Frankreich, besonders Paris, war in den 1830ern von einer Suizidmanie gekennzeichnet. Das Blackwood Edinburgh Magazine berichtet im Dezember 1833, dass sich in Paris im Durchschnitt ein Suizid pro Nacht, häufig mehr, ereignete. Elme Caro spricht von 300.000 Selbstmorden vom Beginn des Jahrhunderts bis 1850.
Der Suizid galt nicht nur als Krankheit, sondern als Epidemie, vergleichbar mit der Cholera. Die Gazette Médicale erklärte den Suizid kurzum für ansteckend und empfahl eine Präventivhygiene. Die Revue de Paris macht als Ursache den fortschreitenden Immoralismus aus. Das ungesunde moderne Leben verbrauche den Körper und die Seele, so dass der Freitod als einzige Lösung erscheint. Als hauptsächlichen Einfluss macht das Blackwood Edinburgh Magazine ein konkretes Laster ausfindig: das Glücksspiel. Den Briten konnte man damals vertrauten. Dort fing die Selbstmordkrise weit früher an. Schon 1823 berichtet das Gentleman's Magazine über die dortigen Ursachen: hemmungslose Verrücktheiten, ungesühnte Verletzungen, ungestillter Hunger, unerwiderte Liebe und kaltherzige Verführung.
Doch was ist in Frankreich die Ursache für die verlorene Moral? Der fehlende Glaube! In Paris war der Unglaube aufgrund des um sich greifenden Egoismus besonders stark verbreitet. Die Moralhüter konstatierten gar Anarchie in der Hauptstadt. Immerhin konnte der Glaube an Gott Suizidgefährdete früher einmal heilen. Doch nicht nur der religiöse Glaube ward verloren: Auch an die Monarchie glaubte kaum noch jemand, nicht an die Liebe, nicht mal mehr an die Freiheit. Und so erscheint der Suizid vielen wie Julien in Stendhals Rot und Schwarz (1831): »dies Bild war voll von Verlockungen, es war wie ein köstliches Ausruhen; es war das Glas eiskalten Wassers, das man dem Elenden bietet, der in der Wüste vor Durst und Hitze dahinsiecht.« Zum Laster gesellte sich die große Krankheit des 19. Jahrhunderts, die Werther-Krankheit, die Melancholie.
Stendhal, der selbst mit dem Todesgedanken gerungen hat, schrieb noch eine kleine Geschichte betitelt Remède au Suicide, die den Leser lehrt, wie man den Suizidgedanken bekämpft. Man müsse nur daran denken, wie seine Feinde anlässlich des eigenen Selbstmordes triumphieren würden. Dann vergehe einem die Lust daran. Man ziehe aufs Land, was die Misanthropie etwas lindere, gebe das schludrige Großstadtleben auf und durchlebe seine Tage mit etwas körperlicher und geistiger Arbeit. Wohlan!
Donnerstag, Mai 25, 2006
Anekdote über die Suizidepidemie in den 1830ern
Sonntag, Mai 21, 2006
Politisch Inkorrekt: Family Guy

Family Guy ist für eine US-Serie erfreulich frisch, frech und auf schlaue und perfide Art unterhaltsam. Die Serie lebt von bewusst inszenierten Tabubrüchen (Witze über Osama bin Laden, Schwarze, Behinderte, Juden, Frauen und Hitler), die erst aufgrund ihrer Übertreibung als schwarzer Humor enttarnt werden. Denn die Witze sind häufig Aussagen, die man John und Jane Doe häufig ernsthaft sagen hört. Thematisiert werden aktuelle Diskurse wie z.B. die Evolutionslehre (ein Lehrer wird verhaftet, weil er diese lehrt), Sterbehilfe (Brian macht Gemeindearbeit und eine alte Frau bittet ihn, den Strom abzuschalten), Drogen (Brian wird Kokser, nachdem er anfängt, bei der Polizei zu arbeiten), Medienkritik (Stewie wird wie andere Kleinkinder an inhaltlich leere Shows verkauft), daneben gibt es amüsante Einlagen, wie eine Werbung für Doublemint mit aneinandergewachsenen Zwillingen. Sehr unterhaltsam sind auch die klassischen Musicaleinlagen sowie die regelmäßigen absurden Einspielungen und Referenzen. Um ihre Lieblings-TV-Show zurückzuholen, täuschen Peter und Chris einmal vor, dass Chris sterben wird.
