Sonntag, Juni 11, 2006

Der Teufel als Dandy

Über den Zusammenhang des Bösen und dem Dandy ist in diesem Blog bereits gesprochen wurde. Meist erscheint er als unmoralischer Schurke oder als lasterhafter Kumpane, manchmal aber auch als Teufel oder Vampir. Gerade Vampire sind häufig sehr dandyesk eingerichtet, gebildet und verfügen - notgedrungen - über eine Menge Lebenserfahrung.

Hier nun ein literarisches Kleinod, das ich im Zuge meiner Recherchen ausgegraben habe. Es handelt sich um eine Darstellung des Dandys als Teufel und ist Teil der Geschichte Onuphrius, die Théophile Gautier 1833 in seinem Erzählband »Les Jeunes-France« veröffentlichte. Kurze Einleitung: Onuphrius ist Maler und Dichter, führt ein Bohème-Leben und leidet darunter, dass ihm Realität und Traum ununterscheidbar werden. Die Szene spielte auf einem Ball:

»Plötzlich belebten sich seine (Onuphrius) Augen; er hatte etwas Außergewöhnliches gesehen: ein junger Mann trat ein, er möchte fünfundzwanzig sein, trug einen schwarzen Frack, eine rote Samtweste, weiße Handschuhe, goldene Lorgnette, kurzgeschnittenes Haar, einen roten Bart à la Saint-Mégrin, es gab da nichts Besonderes, etliche hervorragende Männer hatten ein ähnliches Aussehen; sein feines, ebenmäßiges Profil hätte den Neid so manchen Dämchens erregt; aber es lag so viel Ironie um diesen bleichen, winzigen Mund, dessen Winkel sich ständig in den Schatten ihres roten Schnurrbarts flüchteten, so viel Bosheit in den Augen, die durch die Lorgnette blitzten wie die eines Vampirs, daß er unter Tausenden hervorstach.

Er streifte die Handschuhe ab. Lord Byron oder Bonaparte hätten sich glücklich gepriesen mit solch einer kleinen Hand und ihren runden, schlanken Fingern, so zart, so weiß, so durchsichtig, daß man sie zu zerbrechen fürchtete, wenn man sie drückte, er trug am Zeigefinger einen dicken Ring mit dem verhängnisvollen Rubin, sein intensives Strahlen zwang einen, die Augen abzuwenden.

Die seltsame Gestalt glitt wie ein Schatten zwischen den Gruppen hindurch, sagte hier ein Wort, stieß dort jemand an, grüßte die Frauen mit einer Miene spöttischen Respekts und übertriebener Galanterie, die die einen erröten, die anderen sich auf die Lippen beißen ließ; man hätte meinen können, sein Luchsauge tauche bis in die Tiefe ihres Herzens ein; satanische Verachtung lag in seinen noch so kleinen Bewegungen, ein unmerkliches Augenzwinkern, ein Stirnrunzeln, der Bogen der Brauen, seine Unterlippe, die, selbst wenn er dieses verächtliche Lächeln andeutete, stets etwas vorstand - alles verriet in ihm, trotz seiner höflichen Manieren und demutsvollen Worte, stolze Gedanken, die er am liebsten verdrängt hätte.
(...)
Der Dandy mit dem roten Bart war da, er strich seinen Schnurrbart nach oben und sah Onuphrius mit boshafter Genugtuung an. (...) Onuphrius stand aufrecht, die Hand auf die Rückenlehne eines Sessels gestützt, der ihm als Rednerpult diente. Der Dandy setzte sich neben ihn, so nahe, daß er ihn berührte; als er merkte, daß Onuphrius den Mund öffnen wollte, holte er aus seiner Tasche einen Silberspatel und ein Netz, an dessen einem Ende ein kleiner Elfenbeinstab befestigt war; auf dem Spatel lag eine schaumige rosarote Masse, ähnlich der Füllung eines Baisers; Onuphrius erkannte darin sofort die zu Brei oder Gelatine gewordenen Verse von Dorat, Bouffier, Bernis und Monsieur Chevalier de Pezay. Das Netz war leer.

