Montag, August 07, 2006

DANDY*O*RAMA .-. Henri de Marsay (Balzac)


Henri de Marsay ist ein geschmackvoll gekleideter junger Mann von freiem und natürlichem Anstand. Er ist der natürliche Sohn des Lord Dudley und der berühmten Marquise von Vordac. Sein Herz und Geist waren mit sechzehn Jahren so gut bestellt, dass es einen Mann von vierzig über den Löffel barbieren konnte. Henri de Marsay wurde für den hübschesten Jungen von Paris gehalten, er hatte die schmachtend trügerischsten blauen Augen, die buschigsten schwarzen Haare, reines Blut, zarte Mädchenhaut, einen weichen und bescheidenen Ausdruck, schlanken, adligen Wuchs und außerordentlich schöne Hände. Hinzu kam ein Löwenmut und Affenbehendigkeit, er ritt wie ein Centaur, fuhr mit schöner Gewandheit vierspännig und war flink wie ein Cherub. Er spielte ferner so gut Klavier und besaß eine wunderschöne Stimme. Aber er war durch ein entsetzliches Laster getrübt: er glaubte weder an die Männer noch an die Frauen, weder an Gott noch an den Teufel.



Der junge Mann betrachtete die Spaziergänger mit jener Schnelligkeit des Gesichts und Gehörs, welche dem Pariser zu eigen ist, der auf den ersten Blick hin nichts zu sehen und nichts zu hören scheint und dennoch alles sieht und alles hört. Die beiden ein elegantes Leben führenden Gattungen von jungen Männern (der auch Henri de Marsay angehört) sprechen ins Blaue hinein über Dinge, Menschen, Bücher und schöne Künste. Sie unterbrechen ein Gespräch durch einen Witz, ziehen die Wissenschaft und den Gelehrten ins Lächerliche, missachten alles, was sie nicht verstehen, oder alles, was sie fürchten, und dann erheben sie sich über alles, indem sie sich als höchste Richter über alles aufspielen. Sie glauben an nichts, machen sich über die Sittsamkeit lustig, bedienen sich der Berechnung, Verderbnis und einer rohen Sucht, emporzukommen. Dieselbe Spöttelei beherrscht ihre verschiedenen Sprechweisen, sie sehen es alle auf Verschrobenheiten in ihrer Kleidung ab, machen sich einen Ruhm daraus, die Dummheiten dieses oder jenes gerade beliebten Schauspielers zu wiederholen. Sie zeigen Geringschätzung und Unverschämtheit, sind gleichgültig gegen das Unglück des Vaterlandes und seine Nöte. Sie kleiden sich festlich, speisen, tanzen und vergnügen sich am Tage der Schlacht von Waterloo. Paul von Manerville, der Freund von Marsay, seine Miene schien zu sagen: »Beleidigt uns nicht, wir sind wahre Tiger.«

Henri de Marsay bekam alle Frauen, die er zu begehren geruhte. Aber von Marsay mussten seine Triumphe langweilen, da er derartig leicht triumphierte, und er langweilte sich seit zwei Jahren auch wirklich sehr. Indem er bis auf den Grund aller Wollüste tauchte, brachte er mehr Kies als Perlen herauf. Beständige Übersättigung hatte in seinem Herzen das Gefühl der Liebe erstickt. Er kannte nur noch tolle Launen und verderbliche Lüste, Begierden, welche, befriedigt, ihm keine gute Erinnerung im Herzen zurückließen.

Einmal sagte Heinrich zu seinem Freund Paul von Manerville: »Du nimmst es nicht übel, wenn ich mich in deiner Gegenwart ankleide?« »Was für ein Unsinn.« «Wir nehmen in dieser Zeit so viel von den Engländern an, dass wir auch scheinheilig und zimperlich werden könnten wie sie.« Henri gibt eine übertriebene Geckenhaftigkeit vor, die an ihm nicht natürlich sein kann. Henri: »Weißt du, warum die Weiber die Gecken lieben? Die Gecken sind die einzigen Menschen, welche auf sich selber Sorgfalt verwenden. Heißt das nicht offenbaren, dass man das Gut anderer in sich selber pflegt? Ein Geck, der sich mit seiner Person abgibt, gibt sich mit Tand und kleinen Sachen ab. Und was ist das Weib? Eine kleine Sache, ein Haufen Tand. Versetzt man es nicht mit zwei in die Luft geworfenen Worten vier Stunden lang in Aufruhr? Das Weib ist sicher, dass der Geck sich mit ihm abgeben wird, da er nicht an große Dinge denkt. Es wird niemals um des Ruhmes, des Ehrgeizes, der Politik oder der Kunst willen vernachlässigt werden. Ferner haben die Gecken den Mut, sich mit Lächerlichkeit zu bedecken, um dem Weibe zu gefallen. Der Geck ist der Major der Liebe, er ist reich an Siegen. Geckenhaftigkeit, mein Freund Paul, ist also das Kennzeichen einer unbestreitbaren, über die weibliche Welt erlangten Macht, das Recht zu haben jedermann von der Höhe der Vorzüglichkeit seiner Halsbinde herab oder durch ein Monokel anzusehen und den bedeutendsten Menschen verachten zu können, wenn er eine rückständige Weste trägt.«

