Er war so verführerisch! Er hatte so schmeichelhafte Manieren! Er drückte seine Ungeduld und Wünsche so gefällig aus! Immer hatte er seine Sache gewonnen, bevor er auch nur davon sprach.
Lucien erlebte zwei grausame Stunden in den Tuilerien: Er ging in sich und schätzte sich ein. Zunächst sah er bei den jungen Dandys keinen einzigen Anzug. Einer wippte seinen Spazierstock mit prachtvollem Griff. Ein anderer trug ein Hemd, dessen Manschetten von winzigen goldenen Knöpfen gehalten wurden. Ein dritter drehte, während er mit einer Frau sprach, eine elegante Reitgerte, wieder ein anderer zog aus seiner Westentasche eine Uhr, die so flach wie ein Hundertsousstück war.
Lucien ging zu Staub, dem berühmtesten Schneider dieser Zeit. Bei Verdier kaufte er einen hübschen Spazierstock und bei Madame Irlande Handschuhe und Hemdenknöpfe; kurzum er versuchte, sich auf die Höhe des Dandys zu begeben.
Er zog seine schöne, enganliegende helle Hose, hübsche Spangenstiefel, die ihn vierzig Francs gekostet hatten, und seinen Ballrock an. Er ließ sein feines, üppiges blondes Haar frisieren, parfümieren und in glänzende Locken legen. Seine Stirn umgab sich mit einer Kühnheit, die er aus dem Bewusstsein seines Wertes und seiner Zukunft schöpfte. Seine fraulichen Hände waren gepflegt, ihre mandelförmigen Nägel poliert und rosafarben. Die weißen Rundungen seines Kinns leuchteten über dem schwarzen Seidenkragen.
Lucien war ein Mann von hohem Stil, darauf aus, Staatsmann zu werden, und zu jener Zeit jung, galant und Redakteur einer großen Zeitung, er wurde der Liebling eines bekannten Verlagshauses. Das Bewusstsein seiner Macht und seiner Kraft durchdrang sein von der Liebe und der Erfahrung erleuchtetes Antlitz.
Wie die meisten Journalisten lebte Lucien in den Tag hinein, gab sein Geld aus, wie er es verdiente, und dachte nicht an die regelmäßig wiederkehrenden Verpflichtungen des Pariser Lebens, die für diese Bohemiens so erdrückend sind. In seiner Kleidung und seinem Auftreten wetteiferte er mit den berühmtesten Dandys. Wie alle Fanatiker liebte es Coralie, ihren Abgott zu schmücken; sie ruinierte sich, um ihrem lieben Dichter die elegante Ausstattung der Elegants zu geben, nach der ihn bei seinem ersten Spaziergang in den Tuilerien so sehr verlangt hatte. Lucien hatte jetzt wundervolle Spaziergänge, eine entzückende Lorgnette, Diamantknöpfe, Ringe für seine Tageskrawatten, Siegelringe und ausgezeichnete Westen in genügend großer Zahl, um die Farben seiner Kleidung zusammenstellen zu können. Er galt bald als ein Dandy. An dem Tage, als er der Einladung des deutschen Diplomaten folgte, erregte seine Verwandlung einen fortwährenden Neid unter den jungen Leuten, die sich dort einfanden und die im Reich der Mode Vorrangstellungen einnahmen.
Zu dieser Zeit blühte eine Gesellschaft von reichen und auch armen jungen Leuten, die alle dem Müßiggang huldigten; man nannte sie »Lebemänner« und sie lebten in der Tat in einer unglaublichen Sorglosigkeit und waren unentwegte Esser und noch unentwegtere Trinker. Alle waren Geldverschwender und verbanden dieses nicht einmal törichte, aber tollkühne Dasein mit den gröbsten Späßen; sie wichen vor keiner Unmöglichkeit zurück und rühmten sich ihrer nichtsdestoweniger in gewissen Grenzen gehaltenen Missetaten: Der originellste Geist deckte ihre Eskapaden, es war unmöglich, sie ihnen nicht zu verzeihen. Keine Tatsache enthüllt deutlicher die tiefe Erniedrigung, zu der die Restauration die Jugend verdammt hatte. Die jungen Leute, die nicht wussten, was sie mit ihren Kräften anfangen sollten, warfen sie nicht nur dem Journalismus , den Verschwörungen, der Literatur und der Kunst hin, sondern verschwendeten sie in den seltsamsten Exzessen, soviel Mark und üppige Kraft steckte in dem jungen Frankreich. Wenn sie arbeitete, wollte diese treffliche Jugend Macht und Vergnügen; als Künstler wollte sie Schätze, und als Müßiggänger wollte sie ihre Leidenschaft erregen, auf jeden Fall wollte sie einen Platz haben, den ihr die Politik aber nirgends gab. Die Lebemänner waren Leute, die fast alle mit hervorragenden Fähigkeiten begabt waren; einige haben sich in diesem verzehrenden Leben verloren, andere haben widerstanden.
