Hier nun eine Szene aus Théophile Gautiers Prosagedicht Albertus, das 1832 erschien. Die Szene schildert einen dämonischen Totentanz, der Teufel ist ein Dandy.
Fledermäuse, Eulen, Käuze, kahle Geier,
Uhus, Nachtvögel mit flammenden und wilden Augen,
Monstren aller Art und solche, die man nicht kennt,
Strigen mit hakenförmigem Schnabel, Vamps, Larven,
Harpyien, Vampire, Werwölfe, gottlose Wiedergänger ,
Mammuts, Leviathane , Krokodile, Boas,
Das knurrt, kreischt, zischt, lacht und plappert,
Das wimmelt, glänzt, fliegt, kriecht und hüpft;
Die Sonne ist davon bedeckt, die Luft ist davon geschwängert.
- Die Besen fauchen, die Fahrt wird langsamer,
Und mit ihren knochigen Fingern, die Zügel an sich nehmend,
Schrie die Alte: »Hier ist es.«
Eine Flamme, die ein bläuliches Licht wirft,
Wie das der Feuerzangenbowle, erleuchtet das Theater.
- Es war eine Kreuzung inmitten eines Waldes.
Die Geister in Kleidern und die Hexen, nackt
Auf ihren Böcken reitend, aus den vier Straßen,
Aus vier Windrichtungen, kamen sie zugleich hervor.
Die Ergründer der okkulten Wissenschaften,
Fausts aus allen Ländern, Magier aller Kulte,
Braungebrannte Zigeuner, Rabbiner mit rotem Haar,
Kabbalisten, Seher, hermetische Spinner, düster
Und ihre asthmatischen Blasebalge pumpend,
Niemand fehlte beim Treffen.
In Amphitheatern aufbewahrte Skelette,
Ausgestopfte Tiere, Monstren, grünliche Föten,
Noch feucht von ihrem Alkoholbad,
Krüppel, Klumpfüße, die über Nacktschnecken steigen,
Die Zunge streckende und Grimassen schneidende Gehängte;
Bleiche Geköpfte, ein rotes Band auf dem Hals,
Mit einer Hand ihren schwankenden Kopf stützend;
- All die Gefolterten, eine trübselige und blutige Menge,
Einarmige, von einem schwarzen Schleier bedeckte Vatermörder,
In geschwefelte Tuniken gekleidete Häretiker,
Unterlaufene und blaue Geräderte, Ertrunkene mit marmoriertem Fleisch;
- Ein grauenerregender Anblick!
Der Präsident, in einer schwarzen Kanzel sitzend,
Mit seinen krummen Fingern im Zauberbuch blätternd,
Zählte die heiligen Namen Gottes auf.
- Ein seiner grünen Pupille entglittener Strahl
Erleuchtete das Buch und ließ die Wörter
Auf der geöffneten Seite in Feuerzügen aufblitzen.
Man wartete auf den Meister um das Fest zu beginnen,
Man wurde unruhig; er ließ auf sich warten
Und hörte die Beschwörung nicht.
- Albertus glaubte einen Schwanz und Hörner zu sehen,
Bocksfüße, ganz runde Augen mit trübseligen Blicken,
Eine furchtbare Erscheinung!
Endlich kam er. Es war kein den Schwefel vergiftender Teufel
Von entsetzlichem Ansehen, ein Rokoko-Teufel.
Er war elegant, trug einen Imperial und einen feinen Schnurrbart,
Seine Stiefel schellten und die Reitpeitsche zischte
Wie ein merveilleux des Boulevard de Gand.
Man glaubte er ginge Robert le Diable sehen
Oder la Tentation, oder eine fashionable Feier,
- Hinkend wie Byron, aber nicht mehr; - er hätte
Mit seinem schneidenden Ton, seinem aristokratischen Gestus
Und seinem auserlesenen Talent, die Krawatte zu binden,
In den Salons einen großen Eindruck gemacht.
Der Belzebub Dandy machte ein Zeichen und die Truppe,
Findet sich zusammen um das Konzert zu hören.
- Weder Ludwig van Beethoven, noch Gluck, noch Meyerbeer,
Noch Théodore Hoffmann, der fantastische Hoffmann!
Nicht der große Rossini, dieser König der Musik,
Noch der Ritter Carl Maria von Weber,
Hätten, trotz ihres Genies, nicht die große Symphonie
Erfinden und notieren können,
Die die schwarzen Dilettanten nun spielten;
- Boucher und Bériot, Paganini selbst,
Hätten nicht ein so seltsames Thema
Mit glänzenderen Pizzicati erdenken können.
Die Virtuosen lassen die Chanterelle der Stradivaris
Unter ihren trockenen und schlanken Fingern quietschen;
Das kavernöse Tamtam dröhnte wie ein Donnern;
Ein lustiger Kobold, sein rundes Gesicht blähend,
Bläst possenhaft zwei Hörner zugleich.
Dieser hämmert auf einen Rost, der andere, trunken, nimmt
Seinen Wanst als Trommel und zwei Knochen als Schläger.
Vier kleine Dämonen, unter einem Eisenbogen,
Lassen vier kleine Riesen brummen und brüllen.
Eine fette Sopranstimme verzerrt ihre klaffenden Kinnbacken.
Es ist ein Höllenspektakel!
Das Konzert endet, die Tänze beginnen.
