Montag, Oktober 30, 2006

DANDY*O*RAMA .-. Maxime de Trailles (Balzac)

Der König der politischen Strauchdiebe, der Erzherzog der Bohème, der jüngste der jungen Leute, wenn er auch fünfzig Jahre alt war.

Nachdem er auf sie und den Marquis einen jener schlauen, tiefgründigen, arglistigen und unverhüllten Blicke geworfen hatte, durch welche diese großen Roués ihre Gesprächspartner bloßzustellen verstehen.

Maxime de Trailles war in den Augen der Ratten und Kurtisanen ein außerordentlich mächtiger und fähiger Mann, denn er hatte es verstanden, sich in ungewöhnlichem Maße lieben zu lassen. Er wurde von allen Leuten bewundert, die wußten, wie schwer es in Paris ist, in gutem Einvernehmen mit den Gläubigern zu leben; schließlich hatte er, was Eleganz, Benehmen und Geist anbelangt, keinen anderen Rivalen gehabt als den berühmten de Marsay, der ihn für politische Missionen verwendet hatte. Es war zu gefährlich, diesen Löwen zu reizen.

Aus: Honoré de Balzac: Béatrix. Berlin/Weimar: Aufbau-Verlag, 1966

Dieser Mann, der Fürst der Taugenichtse von Paris, hatte sich bis zu diesem Tage in der überlegenen Stellung gehalten, welche die Stutzer einnahmen, die damals die "gelben Handschuhe", später Salonlöwen hießen. Es ist ziemlich zwecklos, seine Jugendgeschichte zu erzählen, die voll galanter Abenteuer und von schrecklichen Dramen gekennzeichnet ist, in denen er freilich stets die äußeren Formen zu wahren gewußt hatte. Diesem Manne waren die Frauen immer nur Mittel gewesen; er glaubte weder an ihren Schmerz noch an ihr Vergnügen; wie dem verstorbenen de Marsay erschienen sie ihm gleich boshaften Kindern. Nachdem er sein eigenes Vermögen durchgebracht hatte, verschlang er das einer berühmten Dirne, mit dem Beinamen "die Schöne Holländerin", die Mutter der bekannten Esther Gobseck.

Der Graf Maxime de Trailles wußte allein, wieviel Unglück er verursacht hatte, aber er hatte sich stets gegen den Tadel gedeckt, indem er den Gesetzen des Ehrenkodex gehorchte. Obwohl er in seinem Leben größere Summen verschleudert hatte, als die Sträflinge der vier Zuchthäuser Frankreichs in derselben Zeit gestohlen hatten, hatte die Justiz ihn nicht belangt. Niemals hatte er seine Ehrenpflichten versäumt, und stets bezahlte er gewissenhaft seine Spielschulden. Er war ein bewundernswerter Spieler und spielte mit Herren aus den höchsten Kreisen und mit Gesandten. Er dinierte bei allen Mitgliedern des diplomatischen Korps. Er duellierte sich und hatte in seinem Leben zwei oder drei Männer getötet, er hatte sie nahezu ermordet, denn er war unvergleichlich geschickt und kaltblütig. Kein junger Mann (de Trailles war zu diesem Zeitpunkt achtundvierzig Jahre alt) kam ihm an Auftreten und Vornehmheit der Erscheinung gleich, an Eleganz des Wortes und Ungeniertheit, kurz, an dem, was man damals "weltmännisches Benehmen" nannte. Als Page des Kaisers hatter er sich von seinem zwölften Lebensjahre an auf der Reitbahn geübt und galt als einer der geschicktesten Reiter. Er hatte immer fünf Pferde in seinem Stall, veranstaltete Rennen und beherrschte stets die Mode. Schließlich ging keiner mit größeren Ehren aus einem Souper mit jungen Leuten hervor als er; er trank mehr als der Abgehärtetste von ihnen, und frisch brach er auf, bereit, von neuem zu beginnen, als ob die Ausschweifung sein Element wäre. Maxime, einer jener verachteten Menschen, welche die Verachtung, die sie einfößen, durch die Unverschämtheit ihres Verhaltens und die Angst, die sie verursachen, zu unterdrücken wissen, täuschte sich niemals über seine Lage. Daher kam seine Kraft. Starke Menschen sind immer ihre eigenen Kritiker.

