Freitag, Dezember 01, 2006

DANDY*O*RAMA: Frédérick Hombert (Alfred de Musset)

Frédérick mietete sich nicht mehr im Quartier Latin ein; er hatte im Justizpalast zu tun und nahm daher ein Zimmer nahe beim Quai aux Fleurs. Kaum eingezogen, besuchte ihn sein Freund Gérard. Der hatte, während er fort war, eine beträchtliche Erbschaft gemacht. Durch den Tod eines alten Onkels wurde er ein reicher Mann, hatte Pferd und Wagen, eine geräumige Wohnung in der Chaussee d'Antin und eine hübsche Geliebte. Er sah viele junge Leute bei sich und spielte mit ihnen den ganzen Tag und zuweilen auch die ganze Nacht. Er besuchte Bälle, Schauspiele, Ausflüge und wandelte sich von dem bescheidenen Studenten zu einem begehrten jungen Herrn.

Frédérick vernachlässigte seine Studien nicht; aber er wurde doch in den Strudel hineingezogen, in dem sein Freund lebte. Bald lernte er die Vergnüglichkeiten der Chaumière verachten; denn dort ging die sogenannte jeunesse dorée nicht hin.

Er verkehrte mit Spielern, leichtsinnigen Brüdern und Leuten, die lächelnd von zweihundert Louis letztnächtlichem Verlust erzählten. Er war mit ihnen die Nacht durch zusammen und sah sie, die zwölf Stunden hindurch Wein tranken und Karten mischten, am nächsten Tage wieder, wie sie Toilette machten und sich fragten, welches die Vergnügungen des neuen Tages sein würden. Er wurde zu Soupers eingeladen, wo jeder eine bezahlte Frau zur Seite hatte, mit der er nicht sprach und die er nach Hause mitnahm wie einen Stock oder einen Hut. Er machte alle Unsinnigkeiten und Abwechslungen eines Lebens mit, das leicht war, unbekümmert unter dem Schild der Schwermut und geführt von einigen wenigen Auserwählten, die nur durch den Genuß zu den übrigen Menschen zu gehören scheinen.

Er hatte zum Spielen nicht genug und spielte. Zu seinem Unglück gewann er auch noch am Anfang und konnte dann seinen Gewinn verlieren. Früher ließ er bei einem alten Schneider in Besançon arbeiten, der seit vielen Jahren für die Familie lieferte. Jetzt schrieb er ihm, daß er seine Anzüge nicht mehr wolle, und nahm einen modernen Pariser Schneider. Bald auch fand er nicht mehr Zeit für den Justizpalast; denn die jungen Leute, die den ganzen Tag über nichts zu tun haben, finden nicht einmal Zeit, eine Zeitung zu lesen. Er verlegte seine Tätigkeit auf den Boulevard, speiste im Café, ging in den Bois, hatte schöne Anzüge und Goldstücke in der Tasche. Zu einem vollendeten Dandy fehlte ihm nur noch ein Pferd und eine Geliebte.

Aus: Alfred de Musset: "Frédérick und Bernerette" In: Ders.: Sämtliche Romane und Erzählungen. Wiesbaden: Drei Lilien Verlag, 1980.