Hände in Hände umklammern sich in Ketten.
Der Teufel sitzt im großen schwarzen Sessel
Und gibt das Signal. Hurra! Hurra! Der Reigen
Stürzt sich, zu Fuß die Erde durchwühlend, johlend und wutentbrannt,
Wie ein hemmungsloses Pferd im Galopp.
Um nichts zu sehen, schließt der Himmel seine Sternaugen
Und der Mond nimmt zwei Wolken zum Schleier,
Ganz blass vor Angst flüchtet der Horizont.
Das Wasser bleibt verwirrt stehen und selbst das Echo
Schweigt, nicht wagend die Blasphemien zu wiederholen,
Die es in dieser Nacht hört!
Man hätte im Dunkel grässliche Zeichen
Eines finsteren Tierkreises sich wenden und leuchten sehen;
Das schwerfällige Nilpferd, Falstaff auf vier Füßen,
Sich linkisch auf seinen massiven Pfoten aufrichtend
Und in lasziven Freudensprüngen erblühend.
- Der Krüppel mit seinen abgehackten Stumpfen,
Sprang wie eine Kröte, und die Böcke, noch rüstiger,
Schlugen Entrechats, machten Rundsprünge.
- Ein Totenkopf, auf Weberknechtpranken,
Lief über die Erde wie eine große Spinne.
In allen Ecken tummelte Unförmiges;
- Würmer kriechen ungeschickt über die Erde. -
Das Haar im Wind, die Wangen entflammt,
Die Frauen verzerren ihre Gliedmaßen in infamen Posen;
Arétin wäre errötet. Wütende Küsse marmorieren
Die unterlaufenen Brüste und die weißen Schultern;
Die schwarzen und haarigen Finger verkrampfen sich auf den Hüftknochen:
Man hört einen Lärm hemmungsloser Stöße.
- Die Pupillen werfen elektrische Blitze,
Die Münder ergründen sich in geilen Umklammerungen:
- Ein verrücktes Gelächter, Schreie, Geröchel.
Nein, niemals hat Sodom, niemals seine schmutzige Schwester,
Mit scheußlicheren Paarungen den Himmel erschreckt,
Die Welt beschmutzt.
Der Teufel niest. Für eine fashionable Nase
War der Geruch der Versammlung unerträglich.
- »Gott segne Sie,« sagte Albertus höflich.
- Kaum hat er den heiligen Namen fallen lassen,
Dass Phantome, Hexen und Hexer, irre Monster und Gnome,
In der Luft verschwanden wie ein Zauber.
- Er fühlte voller Entsetzen scharfe Krallen,
Zähne, die in sein zerrissenes Fleisch eintauchen;
Er schreit; doch sein Schrei wurde nicht gehört...
Und die Contadini fanden an diesem Morgen bei Rom,
Auf der Straße Appia die Leiche eines Mannes,
Die Lenden gebrochen, den Hals verzerrt.
Übersetzung: Melanie Grundmann
Donnerstag, September 14, 2006
Der Totentanz in Théophile Gautiers »Albertus«
DANDY*O*RAMA .-. Eugene de Rastignac (Balzac)
Eugen von Rastignac ist einer jener sehr gescheiten jungen Leute, die alles versuchen und den Eindruck machen, als tastesten sie die Menschen ab, um zu erfahren, was die Zukunft bringt. Während er das Alter des Ehrgeizes abwartet, macht er sich über alles lustig, er besitzt geistige Eleganz und Selbständigkeit, zwei Eigenschaften, die darum so selten sind, weil sie einander ausschließen.
Aus: Honoré de Balzac: Pariser Novellen, Berlin, Rowohlt, o.J. Übersetzt von Otto Flake
Rastignac ... junge Lebemann .. Prise attischen Stolzes (...) Rastignac, der nicht der Mann dazu war, eine Beleidigung hinunterzuschlucken, stand da wie vom Blitz getroffen und ließ sich von einer Eisenhand, die abzuschütteln ihm unmöglich war, in einer Fensternische führen
Honoré de Balzac: Glanz und Elend der Kurtisanen, Goldmann, München: 1985
Eugène de Rastignac gehört zu den höchst gescheiten jungen Leuten, die es mit allem versuchen und die die Menschen abzutasten scheinen, um zu erfahren, was die Zukunft bringt. Bis er in das Alter des Ehrgeizes kommt, mokiert er sich über alles; er besitzt Anstand und Originalität, zwei seltene Eigenschaften, weil eine die andere ausschließt.
Honoré de Balzac: Béatrix. Berlin/Weimar: Aufbau Verlag, 1966.