Henri war kein Freigeist - denn dieses Wort ist immer eine Lächerlichkeit -, sondern ein Mensch von einer ganz ungewöhnlichen Kraft, ein so großer Mensch, als man es ohne Glauben sein kann. Er verfügte über die gelehrte Aufmerksamkeit des abgestumpften Menschen, welcher gierig nach neuen Lüsten ist. Seine Seele war in einem Alter geweitet, in welchem die jungen Leute sich gewöhnlich klein machen, indem sie sich unter die Weiber mischen oder sich zuviel mit ihnen beschäftigen. Er hatte seine Größe dem Zusammentreffen geheimer Umstände zu verdanken, welche ihn mit einer unermesslichen unbekannten Macht bekleideten. Von Marsay übte die selbstherrliche Macht eines morgenländischen Gewaltherrschers, verzehnfacht durch europäische Klugheit und französischen Geist, als welcher das lebhafteste und schärfste aller Verstandeswerkzeuge ist. Henri konnte, was er um seiner Lüste und Eitelkeiten willen wollte. Diese unsichtbare Gewalt über alle Schichten der Gesellschaft hatte ihn mit einer wirklichen, aber geheimen, prunklosen und auf ihn selbst beschränkten Majestät bekleidet. Henri de Marsay weiss, dass Verschwiegenheit die schlaueste aller Berechnungen ist.

Er versagte sich selten einen Hohn. »Wie belustigend es ist, die Menschen hinters Licht zu führen, indem man sie des Geheimnisses seiner Leidenschaften beraubt. Ich finde ein ungeheures Vergnügen darin, der blödsinnigen Beurteilung durch die Menge zu entgehen, welche das Mittel für das Ziel hält, abwechselnd vergöttert und verflucht, abwechselnd aufbaut und niederreißt. Welche Freude, ihr Erregungen zu bereiten und keine zu erleiden, sie zu täuschen und ihr niemals zu gehorchen. Wenn man auf etwas stolz sein kann, ist es dann nicht auf die selbsterworbene Macht, von der wir zugleich Ursache, Wirkung, Gesetz und Ergebnis sind? Aber in meine Karten sehen lassen, das wäre Schwäche, Narrheit.«

Wie bei vielen großen Geistern, war sein Scharfblick nicht umfassend, er drang nicht mit einem Schlage bis auf den Grund der Dinge. Von Marsay gebrauchte vorerst seine Waffen nur zum Vorteil seines Vergnügens und wurde erst dann einer der tiefsten Staatsmänner der gegenwärtigen Zeit, als er sich mit jenen Freuden gesättigt hatte, an die ein junger Mann zuallererst denkt, wenn er Gold und die Macht hat. So härtet sich ein Mann, indem er sich zuerst des Weibes bedient, damit sich das Weib nicht seiner bedienen könne. Da ihm keine der gesellschaftlichen Verderbtheiten unbekannt war, da er für den Gegenstand aller Gelüste eine vollkommene Gleichgültigkeit bekannte und sie durch die Möglichkeit ihrer Befriedigung sogar für gerechtfertigt hielt, scheute er sich vor dem Laster nicht, er kannte es, wie man einen Freund kennt, aber es verletzte ihn, ihm als Nahrung gedient zu haben. Henri verstand nicht, zu vergeben. Die Wildheit der Menschen des Nordens, mit der das englische Blut stark genug durchsetzt ist, hatte er von seinem Vater ererbt. Er war unerschütterlich in seinen guten wie in seinen bösen Empfindungen.

Aus: Honoré de Balzac: Das Mädchen mit den Goldaugen. Aus dem Französischen von Ernst Hardt. Frankfurt am Main: Insel, 1974.

»Der Staatsmann, meine Freunde, lebt nur von einer einzigen Eigenschaft. Man muß sich stets in der Gewalt haben, bei jeder Gelegenheit den Wert jeden Ereignisses abwägen, wie zufällig es auch sein mag; kurz und gut, man muß in seinem Innern ein kaltes und unbeteiligtes Wesen haben, das als Zuschauer die Regungen unseres Lebens, unsere Leidenschaften, unsere Gefühle registriert und uns in allen Dingen wie eine Art moralisches Barometer unser Tun vorschreibt.«

Aus: Honoré de Balzac: Béatrix. Berlin/Weimar: Aufbau Verlag, 1966.