Dienstag, Januar 17, 2006

Berlin, Berlin

Es fällt mir wie Schuppen von den Augen. Warum hat noch niemand eine »Berlin, Berlin«-Variante des Klassikers »New York, New York« gemacht? Die Frage drängt sich, angesichts des Berlin-Hypes gerade in der Musikindustrie, förmlich auf. Es wäre auch eine tolle Hymne für die Einweihung des Berliner Stadtschlosses, das irgendwann einmal auf den Ruinen des Palastes der Republik errichtet werden soll. Später, wenn das Land und die Stadt einmal Geld haben werden. Es wird ein wichtiges historisches Dokument sein, die glänzende Schlossfassade, die an hochzuschätzende preußische Tugenden erinnern wird. Auch diese wollen wieder gefestigt werden, gerade in Zeiten der Globalisierung und Zuwanderung. Erstaunlicherweise trägt das von Preußen so weit entfernte Baden-Württemberg die Fahne ganz hoch. Nach dem Einbürgerungstest könnten die Neuankömmlinge auf ein brandenburgisches Camp geschickt werden, an dem deutsche Leitkultur gelehrt und geübt wird. Kostenpflichtig und obligatorisch natürlich, damit man oben genanntes Schloss, äh, Schlossfassade auch einmal wird bauen können. Man muss nur aufpassen, dass die Teilnehmer nicht ausreissen und im brandenburgischen Wald plötzlich auf das NVA-Camp treffen. Die sozialistische Vergangenheit des Ostteils Deutschlands soll ja schließlich verdrängt werden, das beunruhigende Symbol des bösen Staates muss schließlich auch weichen. Nicht etwa als Ort der Erinnerung an nicht allzu entfernte Zeiten weiter existieren, so wie die zahlreichen Schlösser Berlins. Nein! Bauen wir noch ein Schloss! Wie schön. Auch nicht als Ort der Mahnung, wie die Symbole der wohl grausamsten Verbrechen in deutschen Landen, den Konzentrationslagern. Immerhin gilt es ja als einer der triftigen Gründe für den Abriss, dass die DDR so 'böse' war und dieser schäbige 'Palast', den man dem Volk zu widmen wagte, von der Politprominenz instrumentalisiert wurde. Gälte er nicht gerade deswegen als Ort des Erinnerns? Vermutlich ist es nur ein weiteres Beispiel der Kapitulation der Kultur vor der Wirtschaft. Wer, wenn nicht die Lobby der Kapitalisten und der Konsumgesellschaft, hätte wohl ein Interesse daran, das wohl stärkste Symbol von Sozialismus, Kommunismus und Planwirtschaft, das Deutschland hat, niederzureißen? Das historisch Gewachsene durch faken Pomp zu ersetzen? Wie schön es doch wäre, gäbe es in diesem Land Volksabstimmungen. Da hätte man als demokratischer Bürger immerhin das Gefühl, ein Stück weit politische Einflussnahme zu üben.