Rastignac (...) Er sprach von der Schwindelei. Mit dem liebenswürdigen Schwung, der ihn so verführerisch macht, bewies er mir, daß alle Männer von Genie Schwindler seien (...) »Die Dummköpfe«, rief er, »nennen dieses Geschäft intrigieren, die Moralisten ächten es mit dem Wort Lebensverschwendung; aber halten wir uns nicht mit den Menschen auf, sondern schauen wir auf die Ergebnisse. Du arbeitest also? Gut und schön, dann wirst du es nie zu etwas bringen. ich dagegen bin zu allem fähig und zu nichts zu gebrauchen, faul wie ein Hummer - und eben deshalb werde ich alles erreichen. Ich mache mich breit, ich dränge mich vor, man macht mir Platz; ich rühme mich und man glaubt mir; ich mache Schulden und man bezahlt sie! Die Verschwendung, mein Lieber, ist ein politisches System. Das Leben eines Mannes, der damit beschäftigt ist, sein Vermögen durchzubringen, wird häufig zu einer Spekulation; er legt sein Kapital in Freunden an, in Vergnügungen, in Protektionen und in Bekanntschaften. (...) Der Verschwender dagegen genießt das Leben und läßt seine Pferde laufen. Sollte er sein Geld zufällig verlieren, so bekommt er Gelegenheit, Generalsteuereinnehmer zu werden, sich gut zu verheiraten oder Attaché eines Ministers oder eines Gesandten zu werden. Nach wie vor hat er Freunde, einen Ruf und immer Geld. Er kennt die Triebfedern der Gesellschaft und weiß sie zu seinem Vorteil zu nutzen.«
»Wie alle jungen Leute habe auch ich über den Selbstmord nachgedacht. Wer von uns hätte sich mit dreißig Jahren nicht schon ein paarmal umgebracht? Ich habe nichts Besseres gefunden, als das Dasein durch das Vergnügen aufzubrauchen. Stürz dich in den Abgrund der Ausschweifung, und du oder deine Liebe werden darin umkommen. Die Maßlosigkeit, mein Lieber, ist die Königin aller Todesarten. Gebietet sich nicht über den niederschmetternden Schlaganfall? Der Schlaganfall, das ist ein Pistolenschuß, der uns trifft. Die Orgien überschütten uns mit allen Freuden des Leibes; ist das nicht Opium in kleiner Münze? Indem die Ausschweifung uns zwingt, maßlos zu trinken, fordert sie einen tödlichen Zweikampf mit dem Wein heraus.«
Honoré de Balzac: Das Chagrinleder. Stuttgart: Reclam, 1991.
DANDY*O*RAMA .-. Karl-Eduard de La Palferine (Balzac)
Hinter dem Grafen La Palférine verbirgt sich, so sagt Edmond Werdet in »Souvenirs de la vie littéraire« der König der Pariser Mode, Lautour-Mézeray, über den leider nur wenig überliefert ist. Lautour-Mézeray erschien immer mit einer weißen Kamelie im Knopfloch, seine Oper in der Loge hieß »la loge infernale«.
La Palférine zählte damals zweiundzwanzig Jahre. Es war im Jahr 1834. Er ist das lebende Abbild Ludwigs XIII., er hat dessen blasse, an den Schläfen zart geschwungne Stirn, die gleiche olivenfarbne Haut, die so italienisch ist und im Licht weiß wird, sein langes braunes Haar, am Kinn ein kleines schwarzes Bärtchen - er hat seinen ernsten melancholischen Ausdruck, denn Charakter und Äußeres bilden einen überraschenden Gegensatz.
Wenn Sie wüssten, mit wieviel Geist Eduard de La Palférine sich in diese unbekannte Stellung fand! Wie er sich über die Bürger von 1830 lustig macht! Wieviel Witz, wieviel Geschmack! Könnte die Bohème einen König dulden, so wäre er König der Bohème. Seine Tatkraft ist unerschöpflich. Ihm verdankt man die Karte der Bohème und die Namen der sieben Schlösser, die Nodier nicht auffinden konnte.
Eines Tages ging La Palférine mit einem seiner Freunde spazieren, und dieser warf seinen Zigarrenstummel einem Vorübergehenden ins Gesicht. Der Fremde hatte die Geschmacklosigkeit, zornig zu werden. (...) Er schuldete seinem Schneider tausend Franken. In welche Lage ihn der Zufall auch versetzt, La Palférine zeigt sich ihr immer gewachsen, voll Witz und guten Geschmacks. Er entfaltet immer und überall den Geist Rivarols und den Scharfsinn des großen französischen Herrn. In ihm gab es eine Lust zur Ausschweifung. Hinzuweisen ist auch auf den lebhaften und ausgebildeten Geist La Palférines, denn er besitzt die Doppelpoligkeit, die Pascal verlangt: er ist zärtlich und unbarmherzig.
Er war so freigebig wie Buckingham und konnte es nicht ertragen, mit leeren Taschen überrumpelt zu werden; als er darum eines Tages einem Kaminfeger nichts zu geben hatte, griff er an der Tür eines Spezereihändlers in ein Fass Trauben und füllte damit die Mütze des kleinen Savoyarden, der die Früchte vergnügt aß. Der Spezereihändler lachte zuerst, dann streckte er La Palférine die Hand hin, der nun sagte: 'O pfui, Ihre linke Hand soll nicht wissen, was meine rechte gab.'
Bei allem abenteuerlichen Sinn sucht Karl-Eduard weder einen Waffengang, noch verschmäht er ihn, seine Kühnheit ist geistig und geistvoll. Einmal hörte er im Durchgang, der nach der Oper benannt wird, wie jemand sich in leichtfertigen Ausdrücken über ihn ausließ; im Vorbeigehn stieß er ihn mit dem Ellenbogen an, kehrte um und versetzte ihm einen zweiten Stoß.
»Sie sind sehr ungeschickt«, sagte man.
»Im Gegenteil, ich tat es absichtlich.«
Der junge Mann überreichte ihm seine Karte.
»Sie ist schmutzig,« entgegnete La Palférine, »Sie tragen sie schon zu lange in der Tasche! Darf ich um eine andre bitten«, fügte er hinzu und warf die Karte fort.