Als Zuschauer von Family Guy erfährt man die Wahrheit vieler historischer Begebenheiten:
1. Wie Einstein zur Realitivitätstheorie kam: Albert Einstein arbeitete im Patent-Amt. Da kam jemand, um sich eine Relativitätstheorie patentieren zu lassen. Daraufhin sagt Einstein: "Guck mal hier." Der Mann beugt sich runter und Einstein rammt einige Male das Gitter seines Fensters herunter, so dass der arme Mann stirbt.
2. Wie die Familie von Anne Frank von den Nazis verschleppt wurde: Die Familie von Anne Frank versteckt sich auf dem Dachboden, als die Nazis kommen. Alle sind still, Plötzlich hört man jemanden Chips crunshen. Es ist Peter, der neben der Familie sitzt und nicht aufhört Chips zu essen.
3. Die Arbeitsweise von Stephen King. Er bringt sein 307. Buch. Sein Verleger: "You're not even trying anymore, are you?", nachdem King vorschlägt, ein Pärchen werden in seinem nächsten Buch von einem Lampenmonster angegriffen.
Nun zu den Charakteren
Mein Favorit ist der Tod, der in verschiedenen Episoden auftaucht. Er verhält sich wie dein bester Kumpel und ist äußerst ansprechend gezeichnet als Sensemann. Stewey mag ihn sehr gern, schließlich ist auch er sarkastisch und ironisch. Die beiden lernen sich kennen:
Stewey zu Death: "Hello I'm Stewie. Big Fan."
Lois zu Death: "You can't take my husband."
Stewie: "Mother, your manners. Don't argue with our guest. Won't you join us for dinner, death?"
Death: "Ah, no, I don't wanna bother. (smells) Is that turkey?"
Lois: "Yes. Death."
(...)
Death: "Oh, do you mind?"
Stewie: "Mind?! Of course you wouldn't mind. It would be an honor. No, nonono it would be a privilege. (Zu Lois) Come, come. You! heat up some gravy for our guest. My last white meat was drier than Oscar Wilde."
(...)
Death: "Well that does it for me. Lets go Peter."
Lois: "Wait, No you can't go. After dinner we usually go into the living room and live for another 40 or 50 years."
Neben dem Tod gibt es viele andere Gastauftritte, u.a. von Spiderman, Tony Tiger, Bimbo oder Luke Perry:
Waiter: "Hey, you really look familiar."
Luke Perry: "Yeah, I'm the guy you wish you were."
Nun zum festen Personal:
1. Peter, das Familienoberhaupt
Um es kurz zu machen, Peter ist penetrant dumm. Sein Sohn Chris bezeichnet ihn als "borderline alcoholic". Einmal trickst Peter Death aus, weil er nicht sterben will. Death verletzt sich dabei den Knöchel. Lois kommt auf die Idee, dass solange Death verletzt ist, er keine Toten holen kann und Peter damit nicht sterben. Und so macht Peter all das, was er schon immer tun wollte: von einem großen Gebäude runterspringen, saufen, ohne eine Alkoholvergiftung bekommen, sich mit Bikern einlassen, erschossen werden und nicht sterben. Cleveland über Peter: "Oh, Peter, you are the hight of 'just-too-much'ery."
Peter: "...the whole Vietnam thing - never happened."
Brian: "Oh yeah, but don't mention it around the veteran hospital. Those guys are really committed to the lie."
Peter: "Gays don't vomit. They are very clean people. And they have been ever since they came to this country from France."
Peter über Frauen: "It's okay to lie to women, they're not people like us."
Und: "By the way, women are not people. They are devices built by the Lord Jesus Christ for our entertainment."
Lois to Chris: "A woman is not an object."
Peter: "Your mother's right, son. Listen to what it says."
Peter fährt mit verbundenen Augen Auto:
Lois: "Then at least let me drive."
Peter: "Lois, you know it's illegal for women to drive. (...) Ha, a woman driving. That's adorable."
