Samstag, Oktober 28, 2006

DANDY*O*RAMA .-. Fortunio (Theophile Gautier)

Georg gab ein Gastmahl. Seine Festgelage waren berühmt für heitere Eleganz und feine Sinnenfreude. Es galt als hohes Glück, zu den Erlesenen zu gehören. Man mußte es schon weit gebracht haben in der Kunst des Lebensgenusses um Zutritt zu dem Heiligtum zu erlangen. Fortunio, er soll viel ausgehen und ein vielbegehrter Mann sein! Ohne Übertreibung, allein um seine Schuhe aufzubewahren, bedarf er eines ganzen Hauses! Fortunio ist der Geheimnisvollste aller Sterblichen. Wer ist denn eigentlich dieser Fortunio? Ein vollkommener Edelmann! Das Adeligste, das sich in dieser Welt denken läßt! Er ist schön! Keiner hat so gute Manieren wie er, und dabei ist er witzig wie Mercutio! Man sagt, er sei über die Maßen reich, reicher als alle Rothschilds zusammen und dabei freigebig wie der >Wunderbare< bei Lafontaine! Er besitzt die Gabe der Verschwiegenheit. Fortunio scheint hinlänglich gegen Amors Pfeile gepanzert zu sein. Fortunio war die lebendige Verkörperung des männlichen Idealbildes. Er war höchstens vierundzwanzig und die unwiderstehliche Vereinigung von Kraft und Grazie. Seine Bewegungen waren wie die des Jaguars, von federnder Leichtigkeit und spielerischer Lässigkeit. Der Kopf zeigte den reinsten Typus meridionaler Schönheit. Sein Wesen war eher spanisch als französisch und noch eher arabisch als spanisch zu nennen. Die etwas starke Unterlippe ließ auf glühende Sinnlichkeit schließen. Die Oberlippe, feiner, gehaltener und in den Winkeln geschweift, mit einem Ausdruck spöttischer Ironie, - gemildert durch den Ausdruck von Gutherzigkeit, der über dem ganzen Gesicht ruhte - , sprach von Entschlossenheit und stählerner Willenskraft. Die Stirne, ohne die besondere Wölbung und Höhe einer Dichterstirne nach der heutigen Mode, war weit und edel.

Soweit unsere heutige, abscheuliche Mode es erkennen läßt, ist sein Wuchs vollkommen in den Maßen, die Formen weich und dennoch kraftvoll, stahlharte Muskeln unter sammetweicher Haut. Irgend etwas an ihm erinnert an den indischen Bacchus im antiken Museum. Seinen Anzug zu beschreiben kann man verzichten. Selbst das mutigste Herz schrickt schaudernd zurück, Weste, Rock und Hose unserer heutigen Herrenmode zu schildern. Wer sich ein Bild davon machen will, braucht nur an jene lyrischen Meisterstücke zu denken, wie er sie schon an den Salonlöwen im Konzert, auf der Promenade oder sonstwo bewundern konnte. Doch mag er noch ein Übriges an göttlicher Eleganz und aristokratischer Selbstverständlichkeit hinzutun; eine mit Sicherheit und Selbstbewußtsein gesättigte Bescheidenheit; ungezwungene Grazie und Manieren, die er bei jenen Salonlöwen schwerlich gefunden hat.

Er zeigte den gewohnten Ausdruck sorgloser Sicherheit, der ihn nie verließ und ihm seine Überlegenheit über alle Welt sicherte. Heiterkeit thronte auf seinem schönen Gesicht wie auf einem Marmorsockel. »Ich ziehe der Prosa Verse vor, und nichts ist mir lieber als ein Gemälde von Tizian, wenn es eine schöne Frau darstellt! Eine andere politische Überzeugung besitze ich nicht. Ich könnte auch an Gott glauben, wenn er nicht so viel Ähnlichkeit mit einem Kirchenvorsteher zeigte. Ich glaube, daß Rosen nützlicher sind als Kraut. Ich bin der langweiligste Mensch auf diesem Erdboden! Denn ich tue nur, was mir gefällt, und lebe ausschließlich zu meinem Vergnügen!«

Fortunio war ein junger Mann von reinstem Adel, aristokratisch wie ein König und durch und durch Edelmann. Sein Onkel, ein lüsterner und geistvoller Alter, der über Kindererziehung seine eigenen Ideen hatte, ließ den Knaben in voller Freiheit sich entwickeln. Neugierig, wie er sagte, zu erfahren, was aus einem Menschen würde, der nie einem Verbot begegnete und jede Möglichkeit besaß, seinen Willen durchzusetzen. Seine Neffe konnte keine Laune äußern, die nicht auf der Stelle befriedigt wurde. Er hörte nie ein Wort über Moral oder Religion. Sein Oheim lehrte ihn weder die Furcht vor Gott noch vor dem Teufel, ja nicht einmal vor dem Gesetzbuch! Fortunio war sanft, ruhig und stark wie ein junger Gott und besaß auch dessen vernichtende Macht. Er war jung, wohlgebaut, kräftig, reich und klug. Er beneidete niemanden auf dieser Welt und sah sich von allen beneidet. Wie jedes verwöhnte Kind wurde auch Fortunio ein bedeutender Mensch. Fortunio vereinigte alle Möglichkeiten in sich, die guten wie die schlimmen. Aber in der günstigen Lage, in der er sich befand, hätte es keinen Sinn gehabt, irgend jemand zu schaden. Aus der Höhe seines Reichtums sah er die Menschen so klein, daß es ihn nicht reizte, sich mit ihnen zu beschäftigen.

Er hatte weder Lehrer noch Hofmeister gehabt und wußte daher manches, wußte es genau, denn er hatte es durch eigne Erfahrung gelernt. Bei seiner Kühnheit, Intelligenz, Schönheit, Menschenkenntnis und den Bestechungsmitteln, über die er verfügte, wäre ihm nichts leichter gewesen, als die Macht an sich zu reißen. Aus Geringschätzung aber und Gleichgültigkeit ließ er die Potentaten in Frieden auf ihrem Thron und begnügte sich damit, in der Tat ein König zu sein. Fortunio war ein klarer Charakter, und daß er selber alles konnte, behütete ihn vor Blasiertheit. Kurz, er war der Eklektiker par excellence, und als Kosmpolit konnte man es nicht leicht weiter bringen.

An orientalische Üppigkeit gewöhnt, erschien ihm zunächst alles, was er in Paris sah, armselig, eng und erbärmlich. Bald entdeckte er unter der ärmlichen, glanzlosen Oberfläche eine Welt der Ideen, deren Existenz er nicht geahnt hatte. Er genoß es, die Raffiniertheiten einer extremen Kultur durchzukosten, mit den Mitgliedern des Parlaments im roten Frack Füchse zu jagen, mit einem Binokel und gelben Handschuhen, in der Oper Mademoiselle Taglioni in »Der Gott und die Bajadere« tanzen zu sehen.

Sein Leben war in zwei in sich geschlossene Hälften geteilt. Die eine äußere spielte sich in Pferderennen, erlesenen Soupers, allerlei Torheiten ab. Die zweite blieb vollkommen geheim, abseits und für jedermann unbekannt. Er besaß die erstaunlichste Kaltblütigkeit der Welt.

Aus: Théophile Gautier: "Fortunio". In: Ders.: Romane und Erzählungen. Wiesbaden: Fourier, 2003.