Hinter dem Grafen La Palférine verbirgt sich, so sagt Edmond Werdet in »Souvenirs de la vie littéraire« der König der Pariser Mode, Lautour-Mézeray, über den leider nur wenig überliefert ist. Lautour-Mézeray erschien immer mit einer weißen Kamelie im Knopfloch, seine Oper in der Loge hieß »la loge infernale«.
La Palférine zählte damals zweiundzwanzig Jahre. Es war im Jahr 1834. Er ist das lebende Abbild Ludwigs XIII., er hat dessen blasse, an den Schläfen zart geschwungne Stirn, die gleiche olivenfarbne Haut, die so italienisch ist und im Licht weiß wird, sein langes braunes Haar, am Kinn ein kleines schwarzes Bärtchen - er hat seinen ernsten melancholischen Ausdruck, denn Charakter und Äußeres bilden einen überraschenden Gegensatz.
Wenn Sie wüssten, mit wieviel Geist Eduard de La Palférine sich in diese unbekannte Stellung fand! Wie er sich über die Bürger von 1830 lustig macht! Wieviel Witz, wieviel Geschmack! Könnte die Bohème einen König dulden, so wäre er König der Bohème. Seine Tatkraft ist unerschöpflich. Ihm verdankt man die Karte der Bohème und die Namen der sieben Schlösser, die Nodier nicht auffinden konnte.
Eines Tages ging La Palférine mit einem seiner Freunde spazieren, und dieser warf seinen Zigarrenstummel einem Vorübergehenden ins Gesicht. Der Fremde hatte die Geschmacklosigkeit, zornig zu werden. (...) Er schuldete seinem Schneider tausend Franken. In welche Lage ihn der Zufall auch versetzt, La Palférine zeigt sich ihr immer gewachsen, voll Witz und guten Geschmacks. Er entfaltet immer und überall den Geist Rivarols und den Scharfsinn des großen französischen Herrn. In ihm gab es eine Lust zur Ausschweifung. Hinzuweisen ist auch auf den lebhaften und ausgebildeten Geist La Palférines, denn er besitzt die Doppelpoligkeit, die Pascal verlangt: er ist zärtlich und unbarmherzig.
Er war so freigebig wie Buckingham und konnte es nicht ertragen, mit leeren Taschen überrumpelt zu werden; als er darum eines Tages einem Kaminfeger nichts zu geben hatte, griff er an der Tür eines Spezereihändlers in ein Fass Trauben und füllte damit die Mütze des kleinen Savoyarden, der die Früchte vergnügt aß. Der Spezereihändler lachte zuerst, dann streckte er La Palférine die Hand hin, der nun sagte: 'O pfui, Ihre linke Hand soll nicht wissen, was meine rechte gab.'
Bei allem abenteuerlichen Sinn sucht Karl-Eduard weder einen Waffengang, noch verschmäht er ihn, seine Kühnheit ist geistig und geistvoll. Einmal hörte er im Durchgang, der nach der Oper benannt wird, wie jemand sich in leichtfertigen Ausdrücken über ihn ausließ; im Vorbeigehn stieß er ihn mit dem Ellenbogen an, kehrte um und versetzte ihm einen zweiten Stoß.
»Sie sind sehr ungeschickt«, sagte man.
»Im Gegenteil, ich tat es absichtlich.«
Der junge Mann überreichte ihm seine Karte.
»Sie ist schmutzig,« entgegnete La Palférine, »Sie tragen sie schon zu lange in der Tasche! Darf ich um eine andre bitten«, fügte er hinzu und warf die Karte fort.
Während des Duells erhielt er einen Degenstoß. Als der Gegner Blut fließen sah, wollte er den Gang beenden, indem er ausrief:
»Sie sind verwundet, Graf.«
»Ich leugne den Stoß«, antwortete er so kaltblütig, als befinde er sich in einem Fechtsaal. Und er parierte mit einem ähnlichen Stoß, der aber viel besser saß:
»Das ist der richtige Stich«, sagte er.
Der Gegner musste sechs Monate lang das Bett hüten.
Man erkennt eine freie, aber auch über jede Hemmung sich hinwegsetzende Lebensführung und die lachende Vorstellungskraft, die uns nur in den ersten Jugendjahren verliehen ist.
Aus: Honoré de Balzac: Pariser Novellen, Berlin, Rowohlt, o.J. Übersetzt von Otto Flake
Donnerstag, September 14, 2006
DANDY*O*RAMA .-. Karl-Eduard de La Palferine (Balzac)
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)


0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen