Mittwoch, September 13, 2006

Die Boheme 1840, geschildert von Balzac

Zugegeben, Balzac mag ausschweifend werden. Dennoch finden sich in seinen Romanen immer wieder interessante Beschreibungen seiner Gegenwartskultur. In Ein Prinz der Boheme findet sich eine kurze Charakterisierung der Boheme. Balzac stellt sie als eine Jugend dar, der keine ernsthaften Perspektiven geboten werden. Diese Jugend steckt voller Kraft und Elan, die kein Ventil finden. Nur an eines erinnert man sich: Die Schlacht um Hernani 1830. Dort fanden sich die Bohemiens und Romantiker zusammen, um einer neuen Kunstrichtung zum Durchbruch zu verhelfen. Sie zogen offen gegen die Klassiker zu Felde, Théophile Gautier schockte mit einer roten Weste, Victor Hugos Name war am nächsten Tag auf den Mauern der Stadt zu lesen und Petrus Borel wagte sich gar mit einem Vollbart auf die Straße. Der Bürgerschreck war geboren. Der Schrecken war nicht nur rein äußerlich. Auch die Literatur der Romantiker, die oftmals Bohemiens waren, ließ den Bourgeois erröten und die Bücher vor den Kindern verstecken: Ehebruch, Mord, Prostitution, Inzest und Homosexualität rissen den schönen Schein beiseite und stellten das triste Sein in den Mittelpunkt.
Balzacs Ein Prinz der Boheme wurde 1840 veröffentlicht, also zehn Jahre nachdem sich die Schlacht um Hernani vollzog. Viele der damaligen Bohemiens und glühenden Romantiker waren zu diesem Zeitpunkt ernüchtert: Sie waren in die Abhängigkeit des Journalismus getreten. Hier nun Balzacs Schilderung der Boheme:

Die Boheme, die man die Lehre des Boulevard des Italiens nennen sollte, setzt sich aus jungen Leuten zusammen, die alle das zwanzigste Jahr überschritten, das dreißigste noch nicht erreicht haben; jeder ist in seiner Art ein Genie; sie sind noch wenig bekannt, werden sich aber einen Namen machen und dann hervorragende Leute sein. Sie fallen gewöhnlich schon während des Karnevals auf, wo sie durch mehr oder weniger witzige Einfälle einem Übermaß von Geisteskräften, das während der übrigen Tage des Jahres keinen Ausweg findet, Luft machen. In was für einer Zeit leben wir! Welche abgeschmackte Macht lässt so ungeheure Energien verloren gehn. In der Boheme finden sich Diplomaten, die fähig wären, die Pläne Russlands umzustürzen, wenn Frankreich ihnen seine Macht zur Verfügung stellte. Man begegnet in ihr Schriftstellern, Verwaltungsbeamten, Soldaten, Journalisten, Künstlern. Kurz, alle Fähigkeiten und Talente sind in ihr vertreten. Es ist eine Welt im Kleinen. (...)
In der Boheme findet man die nutzlos verwelkende Blüte der prachtvollen französischen Jugend, um die Napoleon und Ludwig XIV. warben - seit dreißig Jahren siecht sie unter der Herrschaft der Vorurteile, an der ganz Frankreich krankt, dahin; die schöne Jugend, von der gestern erst der Professor Tissot, eine unverdächtige Persönlichkeit, sagte: 'Der Kaiser bediente sich dieser Jugend, die seiner wahrhaftig würdig war, überall, unter seinen Ratgebern, in der allgemeinen Verwaltung, bei Verhandlungen, die von Schwierigkeiten und Gefahren strotzten, in der Regierung der eroberten Länder; und allenthalben erfüllte sie seine Erwartung. Die jungen Leute waren für ihn, was für Karl den Großen seine Sendgrafen waren.' Das Wort Boheme erklärt alles. Die Boheme besitzt nichts und lebt von dem, was sie hat. Die Hoffnung ist ihre Religion, der Glaube an sich ihr Gesetzbuch, Almosen ihr Budget. Alle diese jungen Leute sind größer als ihr Unglück, sie besitzen keinen Reichtum, aber sie sind dem Schicksal überlegen. Sie reiten immer auf einem Wenn, sind witzig wie ein Feuilleton, lustig wie Leute mit Schulden - oh, sie haben ebensoviele Schulden, wie sie trinken! Kurz - darauf wollte ich kommen - sie sind alle verliebt, maßlos verliebt... Stellen Sie sich Lovelace, Heinrich IV., den Regenten, Werther, Saint-Preux, René, den Marschall von Richelieu in einem einzigen Mann vereinigt vor, und Sie haben einen Begriff von der Liebe der Boheme. Was für Liebhaber sind sie! (...)
..ohne Stendhals Buch über die Liebe zu kennen und ohne es vielleicht gelesen zu haben, setzen sie seine Ideen in die Tat um; sie sind Spezialisten in der Liebe aus Geschmack, der Liebe als Leidenschaft, der Liebe aus Laune, der Liebe als Kristallisationspunkt aller Fähigkeiten und zumal der flüchtigen Liebe


Aus: Honoré de Balzac: Pariser Novellen, Berlin, Rowohlt, o.J. Übersetzt von Otto Flake