Sonntag, Oktober 29, 2006

Die Klasse der fashionablen Leute

Es gibt eine bestimmte Klasse junger Leute, die sich »fashionabel« nennt, das will soviel heißen, als: Leute nach der neuesten Mode. Diese führen ein sehr eigentümliches Dasein! Ihr kostbares Gewand kostet keine tausend Franken! Meistens ist es nicht einmal bezahlt. Der äußerste Aufwand besteht in Lackschuhen und weißen Handschuhen. Ein paar Schuhe kosten vierzig Franken, ein Paar Handschuhe drei! Das ist soviel wie hundert Sous! Ein sardanapalischer Luxus! Ihre Anzüge sind aus einem Tuch verfertigt, ähnlich, wie es die Gemüsehändler, Portiers und Advokaten tragen. Es ist nicht leicht, einen Mann von Familie von einem Kalligraphielehrer zu unterscheiden. Diese Herren speisen abwechselnd in zwei, drei modischen Restaurants, zu denen jeder beliebige Zutritt hat, und wo es einem passieren kann, mit einem Operettendichter oder einem Journalisten, der eben sein Honorar erhalten hat und sich für seine achttägige Fastenzeit gütlich tut, am gleichen Tisch zu sitzen. Diese Restaurants sind die abscheulichsten Pinten, die Du Dir denken kannst. Nach dem Essen besuchen diese eleganten Herren einen Ort, den man »Oper« nennt. Das ist eine Baracke aus Holz und Stoff mit blinden Vergoldungen und eine Art von Farbenschmiererei, die allenfalls als Hintergrund für dressierte Affen oder Esel passieren könnte. Es gehört zum guten Ton, sich in einen länglichen Kasten zu setzen, der von vier korinthischen Säulen getragen wird, die nicht einmal aus Marmor bestehn. Es ist ganz unmöglich, von diesen Logen etwas Ordentliches zu sehen, und das ist auch wahrscheinlich der Grund, warum sie beliebter sind als die übrigen Plätze. Während der übrigen Zeit wird unter irgendwelchem Vorwand ein fürchterlicher Lärm vollführt. Das Stück ist immer dasselbe, und die Verse von den elendsten Skribenten verfaßt, die Du Dir denken kannst.

Ist man nicht in der Oper, so promeniert man mit einer Zigarette im Mund auf den Boulevards, die keine zwanzig Schritte lang sind und weder Schatten noch Kühle spenden und außerdem so eng sind, das man gezwungen ist, seine Füße auf die Stiefel seiner Mitmenschen zu setzen. Oder man besucht eine Soiree. Das ist nun das unerklärlichste Vergnügen der zivilisierten Welt! Ich will Dir beschreiben, worin eine Soiree besteht: Man versammelt 400 Personen in einem Raum, in dem es hundert schon übel wird. Die Herren erscheinen in Schwarz wie Leichenbitter, die Damen tragen die sonderbarsten Toiletten, bestehend aus Gaze, Bändern und Garnituren aus falschem Gold: Gesamtwert fünfzehn Frank! Diese Kleider mit ihren erbarmunglosen Dekolletés enthüllen brutal die armseligsten Körperformen. Es ist darum auch nicht zu verwundern, daß die Ehemänner nicht eifersüchtig sind, und die Sorge, bei ihren Frauen zu schlafen, lieber andern überlassen! Alle diese Männer stehen nun an den Wänden herum, die Frauen sitzen für sich, und niemand spricht mit ihnen, ein paar alte dickbäuchige Kahlköpfe ausgenommen. In einer Ecke wimmert kläglich ein Klavier (o abscheuliche Erfindung!), und das spitze Gekreisch irgendeiner berühmten Sängerin übertönt zuweilen das dumpfe Gemurmel der Versammlung. Pferde- und Stallknechte, als Lakaien verkleidet, servieren ein paar armselige Kuchen und ein fades Gebräu, auf das sich alles mit ekelhafter Gier stürzt.

Die privaten Gepflogenheiten aber sind noch viel kurioser. Man kann die Frauen, zum Beispiel, zu jeder Tag- und Nachtstunde besuchen. Sie selbst gehen mit dem Erstbesten zum Ball. Eifersucht kennt man nicht in diesem Volk. Die Pairs von Frankreich, Generäle und Diplomaten haben Balletteusen zu Mätressen. Diese sind spindeldürr und betrügen ihre Gönner mit Perückenmachern, Maschinisten, Literaten oder Negern. Das ist aber durchaus kein Geheimnis

Aus: Théophile Gautier: "Fortunio" In: Ders.: Romane und Erzählungen. Wiesbaden: Fourier, 2003.