Peter trifft einen alten Schulkameraden, der einen Vergnügungspark eröffnet hat: Dieser fragt Peter: "And what have you done with your life, you jerk?"
Peter: "I'm Neptune, God of the Sea, I sink ships and conjure up storms."
Dann erscheint Neptun und sagt zu Peter: "No, you're not. I am. And you know nothing of my work."
"Peter, you got fired." - "Oh, Jeez, for how long?"
Peter: "You're not supposed to admire wheel-chaired people, you're supposed to feel sorry for them. When did it become to be okay to be handicapped?"
Peter: "Rules were made to be broken."
Meg: "I finally get my driver's licence and and you loose our car to a poker machine. How ironic."
Peter: "Hey, don't talk about you mother that way. She's not an iron."
Peter: "Brian, there's a message in my alphabets; it says OOOOO."
Brian: "Peter, those are Cheerios."
Peter: "What am I supposed to do with my good ideas? Put them in a tub and clean myself with 'em? Cause that's what soap is for, Lois."
Peter zu Brian: "Can I put you on a stick and use you as a white flag?" 
Chris macht den Nasenkniepser bei Peter: "Haha, I got your nose."
Peter - siehe oben: "Haha, I got your face."
2. Chris, der Sohn
Chris ist ähnlich dumm wie sein Vater, aber sympathischer. Er ist der Älteste, auch wenn er sich nicht unbedingt so benimmt. Chris zum Twinkie: "I'm turning you into poo."
Brian: "I tell you there is something magical about Brown." (und er meint Brown Universtiy)
Chris: "Brown's the colour of poo, ha ha ha."
3. Stewie, das Baby
Stewie ist böse, sarkastisch, will seine Mutter töten und die Welt beherrschen. In der ersten Folge will er ein Brain-Control-Device bauen, und damit ist schnell klar: Er ist nicht so süß wie er aussieht. Stewey schießt sehr gerne, baut sich eine Zeitmaschine und ist ein kleiner Diktator. Er freut sich abgöttisch und macht High-Five als er vom Verdacht des tödlichen Brustkrebs Peters erfährt. Aber dann die große Enttäuschung: "But you promised the fat one would perish."
Er distanziert sich grundsätzlich von der Familie, als ob er adoptiert wäre. Seine email-adresse lautet loismustdie@yahoo.com. Einmal will Stewie eine Maschine ersteigern, mit der sich die ganze Menschheit versklaven lässt. Niemand bietet, und Stewie zeigt die ganze Zeit seine Karte hoch, aber er ist in der letzten Reihe und niemand kann ihn sehen. Ein anderes Mal versucht er seine Mutter zu töten, indem er Chris unter seine mentale Kontrolle bringt und es ihn ausführen lässt. Er scheitert, weil sein mentales Kontrollgerät wegen der Mikrowelle ausfällt. Aber das ist nicht weiter schlimm, denn Stewie behauptet, eine Zeitbombe in Louis Gebärmutter installiert zu haben, die sich aktiviert, wenn sie 50 wird.
Sporadisch taucht der Verdacht auf, Stewie könnte schwul sein. Sein Teddybär heißt Rupert und ist schwul. Ein Psychiater diagnostiziert "gender confusion". Einmal wird Stewie ein Calvin Klein-Windel Model. Und er mag Boy Georges' 'Do you really want to hurt me'.
Doktor: "29 pounds. That's big for your age."
Stewie: "Forgive me for not being one of those anorexic babies from the diapers commercial."
Stewie über eine Clownpuppe: "Oohh, how deliciously evil looking."
Stewie: "There's always been a lot of tension between Lois and me. And it's not so much that I want to 'kill' her. It's just I want her not to be alive, anymore. I sometimes wonder if all women are this difficult. And then I say to myself. My God, wouldn't it be marvelous if I turned out to be a homosexual."
Stewie zu Lois: "If you cooked any more slowly, you wouldn't need an egg timer, you'd need an egg calendar."
Peter: »Hey Stewie, I see your bum.«
Stewie: »Take a good look, fat man. And while you're at it, take pictures so I'll have something to bring to court you wretched, filthy pervert.«
4. Brian, der Hund
Brian hat eine Schwäche für Lois. In den 70ern hing er mit Andy Warhol ab. Heutzutage geht er zum Psychiater. Er ist äußerst sophisticated.