De Marsay gab ihm geheime Aufträge, für die man ein mit dem Hammer der Notwendigkeit geschmiedetes Gewissen brauchte, eine Gewandheit, die vor keiner Maßnahme zurückschreckt, Unverschämtheit und vor allem jene Kaltblütigkeit, jene Sicherheit und jenen Scharfblick, welche die "Bravi" des Denkens und der hohen Politik ausmacht.


Alljährlich suchte er Bäder auf, um zu spielen, kehrte zurück, um den Winter in Paris zu verbringen; er erhielt zwar gewisse Summen aus den Tiefen äußerst geiziger Kassen, aber dieser Halbsold, den man einem furchtlosen Mann schuldete, den man von Fall zu Fall verwenden konnte, der mit den Geheimnissen der Gegendiplomatie vertraut war, genügte nicht für die Verschwendung des glänzenden Lebens dieses Königs der Stutzer, des Tyrannen von vier oder fünf Pariser Klubs. Deshalb hatte Graf Maxime oft Sorgen wegen seiner finanziellen Lage.

Seine Kleidung war übrigens von so gutem Schnitt, daß sie seiner ganzen Erscheinung ein jugendliches Ansehen bewahrte, etwas Leichtes und Beschwingtes, das er zweifellos seinen körperlichen Übungen verdankte, der Gewohnheit, mit Waffen umzugehen, zu reiten und zu jagen. Maxime besaß die körperliche Gewandtheit und den Adel des Aristokraten, welche er noch durch seine überlegene Haltung steigerte.

Die Formen waren noch so verführerisch, daß kein junger Mann mit Maxime wetteifern konnte, wenn er im Bois de Boulogne ausritt; denn da erschien er jünger und reizvoller als die Jüngsten und Reizvollsten unter ihnen. Diesen Vorzug ewiger Jugend besaßen einige Männer jener Zeit.
Der Graf war um so gefährlicher, als er geschmeidig und lässig schien und nicht sehen ließ, welch schrecklichen Anteil er an allem nahm. Die entsetzliche Gleichgültigkeit, dank welcher er mit ebensoviel Geschick einen Volksaufstand wie eine Hofintrige schüren konnte, um das Ansehen eines Fürsten wieder zu stärken, wirkte in gewisser Weise elegant.

Der Graf war nach der Mode von 1839 gekleidet, er trug einen schwarzen Rock, eine dunkelblaue Kaschmirweste, die mit hellblauen Blumen bestickt war, schwarze Hosen, graue Seidenstrümpfe und Lackschuhe. Seine Uhr, die in einer Westentasche steckte, war mit einer eleganten Kette an einem der Knöpfe befestigt.

Aus: Honoré de Balzac: Der Deputierte von Arcis. In: Ders. Eine dunkle Geschichte. Berlin und Weimar: Aufbau Verlag, 1978.

Maxime de Trailles war ein Hochstapler höherer Ordnung: ohne Glauben, ohne Gesetz zu allem fähig, ruinierte er die Frauen, die sich an ihn hängten: er ließ sie ihre Diamanten versetzen, aber er verdeckte dies Betragen mit einem glänzenden Firnis, mit bezaubernden Manieren und einem teuflischen Geist. Er flößte jedermann zugleich Furcht und Verachtung ein; da aber niemand kühn genug war, ihm etwas anderes als die höflichste Gesinnung zu zeigen, merkte er nichts davon oder machte die allgemeine Verstellung mit.

Aus: Honoré de Balzac: Die Geheimnisse der Fürstin von Cadignan. Berlin: Rowohlt, o.J.