Während des Duells erhielt er einen Degenstoß. Als der Gegner Blut fließen sah, wollte er den Gang beenden, indem er ausrief:
»Sie sind verwundet, Graf.«
»Ich leugne den Stoß«, antwortete er so kaltblütig, als befinde er sich in einem Fechtsaal. Und er parierte mit einem ähnlichen Stoß, der aber viel besser saß:
»Das ist der richtige Stich«, sagte er.
Der Gegner musste sechs Monate lang das Bett hüten.
Man erkennt eine freie, aber auch über jede Hemmung sich hinwegsetzende Lebensführung und die lachende Vorstellungskraft, die uns nur in den ersten Jugendjahren verliehen ist.
Aus: Honoré de Balzac: Pariser Novellen, Berlin, Rowohlt, o.J. Übersetzt von Otto Flake
Mittwoch, September 13, 2006
Die Boheme 1840, geschildert von Balzac
Zugegeben, Balzac mag ausschweifend werden. Dennoch finden sich in seinen Romanen immer wieder interessante Beschreibungen seiner Gegenwartskultur. In Ein Prinz der Boheme findet sich eine kurze Charakterisierung der Boheme. Balzac stellt sie als eine Jugend dar, der keine ernsthaften Perspektiven geboten werden. Diese Jugend steckt voller Kraft und Elan, die kein Ventil finden. Nur an eines erinnert man sich: Die Schlacht um Hernani 1830. Dort fanden sich die Bohemiens und Romantiker zusammen, um einer neuen Kunstrichtung zum Durchbruch zu verhelfen. Sie zogen offen gegen die Klassiker zu Felde, Théophile Gautier schockte mit einer roten Weste, Victor Hugos Name war am nächsten Tag auf den Mauern der Stadt zu lesen und Petrus Borel wagte sich gar mit einem Vollbart auf die Straße. Der Bürgerschreck war geboren. Der Schrecken war nicht nur rein äußerlich. Auch die Literatur der Romantiker, die oftmals Bohemiens waren, ließ den Bourgeois erröten und die Bücher vor den Kindern verstecken: Ehebruch, Mord, Prostitution, Inzest und Homosexualität rissen den schönen Schein beiseite und stellten das triste Sein in den Mittelpunkt.
Balzacs Ein Prinz der Boheme wurde 1840 veröffentlicht, also zehn Jahre nachdem sich die Schlacht um Hernani vollzog. Viele der damaligen Bohemiens und glühenden Romantiker waren zu diesem Zeitpunkt ernüchtert: Sie waren in die Abhängigkeit des Journalismus getreten. Hier nun Balzacs Schilderung der Boheme:
Die Boheme, die man die Lehre des Boulevard des Italiens nennen sollte, setzt sich aus jungen Leuten zusammen, die alle das zwanzigste Jahr überschritten, das dreißigste noch nicht erreicht haben; jeder ist in seiner Art ein Genie; sie sind noch wenig bekannt, werden sich aber einen Namen machen und dann hervorragende Leute sein. Sie fallen gewöhnlich schon während des Karnevals auf, wo sie durch mehr oder weniger witzige Einfälle einem Übermaß von Geisteskräften, das während der übrigen Tage des Jahres keinen Ausweg findet, Luft machen. In was für einer Zeit leben wir! Welche abgeschmackte Macht lässt so ungeheure Energien verloren gehn. In der Boheme finden sich Diplomaten, die fähig wären, die Pläne Russlands umzustürzen, wenn Frankreich ihnen seine Macht zur Verfügung stellte. Man begegnet in ihr Schriftstellern, Verwaltungsbeamten, Soldaten, Journalisten, Künstlern. Kurz, alle Fähigkeiten und Talente sind in ihr vertreten. Es ist eine Welt im Kleinen. (...)
In der Boheme findet man die nutzlos verwelkende Blüte der prachtvollen französischen Jugend, um die Napoleon und Ludwig XIV. warben - seit dreißig Jahren siecht sie unter der Herrschaft der Vorurteile, an der ganz Frankreich krankt, dahin; die schöne Jugend, von der gestern erst der Professor Tissot, eine unverdächtige Persönlichkeit, sagte: 'Der Kaiser bediente sich dieser Jugend, die seiner wahrhaftig würdig war, überall, unter seinen Ratgebern, in der allgemeinen Verwaltung, bei Verhandlungen, die von Schwierigkeiten und Gefahren strotzten, in der Regierung der eroberten Länder; und allenthalben erfüllte sie seine Erwartung. Die jungen Leute waren für ihn, was für Karl den Großen seine Sendgrafen waren.' Das Wort Boheme erklärt alles. Die Boheme besitzt nichts und lebt von dem, was sie hat. Die Hoffnung ist ihre Religion, der Glaube an sich ihr Gesetzbuch, Almosen ihr Budget. Alle diese jungen Leute sind größer als ihr Unglück, sie besitzen keinen Reichtum, aber sie sind dem Schicksal überlegen. Sie reiten immer auf einem Wenn, sind witzig wie ein Feuilleton, lustig wie Leute mit Schulden - oh, sie haben ebensoviele Schulden, wie sie trinken! Kurz - darauf wollte ich kommen - sie sind alle verliebt, maßlos verliebt... Stellen Sie sich Lovelace, Heinrich IV., den Regenten, Werther, Saint-Preux, René, den Marschall von Richelieu in einem einzigen Mann vereinigt vor, und Sie haben einen Begriff von der Liebe der Boheme. Was für Liebhaber sind sie! (...)
