Dienstag, September 05, 2006

DANDY*O*RAMA .-. Armand de Montriveau (Balzac)

Allein er ist jetzt in Mode. (...) Das Bewusstsein erfüllter Pflicht galt ihm als einzig erstrebenswertes Daseinsziel. Er war, wie alle schüchternen Menschen, für gewöhnlich schweigsam. Seine Schüchternheit rührte indes durchaus nicht von einem Mangel an Mut her; sie war vielmehr eine Art Schamhaftigkeit, die ihm jede Äußerung selbstgefälliger Ruhmsucht verbot. So fehlte auch seiner Unerschrockenheit auf dem Schlachtfelde alles Prahlerische. Er ging den feindlichen Kugeln kaltblütig entgegen, unterließ es jedoch nicht, sich gelegentlich zu bücken, um ihnen auszuweichen. Seine Schweigsamkeit und Gemütsruhe bewirkte, dass man ihn für streng und hochmütig hielt. In allen Dingen von geradezu peinlicher Genauigkeit, duldete er keinerlei heuchlerischen Vergleich - weder mit den Pflichten einer Stellung, noch mit den Folgen einer Handlung oder den Wirkungen einer Tatsache. Niemals forderte er etwas für sich selbst, niemals gab er sich für eine Schändlichkeit her. Kurz, er war einer jener großen, unbekannten Männer, die philosophisch genug sind, um allen Ruhm zu verachten, und die sich nicht ans Leben klammern, weil sie wissen, dass sich ihr Gefühl, ihre Kraft ja doch nicht voll entfalten kann. Er war geachtet, gefürchtet, aber wenig geliebt.

Immer trug er das gleiche ernste, gesammelte, kalte Wesen zur Schau. Dies entschied seinen gesellschaftlichen Erfolg. Stach er doch so sehr von all den Gestalten ab, die gelangweilt in den Salons herumstanden. Seine Redeweise war kurz, wortkarg, wie die Sprache von Wilden oder Einsiedlern. Er gefiel durch seine Schüchternheit, die der Gesellschaft etwas Neues, Fremdes, Großes bedeutete.

Sein mächtiger viereckiger Kopf mit dem reichen schwarzen Haare, die hohe Stirne, das ruhige Feuer der Augen, der edle Schwung seines Gesichtsschnitts erinnerte auffallend an den General Kléber, dem er auch in manchen Zügen seines Charakters ziemlich ähnelte. Er war gedrungen, breitschultrig und muskulös wie ein Löwe. Seine Haltung, sein Gang, jede Geste an ihm imponierte durch Kraft und Selbstbewusstsein. Es schien, als wisse er, dass nichts sich seinem Willen widersetzen könne. Trotzdem war er, wie alle wahrhaft starken Naturen, im allgemeinen sanftmütig und gut. Ein feiner Beobachter hätte allerdings an der Ironie, die zuweilen seine Mundwinkel umspielte, sicherlich erkannt, daß all jene schönen Charakterzüge verschwanden, wenn ernste Umstände dies erforderten, und dass er sich dann unversöhnlich in seinen Gefühlen, unabänderlich in seinen Entschlüssen, furchtbar in seinen Handlungen erweisen müsse.

Er sprach: »ich besitze eine außerordentliche Macht - eine Macht, die gewaltiger ist als die des Beherrschers aller Reußen. Das Schicksal gehorcht mir. Ich kann es, bildlich gesprochen, nach Belieben beschleunigen oder verzögern, wie den Gang einer Taschenuhr.«

Aus: Honoré de Balzac: "Die Herzogin von Langeais" In: Die Geschichte der Dreizehn. Deutsch von Victor von Koczian. Diogenes, 1977.