Peter: "I'll handle it Lois. I read a book about this sort of thing once."
Brian: "Are you sure it was a book? Are you sure it wasn't: nothing?"
5. Meg, die Tocher
Meg hat es schwer. Niemand mag sie, nicht mal ihre Familie. Sie wird bei Familienausflügen gern zurück gelassen ohne dass es jemandem auffällt. Jeder sagt ihr, wie hässlich sie ist. Viele halten sie nicht mal für ein Mädchen. So Peter, als er vom Tod geholt wird zu Meg: "You're the man of the family now." Ein anderes Mal sagt Peter: "I have no son, except Stewie. ... And Meg."
Einmal singt Peter zu Meg, als er sie zu einem Star machen will: "You can't dance, you can't sing. No, you pretty much can't do a thing .. I am proud, you fell out of my wife." Dann sagt jemand zu Chris, der als talentierter Maler in New York gefeiert wird: "You're no artist. You're just a no-talent punk." Daraufhin Peter: "Wait a second. You can talk to my daugther that way but not to my son."
Ein Mädchen sagt über Meg: "Uncool people are like animals." Ein anderes: "Meg, you're such a wanna-be loser."
Meg zu Death: "You could kill every girl prettier than me."
Death: "That would only leave England."
In einer Folge spielten die Griffins bei Big Brother mit. Meg will nicht länger mitmachen und geht. Lois will die Show absetzen lassen: "We can't do the show without Meg." Der Typ vom Studio sagt: "Why not? Our research shows that Meg is the least popular character on the show. But everybody loves the rest of you."
Lehrer: "All right what's going on back here? Oh hello Megan. Wait a minute, you're not part of the popular clique. You go along and play alone somewhere."
Und zum Abschluss der amüsanteste der Nachbarn: Sexmaniac Quagmire und seine Klingel:
Sonntag, Mai 07, 2006
John Stuart Mill's On Liberty als Anklage an die Tabu-Gesellschaft
John Stuart Mill's On Liberty liest sich wie eine Anklage gegen eine Gesellschaft, die von Tabus dominiert wird und nicht aufzubegehren versteht. Er beklagt die Tyrannei der öffentlichen Meinung, die unhinterfragt akzeptiert wird, während sich das englische Volk gegen jegliche staatliche Einflussnahme zur Wehr setzt. Was diese Tyrannei auszeichnet ist, dass sie »ihre eigenen Ideen und Praktiken denjenigen als Verhaltensregeln aufzuzwingen [versucht], die davon abweichen« (11). Im Folgenden soll dargestellt werden, wie die öffentliche Meinung als Tabuwächter agiert.
Ein Tabu dient der Sicherstellung des Status quo der Gemeinschaft. Es ist das Gegenstück zur Konvention, zur Norm, zur Sitte - dem, was man tun soll. Damit ist das Tabu im Moralsystem verordnet. Tabus unterdrücken somit nichtkonformes, abweichendes Verhalten. Mill stellt fest, dass die Gesellschaft nicht nur die Entwicklung, sondern ganz besonders die Bildung jeglicher Individualität zu verhindern sucht (vgl. 11f). Das Ziel der englischen Gesellschaft von 1859 war es also, die einzelnen Mitglieder in der Masse zu verorten und zu einem konventionellem Handeln anzuleiten. Jeder hat zu tun, was von ihm erwartet wird. Individuelles Handeln und Denken war unerwünscht. Damit errichtete die Gesellschaft ein Handlungstabu auf Eigeninitiative sowie ein Denk- und Erkenntnistabu über die Ausbildung des individuellen Geistes. Dass es sich bei diesen von der Gesellschaft aufgestellten Verbotsregeln um Tabus handelt, belegt Mills Feststellung, dass sie den Menschen »selbstverständlich und keiner Rechtfertigung bedürftig« (12) erscheinen. Sie wirken durch die »zauberhafte Macht der Gewohnheit« (ebd.). Darin offenbart sich der unbewusste und intuitive Charakter des Tabus. Das Tabu definiert eine konventionelle Nichthandlung. Man wird sich ihrer erst beim Verstoß bewusst, wenn nämlich ein Schuldbewusstein eintritt. Das Tabu tritt erst bei seiner Überschreitung ins Bewusstsein, wenn gegen die anerkannten »Vorstellungen von Moral, Geschmack oder Schicklichkeit« (13) verstoßen wurde.