»... Monsieur de Trailles, die Blume der Dandyschaft jener Zeit, genoß ein unbegrenztes Ansehen...« - »Aber er genießt es noch«, sagte Graf de Born, den Anwalt unterbrechend. »Keiner weiß einen Frack besser zu tragen, keiner ein Tandem besser zu lenken. Maxime hat die Gabe, mit mehr Anmut zu spielen, zu essen, zu trinken als irgend jemand auf der Welt. Er versteht sich auf Pferde, Hüte und Bilder. Alle Frauen sind in ihn vernarrt. Er gibt im Jahr immerhin seine hunderttausend Franken aus, ohne daß man je von einem einzigen ihm gehörenden Besitztum, einem einzelnen Rentenkupon vernommen hätte. Urbild des fahrenden Ritters unserer Salons, unserer Boudoirs, unserer Boulevards, ein Zwittergeschöpf, ebensosehr Mann wie Weib, ist Graf Maxime de Trailles ein seltsames Wesen: zu allem befähigt und zu nichts fähig, gefürchtet und verachtet, alles kennend und nichts wissend, ebensosehr geeignet, sich einer edlen Tat zu ergeben als ein Verbrechen zu planen, bald feige und bald hochgesinnt, eher mit Schmutz besudelt als mit Blut befleckt, mehr von Sorgen geplagt als von Gewissensbissen, mehr darauf aus gut zu verdauen als nachzudenken, Leidenschaften heuchelnd und leer im Herzen. Ein funkelnder Ring, der das Bagno und die vornehme Welt vereinigen könnte. Maxime de Trailles gehört zu jenen hervorragend begabten Männern, aus deren Mitte zuweilen ein Mirabeau, ein Pitt, ein Richelieu aufschießen, öfter aber die Grafen Horn, die Fouquier-Tinville und Coignard hervorgehen.«

Maxime de Trailles: »Wollen Sie damit sagen, daß man einen Menschen, der nichts besitzt, nicht ruinieren kann? Ich wette, daß Sie in Paris kein schöneres Kapital finden als dies hier«, rief der Stutzer, indem er sich erhob und sich auf den Absätzen drehte. Dieses fast ernstgemeinte Possenspiel vermochte Gobseck nicht zu rühren. »Bin ich nicht der vertraute Freund eines Ronquerolles, eines de Marsay, eines Franchessini, der beiden Vandenesse, eines Ajuda-Pinto, kurz der begehrtesten jungen Leute von Paris? Ich bin beim Spiel der Partner eines Fürsten und eines Gesandten, den Sie kennen. Ich habe meine Einkünfte in London, in Karlsbad, in Baden-Baden, in Bath. Ist das nicht das glänzendste aller Gewerbe?«

Aus: Balzac, Honoré de: Gobseck. Leipzig, Reclam: o.J.

DANDY*O*RAMA .-. Arthur de Rochefide (Balzac)

Hier ein Snob:

