als 'Weltpolizei' aufspielen und jene Länder - unzweifelhaft mit tiefergehenden wirtschaftlichen Interessen - von Grund auf zerstören und anschließend ihren Vorstellungen und Bedürfnissen entsprechend umstrukturen.