Doch woher kommt das Tabu? Die öffentliche Meinung bildet den Konsens einer Gesellschaft. In ihr spiegeln sich (im Idealfall) die Wertvorstellungen der Machthaber. In den heutigen pluralistischen Gesellschaften ließe sich darüber streiten. Bis ins 19. Jahrhundert dominierten jedoch Kirche und Staat die Wertvorstellungen. Die »Unterwürfigkeit der Menschen gegenüber den mutmaßlichen Neigungen oder Abneigungen ihrer augenblicklichen Herren oder ihrer Götter« (14) beweist die bereitwillige Akzeptanz des Tabus. Niemand kam auf die Idee, die irrationale Machtbasis zu hinterfragen, die erst mit der Demokratie abgeschafft wurde. Aus dieser Unterwürfigkeit entstanden »ganz echte Gefühle des Abscheus; sie bewirkte, daß die Menschen Zauberer und Ketzer verbrannt haben« (ebd.). Und tatsächlich sind es Gefühle des Abscheus, der Scham und der Schuld, die sich einstellen, sobald ein Tabu übertreten wird. Daran wird deutlich, wie tief Tabus in unserem Empfinden verankert sind. Es zeigt auch den Absolutheitsanspruch eines Tabus. Zauberer und Ketzer sind Symbole für Menschen, die eine andere Wirklichkeit und einen anderen Glauben entdecken. Das Tabu unterdrückt Alternativen. Eine von Tabus dominierte Gesellschaft, ist eine Gesellschaft mit geringer Toleranz.
Mill sieht den Menschen in seiner Individualität und Unabhängigkeit. Er fordert die Freiheit, das Leben den eigenen Vorstellungen entsprechend leben zu dürfen. Individuelles Verhalten, das andere als »töricht, pervers oder falsch« (21) empfinden, muss erlaubt sein, solange niemand verletzt oder seiner Freiheit beraubt wird. Mill plädiert damit für die Eigenverantwortung des Menschen, die ihm von der Gesellschaft seiner Zeit nicht zugestanden wird. Es gibt verschiedene Gründe, warum individuelles Verhalten unterdrückt wurde:
a) die Machthaber glaubten, die Menschen seien unmündig und müssten vor Gefahren und Verirrungen geschützt werden; also sagte man ihnen, wie sie sich verhalten sollen
b) die Machthaber wussten, dass unwissende Massen leichter zu lenken sind, als wissende; Wissen ist Macht und daran anschließend folgt
c) die Machthaber wollten somit ein Aufbegehren unterdrücken, denn ein Hinterfragen der Strukturen der Gesellschaft würde auch ihre Macht in Frage stellen.