Während seine Frau die Bürde der Liebe und der Mutterschaft zu tragen hatte, erfreute sich Rochefide eines ungeheuren Reichtums, den er jedoch ebensowenig verschwendete wie seinen Geist. Seine plumpe Eitelkeit war schon dadurch befriedigt, daß er als schöner Mann galt und diesem Umstand einige Erfolge verdankte, auf die er sich berief, um die Frauen geringschätzig zu behandeln, und tat sich auch im Bereich der Intelligenz keinen Zwang an. Mit jener Art Geist begabt, die man reflektierend nennen muß, eignete er sich die glücklichen Einfälle anderer an, Geistesblitze aus Theaterstücken oder kleinen Zeitschriften, und zwar durch die Art, sie wiederzugeben; er schien sich darüber lustig zu machen, er wiederholte sie als Karikatur, er wandte sie wie Rezepte der Kritik an; mit einem Wort, seine Soldatenfröhlichkeit (er hatte in der Königlichen Garde gedient) würzte so angemessen die Unterhaltung, daß die geistlosen Frauen ihn zum geistreichen Mann erklärten und die anderen nicht zu widersprechen wagten. Dieses System verfolgte Arthur in allem; er verdankte der Natur die bequeme geistige Fähigkeit der Nachahmung, ohne äffisch zu sein, er ahmte auf eine gesetzte Weise nach. Daher konnte er sich, obwohl ohne Geschmack, die Moden stets als erster aneignen und sich stets als erster von ihnen trennen. Er stand in dem Ruf, ein wenig zuviel Zeit auf seine Toilette zu verwenden und ein Korsett zu tragen, und war das Musterbeispiel jener Leute, die nie jemandem mißfallen, da sie unaufhörlich jedermanns Ansichten und Torheiten zu ihren eigenen machen, und die, weil sie sich stets den Umständen anpassen, nicht altern.

Mitglied aller Klubs, Unterzeichner aller Albernheiten, die falsch verstandener Patriotismus oder Parteigeist zur Welt bringt - eine Gefälligkeit, die ihn bei jeder Gelegenheit in die erste Reihe stellte- mußte sich dieser biedere, brave und höchst einfältige Ehemann, dem leider so viele geistreiche Leute gleichen, natürlich durch irgendeine Modemanie auszeichnen wollen. Er rühmte sich daher hauptsächlich, der Sultan eines Serails von Vierfüßern zu sein, das von einem alten englischen Stallmeister verwaltet wurde und monatlich vier- bis fünftausend Francs verschlang. Seine Spezialität waren Rennen, er hielt auf Rassepferde und unterstützte eine Zeitschrift über Pferdezucht; dennoch verstand er sich nur mäßig auf Pferde und überließ vom Zügel bis zu den Hufeisen die Entscheidung seinem Stallmeister.

Aus: Honoré de Balzac: Béatrix. Berlin/Weimar: Aufbau Verlag, 1966.

Sonntag, Oktober 29, 2006

DANDY*O*RAMA .-. Paul d'Aspremont (Théophile Gautier)

Seine Kleidung war gewählt, ohne durch auffallende Einzelheiten den Blick auf sich zu ziehen; ein dunkelblauer Rock, eine gemusterte schwarze Halsbinde, weder geziert noch nachlässig geschlungen, eine Weste aus dem Stoff der Halsbinde, hellgraue Beinkleider, auf feine Stiefel fallend, bildeten den Anzug; seine Uhrkette war glatt und schmucklos, das Augenglas hing an schmalem seidenem Band; die feinbehandschuhte Hand spielte mit gewundenem Stock aus Rebholz, der in Silberkrücke auslief.

»man fand mich öfters stolz, hochmütig und unliebenswürdig, man hat mir nachgesagt, daß ich englisch-verächtlicher Art zu spotten frönte, daß ich Lord Byron nachahmte, aber überall hat man mir die einem Gentleman gebührende Achtung gezollt.«

Aus: Théophile Gautier: "Jettatura". In: Ders.: Romane und Erzählungen. Wiesbaden: Fourier, 2003.

Topographie: Das Paris der fashionablen Leute

Der Bois de Boulogne

Der Bois de Boulogne in Paris war im 19. Jahrhundert der Treffpunkt der fashionablen Gesellschaft.

»Die reichgeputzten Damen empfangen, in Kissen geschmiegt, die Besuche von Liebhabern und Schmachtenden, von Dandys und Gesandschaftsattachées, die mit gezogenem Hut am Wagenschlag stehen. Hier werden Verabredungen für den Abend getroffen, Zusammenkünfte bestimmt, Zusagen und Absagen erteilt. Wie eine Vergnügungsbörse ist's, die zwischen drei und fünf Uhr stattfindet im Schatten schöner Bäume, unter mildestem Himmel. Wer irgend auf sich hält in annehmbarer Lebenslage, muß sich täglich in den Cascinen zeigen.«

Aus: Théophile Gautier: "Avatar". In: Ders.: Romane und Erzählungen. Wiesbaden: Fourier, 2003.