..ohne Stendhals Buch über die Liebe zu kennen und ohne es vielleicht gelesen zu haben, setzen sie seine Ideen in die Tat um; sie sind Spezialisten in der Liebe aus Geschmack, der Liebe als Leidenschaft, der Liebe aus Laune, der Liebe als Kristallisationspunkt aller Fähigkeiten und zumal der flüchtigen Liebe
Aus: Honoré de Balzac: Pariser Novellen, Berlin, Rowohlt, o.J. Übersetzt von Otto Flake
Montag, September 11, 2006
Der Dandy als Werbevehikel
Der Dandy steht für Luxus und Hedonismus, das war schon immer so. Der Dandy war der Masse immer einen Schritt voraus, er war das, was man heute einen Trendsetter nennt. Er strebte nicht danach, dass man ihn imitiert. Im Gegenteil, der Dandy wollte ein Original sein, individuell und unabhängig. Doch die Konsumgesellschaft ließ nicht lange auf sich warten, das Bedürfnis nach ein bißchen Luxus regte sich mit der Entstehung des Bürgertums in jedem Bürger. Findige Geschäftemacher kamen auf Idee, das einst elitäre Fortbewegungsmittel der Kutsche jedem Mann und jeder Frau anzubieten. Der Name des Unternehmens: »Les Dandys«. Und so konnte auch der Krämer im Tilbury fahren. Mobilität war im modernen Paris längst unverzichtbar. Später kam das Auto, dann der Volkswagen und mit ihm die Massenmobilität. Aber das ist eine andere Geschichte. 
Bild aus La Mode 1844
Eine Anzeige aus La Presse vom 14. Oktober 1836, No. 84
LES DANDYS,
CABRIOLETS, BOGUETS ET TILBURYS BOURGEOIS, SOUS REMISES
Le progrès qui s'est manifesté dans le service des fiacres par la création des coupés, dits citadines, éoliennes, sylphides, etc., fait sentir davantage la nécessité d'ameliorer celui des cabriolets.
L'idée si généralement goûtée par le public, des voitures à quatre roues sous remises, dites Urbaines, devait naturellement conduire à la création de Cabriolets, Boguets et Tilburys bourgeois et sous remises. Les gerants de l'entreprise générale des Dandys se sont entendus avec M. Lachaux, directeur des Urbaines, pour que toutes les stations leur soient communes. Ces deux exploitations trouveront, par ces conventions, économie de location, et chacune profitera de la clientelle de l'autre. Les administrations n'en seront pas moins tout à fait distinctes. L'entreprise des Dandys mettra à la disposition du public des Cabriolets à six ressorts établis avec le plus grand soin, des Boguets et des Tilburys à la mode, attelés des chevaux de maître, avec des harnzis de luxe, conduits par des cochers tenus à l'anglaise, à qui la plus grande politesse sera imposée, et habillés tous d'un manière différente, pour conserver à chaque voiture l'apparence d'un équipage bourgeois. Il y aura ainsi cent Cabriolets, Boguets ou Tilburys, qui remiseront avec les Urbaines, dans des locaux apparents choisis dans tous les quartiers de Paris, et principalement dans ceux les plus frequentés, comme le Boulevards, la Bourse, le Palais-Royal, la Madelaine, le Faubourg Saint-Germain, le Marais, etc.; mais toujours situés de telle sorte que, de quelque point de Paris qu'on habite, on n'ait que peu de chemin à faire pour trouver une des stations. Le public aura donc pour ainsi dire sous sa main, et au meilleur marché possible, telle voiture de luxe et d'affaires qui lui conviendra.
Les affaires dans Paris ont pris une si grande activité, chaque quartier est devenu tellement commerçant, la population travailleuse s'est si considerablement accrue depuis la paix, que les moyens de se transporter rapidement sont devenus indispensables. Aussi, les cabriolets n'ont-ils jamais autant travaillé. Le succès de l'établissement en question ne peut pas être mis en doute: et pour juger des avantages qu'il pourra présenter aux personnes qui s'y intéresseront, il suffit de faire observer que le prix aujourd'hui d'un numéro de cabriolet de place, tout nu, c'est-à-dire le droit de stationner sur la voie publique, se vend environ 5,000 francs; que par conséquent, si on voulait monter des cabriolets de place avec un certain luxe, il faudrait compter 8,000 francs par voiture. Or, celles de l'entreprise des Cabriolets sous remises, ne coûteront que 5,000 francs; c'est moins que la moitié. Il est impossible que leurs recettes ne dépassent pas celles de cabriolets de place; ces dernières présentent encore un bénéfice de 12 à 15 pour cent; donc les premières devront rapporter plus de 50. En un mot, avec le même capital, on aura plus de doublé de bénéfices. On pourra d'ailleurs justifier par des calculs rigoureux qu'ils s'élèveront année commune a 50 pour cent.
Cette affaire présente encore une sécurité que n'offrent pas toutes les entreprises de voitures récemment organisées: c'est que le capital sera entièrement employé et représenté par un matériel bien entretenu, qui aura toujours à peu près la même valeur, et qu'en liquidation on n'aura pas à craindre une diminuation dans des prix de privilèges de numéros, qui de 500 francs sont monté en deux années à la somme énorme de 5,000 francs!