Nun ist das 19. Jahrhundert das Jahrhundert der Revolutionen, des Aufbegehrens, des Infragestellens. Es ist zugleich das Jahrhundert, in dem der Journalismus entstand, ein öffentliches Forum zum Austausch von Meinungen, zum Durchspielen von alternativen Gedanken. Mill schreibt: »Irrige Meinungen und Gewohnheiten weichen allmählich der Macht der Tatsachen und der Gründe; Tatsachen und Gründe aber müssen, damit sie irgendwelchen Eindruck auf den Geist machen, ihm bewußt werden« (31). Das 19. Jahrhundert ist auch das Jahrhundert der Entdeckungen. Die Welt wird entzaubert. Irrationale Tabus werden nicht länger aufrechterhalten, sie werden hinterfragbar. Sie treten aus dem Unbewusstsein ins Bewusstsein. Das heißt aber nicht, dass sie verschwinden. Jede Gesellschaft hat ihre Tabus, aber es sind heute weniger als früher. Viele einstige Tabuthemen wurden thematisiert, ausdiskutiert und schließlich enttabuisiert. Eine Tabuisierung erfolgt dort, wo eine Diskussion zum Schweigen gebracht wird. Damit tritt ein gesellschaftlicher Stillstand ein. Das Leben wird zur Lüge, der Schein dominiert das Sein. Mill vertraut dem menschlichen Urteil nur, wenn es revidiert werden kann (vgl. ebd.). Offene und kritische Diskussion ist ihm ein wesentliches Element der freien Gesellschaft. Er fordert die Abschaffung von Erkenntnistabus und wundert sich über Menschen, die »denken, ein besonderes Prinzip oder eine besondere Doktrin sollte man nicht in Frage stellen dürfen« (33). Nach der französischen Revolution glaubten viele Engländer, religiöser Unglaube kopple sich mit Revolution und Anarchie. So schreibt Mill: »Im gegenwärtigen Zeitalter, das man >des Glaubens bar und bange vor dem Zweifel< genannt hat, fühlen die Menschen nicht so sehr, daß ihre Ansichten wahr sind, als vielmehr, daß sie diese Ansichten notwendig brauchen. So stützen sie den Anspruch auf den Schutz einer Ansicht nicht auf deren Wahrheit, sondern auf ihre Wichtigkeit für die Gesellschaft« (33). Hier zeigt sich deutlich die identitäts- und sicherheitsstiftende Funktion des Tabus. Wenn sich die Welt radikal verändert, was bleibt dann noch, wenn nicht das Aufrechterhalten der traditionellen Gemeinschaft? Das Tabu sichert so als Teil der tradierten Moral das Identitätsgefüge der Gruppe. Der äußere Wandel hört jedoch nicht auf und so ist das Tabu, ist die Moral bald obsolet.
Das starre Festhalten an den alten Überzeugungen führt zu dem Glauben, dass »nur schlechte Menschen [...] den Wunsch hegen, so heilsame Überzeugungen zu lockern« (34). Diese schlechten Menschen sind diejenigen, die den Tabubruch wagen. Sie sind oftmals Neuerer, Visionäre, Vorreiter, Eliten. Die Zeitgenossen erkennen das jedoch selten und diffamieren jene oft als Ketzer. Die Tabuwächter sagen, dass »kein Satz, der der Wahrheit entgegensteht« (34) - und es gab für diese Menschen nur eine Wahrheit - nützlich sein könne. Hier ist anzumerken, dass der Utilitarismus, die Lehre von der Nützlichkeit, im England des 19. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle spielte. Damit ist jegliche Diskussion von vornherein vereitelt. Das große Problem der englischen Gesellschaft war laut Mill die soziale Stigmatisierung von Abweichlern. Eine Meinung, »die die Gesellschaft mit ihrem Bann belegt hatte« (46) konnten sich nur diejenigen leisten, die von der »guten Meinung anderer Leute« (ebd.) unabhängig waren und denen es nichts ausmachte, dass man sie diffamierte. Die Tabuisierung führt zu einer gesellschaftlichen Lüge, zu einer Scheinmoral. Die Menschen verstecken ihre Meinungen aus Angst vor der Bestrafung seitens der Tabuwächter. Die Moral der Gesellschaft leidet darunter: »Ein solches Zeitalter kann keine offenen und furchtlosen Charaktere hervorbringen und keine logischen, folgerichtigen Denker, die einst das Geistesreich zierten« (47); die Menschen werden zu Marionetten.
Mill stellt die Tabuisierung, die im 19. Jahrhundert nicht nur die englische Gesellschaft prägte, in Zusammenhang mit der Sprachkrise, die im Fin de Siècle ihren Höhepunkt fand. Wo keine Diskussion stattfindet, vergesse man irgendwann die Gründe für die eigenen Meinung. Die Worte, die einst Ideen ausdrückten, sind nur mehr leere Hülsen, jeglichen Ausdrucks entkleidet. Sie sind Phrasen, derer man sich ohne innere Überzeugung bedient.