Der Boulevard des Italiens


Der Boulevard des Italiens ist heute das, was 1650 der Pont-Neuf war; alle bekannten Leute passieren ihn wenigstens einmal am Tag.

Aus: Honoré de Balzac: Béatrix. Berlin/Weimar: Aufbau-Verlag, 1966.

DANDY*O*RAMA .-. Rudolf (Théophile Gautier)

Sein Titel Baron, der freilich nicht bis zu den Kreuzzügen zurückreichte, gehörte ihm wirklich. Wenn er spielte, so mußte er gewinnen, und er gewann auch fast immer. Jedes Spiel war Gegenstand eingehendsten Studiums geworden und mathematische Berechnung, die einen die Bahn eines Kometen berechnenden Astronomen in Erstaunen gesetzt haben würde. Außerdem blieb er, wie wir gesehen haben, unter dem Vorwand einer beginnenden Gastritis mäßig und während der lärmendsten Gastereien nüchtern. Was Pferde anlangt, war er ein so feiner Kenner und so guter Reiter, daß er mehr verstand. So waren auch seine Waffen immer einwandfrei richtig. Körperliche Geschicklichkeit besaß er gleichfalls: er traf mitten ins Schwarze, traf selbst die kleinste Kugel. Mit dem Degen war er so gewandt, daß Grisier, Pans und Gatechair erklärt hatten, ihm nichts mehr beibringen zu können. Sein Schneider befragte ihn ängstlich um seinen Rat und mahnte ihn nie um Geld, sondern hätte, wenn er es gewagt hätte, ihm sogar welches angeboten, nur damit er die Anzüge, die er ihm machte, auch trüge. Rudolfs größtes Vergnügen war, junge Leute aus dem Sattel zu heben: einen Anfänger in der eleganten Welt durch ein Duell oder durch einen Sturz vom Pferde zum Krüppel zu machen, ihm unausführbare oder verhängnisvolle Ideen zu suggerieren: zutun, als nähme er väterlichen Anteil an ihm, erschien diesem Mephisto des Boulevard des Italiens eine raffinierte und besonders exquisite Freude, die eines erhabenen Geistes würdig war. Man brauchte nur einmal sein ironisches Beileid, seinen übertriebenen Händedruck zu sehen, mit denen er sich den Opfern nach der Katastrophe oder dem Zusammenbruch näherte!
Wollte man nach Rudolf, der sich darauf verstand, ein echter Salonlöwe werden, dann mußte man natürliche Anlagen mit Sorgfalt pflegen: denn ein großer Lebemann ist etwas ebenso Seltenes wie ein großer Dichter.

»Sie sehen ja aus wie dem Grabe entstiegen!« sagte Rudolf zu Dahlberg »So macht Ihr es alle, Ihr jungen Leute: man soll sich amüsieren, aber sich nicht dabei umbringen. Ihr trinkt ohne Methode, eßt ohne Philosophie und übertreibt, wo es nicht angebracht ist. Wo kommen Sie denn her?«

Rudolf legte sich ein besonderes Aussehen zurecht. Der Geck verschwand vollkommen, seine Schurrbartspitzen verloren an martialischer Wildheit, sein Falkenauge erlosch, eine gutmütige Ruhe lag auf seinem sonst von einem nervösen Tick verzerrten Gesicht. Große Stiefel, weniger gut sitzende Handschuhe, weite Anzüge, die keinen Anspruch auf die allerletzte Mode machten, alles dies gab ihm einen Anstrich von »Achtbarkeit«, die Eltern sagen läßt: das ist ein ernsthafter Mann, der alles erreichen wird.