In der Befürchtung, der Dandy wollte ihm eine auswischen, rückte Onuphrius den Sessel weg und setzte sich dann; der Mann mit den grünen Augen setzte sich direkt hinter ihn; da Onuphrius nicht mehr anders konnte, begann er. Kaum hatte sich die letzte Silbe des ersten Verses von seinen Lippen gelöst, da hielt der Dandy mit bewundernswerter Fertigkeit sein Netz auf und fing ihn im Flug auf, ehe er das Ohr der Gesellschaft erreicht hatte; dann zückte er seinen Spatel und stopfte ihm einen Löffel voll von seinem abscheulichen Brei in den Mund. Onuphrius hätte sich gern irgendwohin geflüchtet; aber eine magische Kette fesselte ihn an den Sessel. Er mußte fortfahren und an dieser abscheulichen Mixtur von mythologischem Trödel und abgestandenen Galanterien schlucken. Das wiederholte sich bei jedem Vers, niemand indes schien es zu bemerken.

Onuphrius' neue Gedanken, seine schönen, in tausendfältigen Farben schillernden romantischen Reime stießen sich und hüpften in den Maschen wie Fische im Netz oder wie Schmetterlinge unter einem Taschentuch. - Der ärmste Dichter stand Höllenqualen aus, Schweißtropfen rannten von der Stirn herab. Als er am Ende war, nahm der Dandy vorsichtig Onuphrius' Reime und Gedanken an den Flügeln und schloß sie in seine Brieftasche ein.
(...)
»Schufte, Sie alle!« schrie Onuphrius mit Donnerstimme und schüttete das Glas Zuckerwasser, das man ihm reichte, auf das Tablett. »Das ist ein abgekartetes Spiel, eine richtige Falle; Sie haben mich kommen lassen, um mich dem Teufel auszuliefern, ja, Satan persönlich«, fügte er hinzu und zeigte mit dem Finger auf den Stutzer in der roten Weste. (...) »Wirklich«, sagte der junge Mann, indem er eine halbe Elle behaarten Schwanz unter seinen Rockschößen verbarg, der sich wedelnd hervorgewagt hatte, »mich für den Teufel zu halten, eine lustige Erfindung! Der ärmste Onuphrius ist ganz sicher wahnsinnig.«
(...)
Man verließ den Ball, an der Tür kam es zum Gedränge, man fluchte, man rief die Kutschen herbei. Der junge Mann mit dem Netz lief herab, er gab einer Dame den Arm, diese Dame war niemand anders als Jacintha; das Trittbrett des Wagens wurde herabgelassen, der Dandy reichte ihr die Hand, sie stiegen ein. Onuphrius' Zorn kannte keine Grenzen; entschlossen, diese Affäre zu klären, verschränkte er die Arme vor der Brust und stellte sich mitten auf die Straße. Der Kutscher ließ seine Peitsche knallen, ein Funkenregen sprühte unter den Hufen der Pferde hervor. Im Galopp sprengten sie los. Der Kutscher brüllte: »Aus dem Weg!«, er rührte sich nicht vom Fleck; der schnelle Lauf der Tiere war nicht zu bremsen. Jacintha schrie auf. Onuphrius glaubte, es sei um ihn geschehen; doch Pferde, Kutscher, Wagen waren nur ein Dunstschleier, den sein Körper teilte, wie ein Brückenpfeiler eine Wassermasse, die sofort wieder zusammenfließt. Die Stücken des gespensterhaften Wagens setzten sich einige Schritte hinter ihm wieder zusammen, und die Kutsche rollte weiter, als wäre nichts geschehen. Sprachlos folgte ihr Onuphrius mit den Augen: undeutlich sah er Jacintha, die die Gardine hochgehoben hatte und ihn traurig und zärtlich anschaute, und den Dandy mit seinem roten Bart, der wie ein Hyäne lachte; an einer Kurve entschwanden sie seinem Blick; schweißüberströmt, keuchend, sich zutiefst elend fühlend, bleich, todmüde und um zehn Jahre gealtert, schleppte sich Onuphrius nach Hause.«

Aus: Théophile Gautier: Auf der Suche nach dem Anderswo. Bd. 1. Hgg. und mit einem Nachwort versehen von Oskar Sahlberg Berlin: Freitag Verlag, 1983.