Der König der politischen Strauchdiebe, der Erzherzog der Bohème, der jüngste der jungen Leute, wenn er auch fünfzig Jahre alt war.
Nachdem er auf sie und den Marquis einen jener schlauen, tiefgründigen, arglistigen und unverhüllten Blicke geworfen hatte, durch welche diese großen Roués ihre Gesprächspartner bloßzustellen verstehen.
Maxime de Trailles war in den Augen der Ratten und Kurtisanen ein außerordentlich mächtiger und fähiger Mann, denn er hatte es verstanden, sich in ungewöhnlichem Maße lieben zu lassen. Er wurde von allen Leuten bewundert, die wußten, wie schwer es in Paris ist, in gutem Einvernehmen mit den Gläubigern zu leben; schließlich hatte er, was Eleganz, Benehmen und Geist anbelangt, keinen anderen Rivalen gehabt als den berühmten de Marsay, der ihn für politische Missionen verwendet hatte. Es war zu gefährlich, diesen Löwen zu reizen.
Aus: Honoré de Balzac: Béatrix. Berlin/Weimar: Aufbau-Verlag, 1966
Dieser Mann, der Fürst der Taugenichtse von Paris, hatte sich bis zu diesem Tage in der überlegenen Stellung gehalten, welche die Stutzer einnahmen, die damals die "gelben Handschuhe", später Salonlöwen hießen. Es ist ziemlich zwecklos, seine Jugendgeschichte zu erzählen, die voll galanter Abenteuer und von schrecklichen Dramen gekennzeichnet ist, in denen er freilich stets die äußeren Formen zu wahren gewußt hatte. Diesem Manne waren die Frauen immer nur Mittel gewesen; er glaubte weder an ihren Schmerz noch an ihr Vergnügen; wie dem verstorbenen de Marsay erschienen sie ihm gleich boshaften Kindern. Nachdem er sein eigenes Vermögen durchgebracht hatte, verschlang er das einer berühmten Dirne, mit dem Beinamen "die Schöne Holländerin", die Mutter der bekannten Esther Gobseck.
Der Graf Maxime de Trailles wußte allein, wieviel Unglück er verursacht hatte, aber er hatte sich stets gegen den Tadel gedeckt, indem er den Gesetzen des Ehrenkodex gehorchte. Obwohl er in seinem Leben größere Summen verschleudert hatte, als die Sträflinge der vier Zuchthäuser Frankreichs in derselben Zeit gestohlen hatten, hatte die Justiz ihn nicht belangt. Niemals hatte er seine Ehrenpflichten versäumt, und stets bezahlte er gewissenhaft seine Spielschulden. Er war ein bewundernswerter Spieler und spielte mit Herren aus den höchsten Kreisen und mit Gesandten. Er dinierte bei allen Mitgliedern des diplomatischen Korps. Er duellierte sich und hatte in seinem Leben zwei oder drei Männer getötet, er hatte sie nahezu ermordet, denn er war unvergleichlich geschickt und kaltblütig. Kein junger Mann (de Trailles war zu diesem Zeitpunkt achtundvierzig Jahre alt) kam ihm an Auftreten und Vornehmheit der Erscheinung gleich, an Eleganz des Wortes und Ungeniertheit, kurz, an dem, was man damals "weltmännisches Benehmen" nannte. Als Page des Kaisers hatter er sich von seinem zwölften Lebensjahre an auf der Reitbahn geübt und galt als einer der geschicktesten Reiter. Er hatte immer fünf Pferde in seinem Stall, veranstaltete Rennen und beherrschte stets die Mode. Schließlich ging keiner mit größeren Ehren aus einem Souper mit jungen Leuten hervor als er; er trank mehr als der Abgehärtetste von ihnen, und frisch brach er auf, bereit, von neuem zu beginnen, als ob die Ausschweifung sein Element wäre. Maxime, einer jener verachteten Menschen, welche die Verachtung, die sie einfößen, durch die Unverschämtheit ihres Verhaltens und die Angst, die sie verursachen, zu unterdrücken wissen, täuschte sich niemals über seine Lage. Daher kam seine Kraft. Starke Menschen sind immer ihre eigenen Kritiker.
De Marsay gab ihm geheime Aufträge, für die man ein mit dem Hammer der Notwendigkeit geschmiedetes Gewissen brauchte, eine Gewandheit, die vor keiner Maßnahme zurückschreckt, Unverschämtheit und vor allem jene Kaltblütigkeit, jene Sicherheit und jenen Scharfblick, welche die "Bravi" des Denkens und der hohen Politik ausmacht.
Alljährlich suchte er Bäder auf, um zu spielen, kehrte zurück, um den Winter in Paris zu verbringen; er erhielt zwar gewisse Summen aus den Tiefen äußerst geiziger Kassen, aber dieser Halbsold, den man einem furchtlosen Mann schuldete, den man von Fall zu Fall verwenden konnte, der mit den Geheimnissen der Gegendiplomatie vertraut war, genügte nicht für die Verschwendung des glänzenden Lebens dieses Königs der Stutzer, des Tyrannen von vier oder fünf Pariser Klubs. Deshalb hatte Graf Maxime oft Sorgen wegen seiner finanziellen Lage.
