Montag, Oktober 09, 2006

DANDY*O*RAMA .-. Destourny (Balzac)

Die folgende Anekdote zeigt eine typische Erscheinung in der fashionablen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Beurteilte man ihn rein nach seiner äußerlichen Erscheinung, mag er als Dandy gelten. Vielleicht war er das auch, die Beschreibung, die Balzac gibt, ist zu kurz um dies zu beurteilen. Destourny ist zumindest eine Erscheinung, die wesentliche Züge des Dandysmus vereint. Die Selbstadelung, die ja auch Balzac an sich vornahm, indem er sich von Honoré Balzac in Honoré de Balzac umbenannte. Die angehäuften Schulden galten damals fast schon als chic, zumindest war jedem klar, dass der Luxus des Dandys kostspielig bezahlt werden muss und in Frankreich rekrutierten sich die Dandies nicht ausschließlich aus dem Adel, wie im kastenbewussten England - was diese übrigens auch nicht davon abhielt, sich in Schulden zu stürzen und dann vor ihren Gläubigern auf den Kontinent zu fliehen, was sicherlich seinen Teil zur Ausbreitung des Dandytums beigetragen hat. Nun aber zu Destourny:

Jener junge Mann, einer der verwegensten Glücksritter, Sohn eines Gerichtsvollziehers in Boulogne bei Paris, heißt Georges-Marie Destourny (...) Mit dreiundzwanzig Jahren hatte der junge, glänzende Jurastudent seinen Vater bereits verleugnet, da er seinen Namen folgendermaßen auf seine Visitenkarte drucken ließ: »Georges d'Estourny«. Diese Karte gab seiner Persönlichkeit einen Anhauch von Aristokratie. Der elegante junge Mann war verwegen genug, sich einen Tilbury und einen Groom zu halten und die Klubs zu besuchen. Ein Wort wird alles erklären: er spielte an der Börse mit dem Gelde der ausgehaltenen Frauen, deren Vertrauter er war. Schließlich wurde er vor das Sittengericht zitiert, unter der Beschuldigung, sich allzu glücklicher Karten bedient zu haben. Er hatte Mitschuldige, junge Leute, die er verdorben hatte, Sklaven, die ihm schuldenpflichtig waren, Mitgenießer seiner Eleganz und seines Kredits. Er hatte fliehen müssen und vergessen, seine Schulden an der Börse zu begleichen. Ganz Paris, das Paris der »Luchse« und der Klubs, zitterte noch jetzt dieser doppelten Affäre wegen.
Georges d'Estourny war ein hübscher Bursche und vor allem ein guter Kerl, großmütig wie ein Räuberhauptmann. Sein Ehrgeiz war mit dem Erfolg immer dreister geworden.


Aus: Honoré de Balzac: Glanz und Elend der Kurtisanen, Goldmann, München: 1985