Mill ist ein entschiedener Vertreteter des individuellen Handelns. Jeder Mensch sollte aufgrund eigener Erfahrungen zu seinen Überzeugungen gelangen. Eine konventionalisierte Gesellschaft bringe aber nur gewöhnliche Menschen hervor. Außergewöhnliche Menschen erstaunen und erschrecken, gelten als störend und rebellisch. Wer nicht eigenständig denkt und selbständig Entscheidungen trifft, wer Lehren annimmt, ohne sie zu hinterfragen, der entfremdet sich letztlich von sich selbst. Diese Entfremdung tritt umso stärker ins Bewusstsein, je rigoroser die menschlichen Begierden und Triebe tabuisiert werden. Im Viktorianischen Zeitalter trat dies besonders stark zutage.
Schließlich kommt Mill auf das Genie zu sprechen. Genie ist für ihn »Originalität im Denken und Handeln« (89) und gerade dies war in der Gesellschaft seiner Zeit unerwünscht. Mill fürchtete gar um den Untergang des Genies, da die Menschen ihre Überzeugungen zunehmend der Presse entnahmen. Die öffentliche Meinung, die ja immer von den »Durchschnittsmenschen« (91) getragen wird, wird nun auch von diesen institutionalisiert. Wie sehr die Individualität unterdrückt wurde zeigt sich darin, dass eine zu starke Abweichung von der Norm schnell dazu führte, als geisteskrank stigmatisiert zu werden. Die Folge war der Ausschluss aus der Gesellschaft. Mill spricht von den zahlreichen Gerichtsurteilen, bei denen »alle Einzelheiten im täglichen Leben des Betroffenen durchgegangen [werden], und wenn sich irgend etwas findet, was durch niederträchtigste Betrachtungsweise und Darstellung den Anschein gewinnt, vom absolut Üblichen abzuweichen, so wird diese Tatsache dem Gericht oft mit Erfolg als Beweis der Verrücktheit hinterbracht« (93). Jegliche Individualität ist so extrem tabuisiert, dass weder Richter noch Geschworene begreifen können, »daß jemand bei gesunden Sinne solche Freiheiten begehren könnte« (94). Dieses engstirnige Denken ist auch der Grund der Dekadenz- und Entartungsdebatte im späten 19. Jahrhundert.
Das große Paradox der englischen Gesellschaft war, dass sie im Bereich der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung führend war. England war das fortschrittlichste Land des 19. Jahrhunderts. Aber in Hinsicht auf die Moral war England absolut rückschrittlich. Es wurde bereits weiter oben darauf hingewiesen, dass dies wohl eine Kompensation angesichts der Umwälzungen war, die alle anderen Bereiche des Lebens betraf und die man nicht kontrollieren konnte. Mill führt die fehlende Individualität auch auf die Demokratie zurück. Wo alle die gleichen Rechte, Pflichten und Lebensweisen haben gebe es keinen Widerstand, weil es keine Missgunst und kein Mitleid gebe. Dieser theoretische Anspruch an Gleichheit war praktisch jedoch nie existent. Die große Masse war dennoch ein historisches Phänomen.
Worum es John Stuart Mill vor allem ging, war die Anregung einer Diskussion. Nur so kann sinnvoll geklärt werden, welche Tabus, aber auch welche Konventionen, Normen und Sitten eine Gesellschaft braucht. Enttabuisierungen können durch einen kritischen Diskurs eingeleitet werden und zur Entwicklung einer zeitgemäßen Moral beitragen.
John Stuart Mill (1991): Über die Freiheit. Leipzig und Weimar.
Dienstag, Mai 02, 2006
Wer regiert nochmal?