MM. Genevy et Huette, gerants de cette entreprise ont l'expérience de ces sortes d'affaires; l'un sera chargé de l'achat des chevaux et des fourrages; l'autre, de la confection et de l'entretien des voitures, et se renfermeront par là dans un spécialité qui leur est particulière. a
Dienstag, September 05, 2006
DANDY*O*RAMA .-. Lucien de Rubempré (Balzac)
Er war so verführerisch! Er hatte so schmeichelhafte Manieren! Er drückte seine Ungeduld und Wünsche so gefällig aus! Immer hatte er seine Sache gewonnen, bevor er auch nur davon sprach.
Lucien erlebte zwei grausame Stunden in den Tuilerien: Er ging in sich und schätzte sich ein. Zunächst sah er bei den jungen Dandys keinen einzigen Anzug. Einer wippte seinen Spazierstock mit prachtvollem Griff. Ein anderer trug ein Hemd, dessen Manschetten von winzigen goldenen Knöpfen gehalten wurden. Ein dritter drehte, während er mit einer Frau sprach, eine elegante Reitgerte, wieder ein anderer zog aus seiner Westentasche eine Uhr, die so flach wie ein Hundertsousstück war.
Lucien ging zu Staub, dem berühmtesten Schneider dieser Zeit. Bei Verdier kaufte er einen hübschen Spazierstock und bei Madame Irlande Handschuhe und Hemdenknöpfe; kurzum er versuchte, sich auf die Höhe des Dandys zu begeben.
Er zog seine schöne, enganliegende helle Hose, hübsche Spangenstiefel, die ihn vierzig Francs gekostet hatten, und seinen Ballrock an. Er ließ sein feines, üppiges blondes Haar frisieren, parfümieren und in glänzende Locken legen. Seine Stirn umgab sich mit einer Kühnheit, die er aus dem Bewusstsein seines Wertes und seiner Zukunft schöpfte. Seine fraulichen Hände waren gepflegt, ihre mandelförmigen Nägel poliert und rosafarben. Die weißen Rundungen seines Kinns leuchteten über dem schwarzen Seidenkragen.
Lucien war ein Mann von hohem Stil, darauf aus, Staatsmann zu werden, und zu jener Zeit jung, galant und Redakteur einer großen Zeitung, er wurde der Liebling eines bekannten Verlagshauses. Das Bewusstsein seiner Macht und seiner Kraft durchdrang sein von der Liebe und der Erfahrung erleuchtetes Antlitz.
Wie die meisten Journalisten lebte Lucien in den Tag hinein, gab sein Geld aus, wie er es verdiente, und dachte nicht an die regelmäßig wiederkehrenden Verpflichtungen des Pariser Lebens, die für diese Bohemiens so erdrückend sind. In seiner Kleidung und seinem Auftreten wetteiferte er mit den berühmtesten Dandys. Wie alle Fanatiker liebte es Coralie, ihren Abgott zu schmücken; sie ruinierte sich, um ihrem lieben Dichter die elegante Ausstattung der Elegants zu geben, nach der ihn bei seinem ersten Spaziergang in den Tuilerien so sehr verlangt hatte. Lucien hatte jetzt wundervolle Spaziergänge, eine entzückende Lorgnette, Diamantknöpfe, Ringe für seine Tageskrawatten, Siegelringe und ausgezeichnete Westen in genügend großer Zahl, um die Farben seiner Kleidung zusammenstellen zu können. Er galt bald als ein Dandy. An dem Tage, als er der Einladung des deutschen Diplomaten folgte, erregte seine Verwandlung einen fortwährenden Neid unter den jungen Leuten, die sich dort einfanden und die im Reich der Mode Vorrangstellungen einnahmen.
Zu dieser Zeit blühte eine Gesellschaft von reichen und auch armen jungen Leuten, die alle dem Müßiggang huldigten; man nannte sie »Lebemänner« und sie lebten in der Tat in einer unglaublichen Sorglosigkeit und waren unentwegte Esser und noch unentwegtere Trinker. Alle waren Geldverschwender und verbanden dieses nicht einmal törichte, aber tollkühne Dasein mit den gröbsten Späßen; sie wichen vor keiner Unmöglichkeit zurück und rühmten sich ihrer nichtsdestoweniger in gewissen Grenzen gehaltenen Missetaten: Der originellste Geist deckte ihre Eskapaden, es war unmöglich, sie ihnen nicht zu verzeihen. Keine Tatsache enthüllt deutlicher die tiefe Erniedrigung, zu der die Restauration die Jugend verdammt hatte. Die jungen Leute, die nicht wussten, was sie mit ihren Kräften anfangen sollten, warfen sie nicht nur dem Journalismus , den Verschwörungen, der Literatur und der Kunst hin, sondern verschwendeten sie in den seltsamsten Exzessen, soviel Mark und üppige Kraft steckte in dem jungen Frankreich. Wenn sie arbeitete, wollte diese treffliche Jugend Macht und Vergnügen; als Künstler wollte sie Schätze, und als Müßiggänger wollte sie ihre Leidenschaft erregen, auf jeden Fall wollte sie einen Platz haben, den ihr die Politik aber nirgends gab. Die Lebemänner waren Leute, die fast alle mit hervorragenden Fähigkeiten begabt waren; einige haben sich in diesem verzehrenden Leben verloren, andere haben widerstanden.
