Sonntag, Oktober 29, 2006

DANDY*O*RAMA .-. Rudolf (Théophile Gautier)

Sein Titel Baron, der freilich nicht bis zu den Kreuzzügen zurückreichte, gehörte ihm wirklich. Wenn er spielte, so mußte er gewinnen, und er gewann auch fast immer. Jedes Spiel war Gegenstand eingehendsten Studiums geworden und mathematische Berechnung, die einen die Bahn eines Kometen berechnenden Astronomen in Erstaunen gesetzt haben würde. Außerdem blieb er, wie wir gesehen haben, unter dem Vorwand einer beginnenden Gastritis mäßig und während der lärmendsten Gastereien nüchtern. Was Pferde anlangt, war er ein so feiner Kenner und so guter Reiter, daß er mehr verstand. So waren auch seine Waffen immer einwandfrei richtig. Körperliche Geschicklichkeit besaß er gleichfalls: er traf mitten ins Schwarze, traf selbst die kleinste Kugel. Mit dem Degen war er so gewandt, daß Grisier, Pans und Gatechair erklärt hatten, ihm nichts mehr beibringen zu können. Sein Schneider befragte ihn ängstlich um seinen Rat und mahnte ihn nie um Geld, sondern hätte, wenn er es gewagt hätte, ihm sogar welches angeboten, nur damit er die Anzüge, die er ihm machte, auch trüge. Rudolfs größtes Vergnügen war, junge Leute aus dem Sattel zu heben: einen Anfänger in der eleganten Welt durch ein Duell oder durch einen Sturz vom Pferde zum Krüppel zu machen, ihm unausführbare oder verhängnisvolle Ideen zu suggerieren: zutun, als nähme er väterlichen Anteil an ihm, erschien diesem Mephisto des Boulevard des Italiens eine raffinierte und besonders exquisite Freude, die eines erhabenen Geistes würdig war. Man brauchte nur einmal sein ironisches Beileid, seinen übertriebenen Händedruck zu sehen, mit denen er sich den Opfern nach der Katastrophe oder dem Zusammenbruch näherte!
Wollte man nach Rudolf, der sich darauf verstand, ein echter Salonlöwe werden, dann mußte man natürliche Anlagen mit Sorgfalt pflegen: denn ein großer Lebemann ist etwas ebenso Seltenes wie ein großer Dichter.

»Sie sehen ja aus wie dem Grabe entstiegen!« sagte Rudolf zu Dahlberg »So macht Ihr es alle, Ihr jungen Leute: man soll sich amüsieren, aber sich nicht dabei umbringen. Ihr trinkt ohne Methode, eßt ohne Philosophie und übertreibt, wo es nicht angebracht ist. Wo kommen Sie denn her?«

Rudolf legte sich ein besonderes Aussehen zurecht. Der Geck verschwand vollkommen, seine Schurrbartspitzen verloren an martialischer Wildheit, sein Falkenauge erlosch, eine gutmütige Ruhe lag auf seinem sonst von einem nervösen Tick verzerrten Gesicht. Große Stiefel, weniger gut sitzende Handschuhe, weite Anzüge, die keinen Anspruch auf die allerletzte Mode machten, alles dies gab ihm einen Anstrich von »Achtbarkeit«, die Eltern sagen läßt: das ist ein ernsthafter Mann, der alles erreichen wird.


Aus: Théophile Gautier: "Die unschuldigen Lüstlinge" In: Ders.: Romane und Erzählungen. Wiesbaden: Fourier, 2003.