Donnerstag, September 14, 2006

Der Totentanz in Théophile Gautiers »Albertus«

Hier nun eine Szene aus Théophile Gautiers Prosagedicht Albertus, das 1832 erschien. Die Szene schildert einen dämonischen Totentanz, der Teufel ist ein Dandy.


Fledermäuse, Eulen, Käuze, kahle Geier,
Uhus, Nachtvögel mit flammenden und wilden Augen,
Monstren aller Art und solche, die man nicht kennt,
Strigen mit hakenförmigem Schnabel, Vamps, Larven,
Harpyien, Vampire, Werwölfe, gottlose Wiedergänger ,
Mammuts, Leviathane , Krokodile, Boas,
Das knurrt, kreischt, zischt, lacht und plappert,
Das wimmelt, glänzt, fliegt, kriecht und hüpft;
Die Sonne ist davon bedeckt, die Luft ist davon geschwängert.
- Die Besen fauchen, die Fahrt wird langsamer,
Und mit ihren knochigen Fingern, die Zügel an sich nehmend,
Schrie die Alte: »Hier ist es.«

Eine Flamme, die ein bläuliches Licht wirft,
Wie das der Feuerzangenbowle, erleuchtet das Theater.
- Es war eine Kreuzung inmitten eines Waldes.
Die Geister in Kleidern und die Hexen, nackt
Auf ihren Böcken reitend, aus den vier Straßen,
Aus vier Windrichtungen, kamen sie zugleich hervor.
Die Ergründer der okkulten Wissenschaften,
Fausts aus allen Ländern, Magier aller Kulte,
Braungebrannte Zigeuner, Rabbiner mit rotem Haar,
Kabbalisten, Seher, hermetische Spinner, düster
Und ihre asthmatischen Blasebalge pumpend,
Niemand fehlte beim Treffen.

In Amphitheatern aufbewahrte Skelette,
Ausgestopfte Tiere, Monstren, grünliche Föten,
Noch feucht von ihrem Alkoholbad,
Krüppel, Klumpfüße, die über Nacktschnecken steigen,
Die Zunge streckende und Grimassen schneidende Gehängte;
Bleiche Geköpfte, ein rotes Band auf dem Hals,
Mit einer Hand ihren schwankenden Kopf stützend;
- All die Gefolterten, eine trübselige und blutige Menge,
Einarmige, von einem schwarzen Schleier bedeckte Vatermörder,
In geschwefelte Tuniken gekleidete Häretiker,
Unterlaufene und blaue Geräderte, Ertrunkene mit marmoriertem Fleisch;
- Ein grauenerregender Anblick!

Der Präsident, in einer schwarzen Kanzel sitzend,
Mit seinen krummen Fingern im Zauberbuch blätternd,
Zählte die heiligen Namen Gottes auf.
- Ein seiner grünen Pupille entglittener Strahl
Erleuchtete das Buch und ließ die Wörter
Auf der geöffneten Seite in Feuerzügen aufblitzen.
Man wartete auf den Meister um das Fest zu beginnen,
Man wurde unruhig; er ließ auf sich warten
Und hörte die Beschwörung nicht.
- Albertus glaubte einen Schwanz und Hörner zu sehen,
Bocksfüße, ganz runde Augen mit trübseligen Blicken,
Eine furchtbare Erscheinung!

Endlich kam er. Es war kein den Schwefel vergiftender Teufel
Von entsetzlichem Ansehen, ein Rokoko-Teufel.
Er war elegant, trug einen Imperial und einen feinen Schnurrbart,
Seine Stiefel schellten und die Reitpeitsche zischte
Wie ein merveilleux des Boulevard de Gand.
Man glaubte er ginge Robert le Diable sehen
Oder la Tentation, oder eine fashionable Feier,
- Hinkend wie Byron, aber nicht mehr; - er hätte
Mit seinem schneidenden Ton, seinem aristokratischen Gestus
Und seinem auserlesenen Talent, die Krawatte zu binden,
In den Salons einen großen Eindruck gemacht.