Aus: Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen. Aus dem Französischen von Udo Wolf. Aufbau-Verlag, 1965.
Beim letzten Opernball des Jahres 1824 fiel mehreren Masken die Schönheit eines jungen Herrn auf, der in den Gängen und im Foyer auf und ab ging. (...) Der junge Dandy wurde von seiner unruhigen Suche so sehr in Anspruch genommen, dass er seinen Erfolg gar nicht bemerkte: die spöttisch bewundernden Rufe gewisser Masken, das ernsthafte Erstaunen, die beißenden lazzi, die süßesten Worte hörte und sah er nicht. (...) Das schöne Gesicht, das die Lust mit ihrer göttlichen Aureole umkleidet hatte. Der junge Mann interessierte: je länger er hin und her schritt, desto mehr Neugier weckte er. Alles an ihm deutete übrigens auf die Gewohnheiten eines eleganten Lebens (...) Seine Kleidung und seine Manieren waren tadellos. (...)
Die Marquise d'Espard war ganz erstaunt über die Impertinenz und Sicherheit, die dieser einst von ihr verachtete Mann sich zugelegt hatte. (...) Die Marquise konnte eine kleine, jähe Bewegung nicht unterdrücken, als sie sich, nach einem englischen Ausdruck, von Luciens Schärfe 'angeschnitten' sah. (...) »Ich habe, wie Sie, angefangen, die Dummen systematisch zu schröpfen«, erwiderte Lucien im gleichen Ton (...) »Ja, der Bursche ist dazu geschaffen, es weit zu bringen, zumal da er das hat, was wir intellektuelle Skrupellosigkeit nennen«, so Lousteau über Lucien. »Er wird innerlich stets eine Höhe der Gedankenflugs besitzen, die ihn über viele sogenannte überlegene Menschen erhebt«, gab Rastignac zurück. (...)
Das Zimmer Luciens glänzte von Luxus und war mit ausgesuchten Bequemlichkeiten versehen; es vereinigte in sich alles, was das elegante Leben eines Dandys, Dichters und Schriftstellers erfordert, der ehrgeizig, lasterhaft, zugleich stolz und eitel und voller Nachlässigkeit ist, während er sich doch nach Ordnung sehnt: eines jener unvollkommenen Genies, die im Wünschen und im Entwerfen, was vielleicht dasselbe ist, einige Stärke besitzen, aber zur Ausführung nicht die Kraft aufbringen. (...) In Luciens Stall standen drei schöne Pferde, ein Coupé für den Abend, ein Kabriolett und ein Tilbury für den Vormittag. (...)
...daß er sie durch seine Erfolge, seine untadelige Haltung und seine Art, die Leute von sich fernzuhalten, wütend machte. Dieser so mitteilsame, so überströmende Dichter war kühl und zurückhaltend geworden. Sein Leben zeigte vor allem jene vom guten Ton vorgeschriebene Regelmäßigkeit, unter der sich viele Geheimnisse verbergen lassen. (...) Mit einem englischen Ernst gewappnet, gedeckt durch die Schanzen, die die Umsicht der Diplomaten aufwirft, gab er niemanden das Recht oder die Gelegenheit, eien Blick in seine persönlichen Angelegenheiten zu werfen. Sein junges, schönes Gesicht war schließlich in der Gesellschaft so teilnahmslos geworden wie das einer Prinzessin während einer Hoffeierlichkeit.
Aus: Honoré de Balzac: Glanz und Elend der Kurtisanen, Goldmann, München: 1985
DANDY*O*RAMA .-. Armand de Montriveau (Balzac)
Allein er ist jetzt in Mode. (...) Das Bewusstsein erfüllter Pflicht galt ihm als einzig erstrebenswertes Daseinsziel. Er war, wie alle schüchternen Menschen, für gewöhnlich schweigsam. Seine Schüchternheit rührte indes durchaus nicht von einem Mangel an Mut her; sie war vielmehr eine Art Schamhaftigkeit, die ihm jede Äußerung selbstgefälliger Ruhmsucht verbot. So fehlte auch seiner Unerschrockenheit auf dem Schlachtfelde alles Prahlerische. Er ging den feindlichen Kugeln kaltblütig entgegen, unterließ es jedoch nicht, sich gelegentlich zu bücken, um ihnen auszuweichen. Seine Schweigsamkeit und Gemütsruhe bewirkte, dass man ihn für streng und hochmütig hielt. In allen Dingen von geradezu peinlicher Genauigkeit, duldete er keinerlei heuchlerischen Vergleich - weder mit den Pflichten einer Stellung, noch mit den Folgen einer Handlung oder den Wirkungen einer Tatsache. Niemals forderte er etwas für sich selbst, niemals gab er sich für eine Schändlichkeit her. Kurz, er war einer jener großen, unbekannten Männer, die philosophisch genug sind, um allen Ruhm zu verachten, und die sich nicht ans Leben klammern, weil sie wissen, dass sich ihr Gefühl, ihre Kraft ja doch nicht voll entfalten kann. Er war geachtet, gefürchtet, aber wenig geliebt.