Von den neuen alten Werten und dem Lauf der Evolution
Von der Koalition ist nicht viel zu spüren, im Gegenteil, man könnte den Eindruck bekommen das Land werde von der CDU regiert. Zwei Beispiele:
1. Die Diskussion um die Rückkehr zu christlichen Werten
2. Die Diskussion um den Lebensstil der Frau
Es ist nicht lange her, da wurde darüber diskutiert, in nordrhein-westfälischen Schulen christliche Werte wieder einzuführen. Ehrfurcht vor Gott solle den Kindern dort wieder beigebracht werden. Ehrfurcht: Das mutet als veraltetes Wort an. Schauen wir nach, was es bedeutet:
»Ehrfurcht, die aus dem Gefühl des Ergriffen-Seins von dem sittlichen Eigenwert eines anderen Menschen oder einer die eigene Person übersteigenden und anrührenden geistigen oder religiösen Macht entstehende Haltung der Achtung und inneren Anerkennung.«
Soweit das Lexikon. Alle Schüler sollen also Gott achten und anerkennen. Das ist ein Verstoß gegen das Grundgesetz, demzufolge Religion Privatsache, Staat und Religion streng zu trennen sind. Eine wichtige gesellschaftliche Spielregel denke ich. Die Forderung der CDU beweist einmal mehr, wie ohnmächtig die westlichen Staaten auf die terroristische Gefahr reagieren. Kritisiert man nicht an den islamistischen Staaten die zu starke Verflechtung von Religion und Staat? Hat die aufgeklärte Welt dem nichts Besseres entgegenzusetzen als die Flucht zurück in blinden, irrationalen Glauben, der nur zu eigenem Fanatismus führen könnte? Werden wirtschaftspolitische und geostrategische Interessen bei zukünftigen Auseinandersetzungen um globale Macht gar zurücktreten? Sehnt sich die Welt nach der guten alten Zeit, in der Kriege noch überschaubar und verständlich waren? Mein Gott, dein Gott?
Der Rückkehr zum Glauben scheint umso verständlicher, je komplizierter die Welt wird. Es ist mit viel Anstrengung und Arbeit verbunden, die Welt noch verstehen zu wollen. Gott dagegen muss man nicht verstehen, man muss nur glauben.
Begleitet wird diese Rückwärtsbewegung von der gerade eingeführten Diskussion um die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft, aktuell angestachelt durch den Artikel Eva Hermanns im Magazin Cicero. Schon seit einigen Jahren wissen wir um die Vergreisung der deutschen Bevölkerung. Die Wirtschaft stellt sich darauf ein und passt ihre Produkte dem, was da kommen wird, an. Die Immobilienbranche bietet verschiedene neue Konzepte: Seniorenwohnungen, Betreutes Wohnen, Alten-WGs. Die Medizin entwicklte Produkte, um die Leistungsfähigkeit im Alter zu steigern. Nur die Politiker sehen schwarz und finden keine andere Option als die Medien dafür einzuspannen, einen neuen Babyboom herbeizuunken. Jawohl, Frauen sollen wieder mehr Kinder kriegen! Oder vielmehr, Kinder überhaupt. Anreiz soll das Elterngeld schaffen und die Wiedereinführung christlicher Werte, die das Familienglück als oberstes Gut sehen. Dumm nur, dass der Extra-Bonus Eltergeld durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer negativ ausgeglichen wird.
Statt den demographischen Wandel krampfhaft auf das Niveau vergangener Jahrzehnte zurückführen zu wollen, sollte sich die Gesellschaft den veränderten Tatsachen stellen und die sich ergebenden Möglichkeiten nutzen. Im Grunde ist es doch ganz einfach: Die Menschen leben immer länger. Die Möglichkeiten zur Gestaltung des eigenen Lebens sind immer vielfältiger. Ergo wird der Mensch egoistischer und neugieriger. Seit der Romantik geht es um das Individuum und dessen Selbstverwirklichung. Der eine will Familie, der andere Karriere, der dritte Spaß. Niemand braucht noch eine Sippe mit acht Kindern zur Altersvorsorge. Nicht, dass man sich in unserem Land keine Sorgen darüber machen müsste. Aber die Alten werden immer länger leistungsfähiger sein. Vielleicht ist das der Weg der Evolution. Die Menschen vermehren sich um zu überleben. Ist der Punkt aber erreicht, an dem das Überleben nicht mehr gesichert werden muss, dann schreitet der Mensch zur Ausbildung seines Selbst. Er lebt seinen Neigungen und Interessen entsprechend. Ist es also nicht vielleicht natürlich, dass die Bevölkerungszahlen - nicht nur in Deutschland - zurückgehen? Wir wissen es nicht, wir kennen nur diese Welt und diese Evolution.
Ich halte es für sinnvoller, auf gesellschaftliche, kulturelle, politische, soziale und wirtschaftliche Entwicklungen zu reagieren als diese Entwicklungen selbst hemmen oder gar zwanghaft umkehren zu wollen.