Der Belzebub Dandy machte ein Zeichen und die Truppe,
Findet sich zusammen um das Konzert zu hören.
- Weder Ludwig van Beethoven, noch Gluck, noch Meyerbeer,
Noch Théodore Hoffmann, der fantastische Hoffmann!
Nicht der große Rossini, dieser König der Musik,
Noch der Ritter Carl Maria von Weber,
Hätten, trotz ihres Genies, nicht die große Symphonie
Erfinden und notieren können,
Die die schwarzen Dilettanten nun spielten;
- Boucher und Bériot, Paganini selbst,
Hätten nicht ein so seltsames Thema
Mit glänzenderen Pizzicati erdenken können.

Die Virtuosen lassen die Chanterelle der Stradivaris
Unter ihren trockenen und schlanken Fingern quietschen;
Das kavernöse Tamtam dröhnte wie ein Donnern;
Ein lustiger Kobold, sein rundes Gesicht blähend,
Bläst possenhaft zwei Hörner zugleich.
Dieser hämmert auf einen Rost, der andere, trunken, nimmt
Seinen Wanst als Trommel und zwei Knochen als Schläger.
Vier kleine Dämonen, unter einem Eisenbogen,
Lassen vier kleine Riesen brummen und brüllen.
Eine fette Sopranstimme verzerrt ihre klaffenden Kinnbacken.
Es ist ein Höllenspektakel!

Das Konzert endet, die Tänze beginnen.
Hände in Hände umklammern sich in Ketten.
Der Teufel sitzt im großen schwarzen Sessel
Und gibt das Signal. Hurra! Hurra! Der Reigen
Stürzt sich, zu Fuß die Erde durchwühlend, johlend und wutentbrannt,
Wie ein hemmungsloses Pferd im Galopp.
Um nichts zu sehen, schließt der Himmel seine Sternaugen
Und der Mond nimmt zwei Wolken zum Schleier,
Ganz blass vor Angst flüchtet der Horizont.
Das Wasser bleibt verwirrt stehen und selbst das Echo
Schweigt, nicht wagend die Blasphemien zu wiederholen,
Die es in dieser Nacht hört!

Man hätte im Dunkel grässliche Zeichen
Eines finsteren Tierkreises sich wenden und leuchten sehen;
Das schwerfällige Nilpferd, Falstaff auf vier Füßen,
Sich linkisch auf seinen massiven Pfoten aufrichtend
Und in lasziven Freudensprüngen erblühend.
- Der Krüppel mit seinen abgehackten Stumpfen,
Sprang wie eine Kröte, und die Böcke, noch rüstiger,
Schlugen Entrechats, machten Rundsprünge.
- Ein Totenkopf, auf Weberknechtpranken,
Lief über die Erde wie eine große Spinne.
In allen Ecken tummelte Unförmiges;
- Würmer kriechen ungeschickt über die Erde. -

Das Haar im Wind, die Wangen entflammt,
Die Frauen verzerren ihre Gliedmaßen in infamen Posen;
Arétin wäre errötet. Wütende Küsse marmorieren
Die unterlaufenen Brüste und die weißen Schultern;
Die schwarzen und haarigen Finger verkrampfen sich auf den Hüftknochen:
Man hört einen Lärm hemmungsloser Stöße.
- Die Pupillen werfen elektrische Blitze,
Die Münder ergründen sich in geilen Umklammerungen:
- Ein verrücktes Gelächter, Schreie, Geröchel.
Nein, niemals hat Sodom, niemals seine schmutzige Schwester,
Mit scheußlicheren Paarungen den Himmel erschreckt,
Die Welt beschmutzt.

Der Teufel niest. Für eine fashionable Nase
War der Geruch der Versammlung unerträglich.
- »Gott segne Sie,« sagte Albertus höflich.
- Kaum hat er den heiligen Namen fallen lassen,
Dass Phantome, Hexen und Hexer, irre Monster und Gnome,
In der Luft verschwanden wie ein Zauber.
- Er fühlte voller Entsetzen scharfe Krallen,
Zähne, die in sein zerrissenes Fleisch eintauchen;
Er schreit; doch sein Schrei wurde nicht gehört...
Und die Contadini fanden an diesem Morgen bei Rom,
Auf der Straße Appia die Leiche eines Mannes,
Die Lenden gebrochen, den Hals verzerrt.


Übersetzung: Melanie Grundmann