Immer trug er das gleiche ernste, gesammelte, kalte Wesen zur Schau. Dies entschied seinen gesellschaftlichen Erfolg. Stach er doch so sehr von all den Gestalten ab, die gelangweilt in den Salons herumstanden. Seine Redeweise war kurz, wortkarg, wie die Sprache von Wilden oder Einsiedlern. Er gefiel durch seine Schüchternheit, die der Gesellschaft etwas Neues, Fremdes, Großes bedeutete.
Sein mächtiger viereckiger Kopf mit dem reichen schwarzen Haare, die hohe Stirne, das ruhige Feuer der Augen, der edle Schwung seines Gesichtsschnitts erinnerte auffallend an den General Kléber, dem er auch in manchen Zügen seines Charakters ziemlich ähnelte. Er war gedrungen, breitschultrig und muskulös wie ein Löwe. Seine Haltung, sein Gang, jede Geste an ihm imponierte durch Kraft und Selbstbewusstsein. Es schien, als wisse er, dass nichts sich seinem Willen widersetzen könne. Trotzdem war er, wie alle wahrhaft starken Naturen, im allgemeinen sanftmütig und gut. Ein feiner Beobachter hätte allerdings an der Ironie, die zuweilen seine Mundwinkel umspielte, sicherlich erkannt, daß all jene schönen Charakterzüge verschwanden, wenn ernste Umstände dies erforderten, und dass er sich dann unversöhnlich in seinen Gefühlen, unabänderlich in seinen Entschlüssen, furchtbar in seinen Handlungen erweisen müsse.
Er sprach: »ich besitze eine außerordentliche Macht - eine Macht, die gewaltiger ist als die des Beherrschers aller Reußen. Das Schicksal gehorcht mir. Ich kann es, bildlich gesprochen, nach Belieben beschleunigen oder verzögern, wie den Gang einer Taschenuhr.«
Aus: Honoré de Balzac: "Die Herzogin von Langeais" In: Die Geschichte der Dreizehn. Deutsch von Victor von Koczian. Diogenes, 1977.
Sonntag, September 03, 2006
DANDY*O*RAMA .-. Charles Baudelaire
Den sorgfältig rasierten Wangen war bläulich schimmernder Reispuder aufgelegt, der mit dem warmen roten Ton der Backenknochen kontrastierte. Seine Kleidung war peinlich sauber und korrekt und trug eine gewollt englische Einfachheit zur Schau, so als wolle er sich von jener Art Künstler abheben, die mit weichen Filzhüten, Samtjacken oder roten Joppen, mit üppigem Vollbart und zerzauster Mähne herumlaufen. Seine einfache Aufmachung war weder übertrieben neu noch sonst gewollt auffällig. Charles Baudelaire war einer jener schlichten Dandys, die ihre Kleidungsstücke abschmirgeln, um ihnen den Glanz des Sonnenstaates und des Funkelnagelneuen zu nehmen, den der Spießbürger liebt, und der wirkliche Mann von Welt verabscheut.
Im Gegensatz zu dem nachlässigen Benehmen der Künstler legte Baudelaire Wert darauf, sich streng an das Schickliche zu halten. Er übertrieb die Höflichkeit so sehr, dass sein Auftreten geradezu geschraubt wirkte. Er sprach gemessen, drückte sich äußerst gewählt aus und sagte gewisse Worte auf eine ganz eigene Art, so als ob er sie hervorheben, ja ihnen geradezu eine geheimnisvolle Bedeutung geben wollte.
Auf ganz einfache Art, durchaus natürlich und völlig ungezwungen, so als ob er wichtigtuerisch etwas ganz Banales über die Schönheit oder über das schlechte Wetter sagte, machte er irgendeine ungeheuerliche, teuflische Bemerkung oder stellte mit Eiseskälte eine extravagante, aber mathematische genaue Theorie auf.
Er dachte weder in Worten noch in Beziehungen; er sah die Dinge vielmehr von einem besonderen Standpunkt. So stellte er Gedankenverbindungen her, die für andere unverständlich waren, und deren bizarre Logik frappierte.
Englische Kühle war eher nach seinem Geschmack. Man kann von ihm sagen, er sei ein Dandy gewesen, der sich in die Bohème verirrt, dort aber seinen Rang, seine Manieren und den Kult der eigenen Person bewahrt hat, welcher einen in den Prinzipien eines Brummel verhafteten Menschen charakterisiert.
Er liebte das, was man unzutreffend den dekadenten Stil nennt. Dieser dekadente Stil ist die letzte Stufe der Sprache und dazu bestimmt, alles vorbehaltlos bis zum äußersten zu sagen. Er drückt neue Ideen in neuen Formen und mit Worten aus, die noch niemand gehört hat. Im Gegensatz zum klassischen Stil macht er Gebrauch von Schatten.
Baudelaire verabscheute die Philanthropen, die Fortschrittler, die Utilitarier, die Wohltätigkeitsapostel, die Utopisten, kurz alle diejenigen, die sich zum Ziel gesetzt haben, etwas an der unwandelbaren Natur und der schicksalshaften Ordnung der menschlichen Gesellschaft zu ändern.
Er hasste das Böse als ein Abweichen von der Norm und von der Regel und als perfekter Gentleman verachtete er es als unziemlich, lächerlich, bürgerlich und insbesondere als unsauber.
Aus: Baudelaire über Gautier. Gautier über Baudelaire. Eine Dichterfreundschaft. Holger Hamecher, Kassel, 1983. Übersetzt von Heinrich Mattutat.