Aus: Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen. Aus dem Französischen von Udo Wolf. Aufbau-Verlag, 1965.
Beim letzten Opernball des Jahres 1824 fiel mehreren Masken die Schönheit eines jungen Herrn auf, der in den Gängen und im Foyer auf und ab ging. (...) Der junge Dandy wurde von seiner unruhigen Suche so sehr in Anspruch genommen, dass er seinen Erfolg gar nicht bemerkte: die spöttisch bewundernden Rufe gewisser Masken, das ernsthafte Erstaunen, die beißenden lazzi, die süßesten Worte hörte und sah er nicht. (...) Das schöne Gesicht, das die Lust mit ihrer göttlichen Aureole umkleidet hatte. Der junge Mann interessierte: je länger er hin und her schritt, desto mehr Neugier weckte er. Alles an ihm deutete übrigens auf die Gewohnheiten eines eleganten Lebens (...) Seine Kleidung und seine Manieren waren tadellos. (...)
Die Marquise d'Espard war ganz erstaunt über die Impertinenz und Sicherheit, die dieser einst von ihr verachtete Mann sich zugelegt hatte. (...) Die Marquise konnte eine kleine, jähe Bewegung nicht unterdrücken, als sie sich, nach einem englischen Ausdruck, von Luciens Schärfe 'angeschnitten' sah. (...) »Ich habe, wie Sie, angefangen, die Dummen systematisch zu schröpfen«, erwiderte Lucien im gleichen Ton (...) »Ja, der Bursche ist dazu geschaffen, es weit zu bringen, zumal da er das hat, was wir intellektuelle Skrupellosigkeit nennen«, so Lousteau über Lucien. »Er wird innerlich stets eine Höhe der Gedankenflugs besitzen, die ihn über viele sogenannte überlegene Menschen erhebt«, gab Rastignac zurück. (...)
Das Zimmer Luciens glänzte von Luxus und war mit ausgesuchten Bequemlichkeiten versehen; es vereinigte in sich alles, was das elegante Leben eines Dandys, Dichters und Schriftstellers erfordert, der ehrgeizig, lasterhaft, zugleich stolz und eitel und voller Nachlässigkeit ist, während er sich doch nach Ordnung sehnt: eines jener unvollkommenen Genies, die im Wünschen und im Entwerfen, was vielleicht dasselbe ist, einige Stärke besitzen, aber zur Ausführung nicht die Kraft aufbringen. (...) In Luciens Stall standen drei schöne Pferde, ein Coupé für den Abend, ein Kabriolett und ein Tilbury für den Vormittag. (...)
...daß er sie durch seine Erfolge, seine untadelige Haltung und seine Art, die Leute von sich fernzuhalten, wütend machte. Dieser so mitteilsame, so überströmende Dichter war kühl und zurückhaltend geworden. Sein Leben zeigte vor allem jene vom guten Ton vorgeschriebene Regelmäßigkeit, unter der sich viele Geheimnisse verbergen lassen. (...) Mit einem englischen Ernst gewappnet, gedeckt durch die Schanzen, die die Umsicht der Diplomaten aufwirft, gab er niemanden das Recht oder die Gelegenheit, eien Blick in seine persönlichen Angelegenheiten zu werfen. Sein junges, schönes Gesicht war schließlich in der Gesellschaft so teilnahmslos geworden wie das einer Prinzessin während einer Hoffeierlichkeit.
Aus: Honoré de Balzac: Glanz und Elend der Kurtisanen, Goldmann, München: 1985
Dienstag, September 05, 2006
DANDY*O*RAMA .-. Lucien de Rubempré (Balzac)
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