Seine Kleidung war übrigens von so gutem Schnitt, daß sie seiner ganzen Erscheinung ein jugendliches Ansehen bewahrte, etwas Leichtes und Beschwingtes, das er zweifellos seinen körperlichen Übungen verdankte, der Gewohnheit, mit Waffen umzugehen, zu reiten und zu jagen. Maxime besaß die körperliche Gewandtheit und den Adel des Aristokraten, welche er noch durch seine überlegene Haltung steigerte.
Die Formen waren noch so verführerisch, daß kein junger Mann mit Maxime wetteifern konnte, wenn er im Bois de Boulogne ausritt; denn da erschien er jünger und reizvoller als die Jüngsten und Reizvollsten unter ihnen. Diesen Vorzug ewiger Jugend besaßen einige Männer jener Zeit.
Der Graf war um so gefährlicher, als er geschmeidig und lässig schien und nicht sehen ließ, welch schrecklichen Anteil er an allem nahm. Die entsetzliche Gleichgültigkeit, dank welcher er mit ebensoviel Geschick einen Volksaufstand wie eine Hofintrige schüren konnte, um das Ansehen eines Fürsten wieder zu stärken, wirkte in gewisser Weise elegant.
Der Graf war nach der Mode von 1839 gekleidet, er trug einen schwarzen Rock, eine dunkelblaue Kaschmirweste, die mit hellblauen Blumen bestickt war, schwarze Hosen, graue Seidenstrümpfe und Lackschuhe. Seine Uhr, die in einer Westentasche steckte, war mit einer eleganten Kette an einem der Knöpfe befestigt.
Aus: Honoré de Balzac: Der Deputierte von Arcis. In: Ders. Eine dunkle Geschichte. Berlin und Weimar: Aufbau Verlag, 1978.
Maxime de Trailles war ein Hochstapler höherer Ordnung: ohne Glauben, ohne Gesetz zu allem fähig, ruinierte er die Frauen, die sich an ihn hängten: er ließ sie ihre Diamanten versetzen, aber er verdeckte dies Betragen mit einem glänzenden Firnis, mit bezaubernden Manieren und einem teuflischen Geist. Er flößte jedermann zugleich Furcht und Verachtung ein; da aber niemand kühn genug war, ihm etwas anderes als die höflichste Gesinnung zu zeigen, merkte er nichts davon oder machte die allgemeine Verstellung mit.
Aus: Honoré de Balzac: Die Geheimnisse der Fürstin von Cadignan. Berlin: Rowohlt, o.J.
»... Monsieur de Trailles, die Blume der Dandyschaft jener Zeit, genoß ein unbegrenztes Ansehen...« - »Aber er genießt es noch«, sagte Graf de Born, den Anwalt unterbrechend. »Keiner weiß einen Frack besser zu tragen, keiner ein Tandem besser zu lenken. Maxime hat die Gabe, mit mehr Anmut zu spielen, zu essen, zu trinken als irgend jemand auf der Welt. Er versteht sich auf Pferde, Hüte und Bilder. Alle Frauen sind in ihn vernarrt. Er gibt im Jahr immerhin seine hunderttausend Franken aus, ohne daß man je von einem einzigen ihm gehörenden Besitztum, einem einzelnen Rentenkupon vernommen hätte. Urbild des fahrenden Ritters unserer Salons, unserer Boudoirs, unserer Boulevards, ein Zwittergeschöpf, ebensosehr Mann wie Weib, ist Graf Maxime de Trailles ein seltsames Wesen: zu allem befähigt und zu nichts fähig, gefürchtet und verachtet, alles kennend und nichts wissend, ebensosehr geeignet, sich einer edlen Tat zu ergeben als ein Verbrechen zu planen, bald feige und bald hochgesinnt, eher mit Schmutz besudelt als mit Blut befleckt, mehr von Sorgen geplagt als von Gewissensbissen, mehr darauf aus gut zu verdauen als nachzudenken, Leidenschaften heuchelnd und leer im Herzen. Ein funkelnder Ring, der das Bagno und die vornehme Welt vereinigen könnte. Maxime de Trailles gehört zu jenen hervorragend begabten Männern, aus deren Mitte zuweilen ein Mirabeau, ein Pitt, ein Richelieu aufschießen, öfter aber die Grafen Horn, die Fouquier-Tinville und Coignard hervorgehen.«
Maxime de Trailles: »Wollen Sie damit sagen, daß man einen Menschen, der nichts besitzt, nicht ruinieren kann? Ich wette, daß Sie in Paris kein schöneres Kapital finden als dies hier«, rief der Stutzer, indem er sich erhob und sich auf den Absätzen drehte. Dieses fast ernstgemeinte Possenspiel vermochte Gobseck nicht zu rühren. »Bin ich nicht der vertraute Freund eines Ronquerolles, eines de Marsay, eines Franchessini, der beiden Vandenesse, eines Ajuda-Pinto, kurz der begehrtesten jungen Leute von Paris? Ich bin beim Spiel der Partner eines Fürsten und eines Gesandten, den Sie kennen. Ich habe meine Einkünfte in London, in Karlsbad, in Baden-Baden, in Bath. Ist das nicht das glänzendste aller Gewerbe?«
Aus: Balzac, Honoré de: Gobseck. Leipzig, Reclam: o.J.
Montag, Oktober 30, 2006
DANDY*O*RAMA .-. Maxime de Trailles (Balzac)
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Dandy
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