Aus: Théophile Gautier: "Die unschuldigen Lüstlinge" In: Ders.: Romane und Erzählungen. Wiesbaden: Fourier, 2003.

Die Klasse der fashionablen Leute

Es gibt eine bestimmte Klasse junger Leute, die sich »fashionabel« nennt, das will soviel heißen, als: Leute nach der neuesten Mode. Diese führen ein sehr eigentümliches Dasein! Ihr kostbares Gewand kostet keine tausend Franken! Meistens ist es nicht einmal bezahlt. Der äußerste Aufwand besteht in Lackschuhen und weißen Handschuhen. Ein paar Schuhe kosten vierzig Franken, ein Paar Handschuhe drei! Das ist soviel wie hundert Sous! Ein sardanapalischer Luxus! Ihre Anzüge sind aus einem Tuch verfertigt, ähnlich, wie es die Gemüsehändler, Portiers und Advokaten tragen. Es ist nicht leicht, einen Mann von Familie von einem Kalligraphielehrer zu unterscheiden. Diese Herren speisen abwechselnd in zwei, drei modischen Restaurants, zu denen jeder beliebige Zutritt hat, und wo es einem passieren kann, mit einem Operettendichter oder einem Journalisten, der eben sein Honorar erhalten hat und sich für seine achttägige Fastenzeit gütlich tut, am gleichen Tisch zu sitzen. Diese Restaurants sind die abscheulichsten Pinten, die Du Dir denken kannst. Nach dem Essen besuchen diese eleganten Herren einen Ort, den man »Oper« nennt. Das ist eine Baracke aus Holz und Stoff mit blinden Vergoldungen und eine Art von Farbenschmiererei, die allenfalls als Hintergrund für dressierte Affen oder Esel passieren könnte. Es gehört zum guten Ton, sich in einen länglichen Kasten zu setzen, der von vier korinthischen Säulen getragen wird, die nicht einmal aus Marmor bestehn. Es ist ganz unmöglich, von diesen Logen etwas Ordentliches zu sehen, und das ist auch wahrscheinlich der Grund, warum sie beliebter sind als die übrigen Plätze. Während der übrigen Zeit wird unter irgendwelchem Vorwand ein fürchterlicher Lärm vollführt. Das Stück ist immer dasselbe, und die Verse von den elendsten Skribenten verfaßt, die Du Dir denken kannst.

Ist man nicht in der Oper, so promeniert man mit einer Zigarette im Mund auf den Boulevards, die keine zwanzig Schritte lang sind und weder Schatten noch Kühle spenden und außerdem so eng sind, das man gezwungen ist, seine Füße auf die Stiefel seiner Mitmenschen zu setzen. Oder man besucht eine Soiree. Das ist nun das unerklärlichste Vergnügen der zivilisierten Welt! Ich will Dir beschreiben, worin eine Soiree besteht: Man versammelt 400 Personen in einem Raum, in dem es hundert schon übel wird. Die Herren erscheinen in Schwarz wie Leichenbitter, die Damen tragen die sonderbarsten Toiletten, bestehend aus Gaze, Bändern und Garnituren aus falschem Gold: Gesamtwert fünfzehn Frank! Diese Kleider mit ihren erbarmunglosen Dekolletés enthüllen brutal die armseligsten Körperformen. Es ist darum auch nicht zu verwundern, daß die Ehemänner nicht eifersüchtig sind, und die Sorge, bei ihren Frauen zu schlafen, lieber andern überlassen! Alle diese Männer stehen nun an den Wänden herum, die Frauen sitzen für sich, und niemand spricht mit ihnen, ein paar alte dickbäuchige Kahlköpfe ausgenommen. In einer Ecke wimmert kläglich ein Klavier (o abscheuliche Erfindung!), und das spitze Gekreisch irgendeiner berühmten Sängerin übertönt zuweilen das dumpfe Gemurmel der Versammlung. Pferde- und Stallknechte, als Lakaien verkleidet, servieren ein paar armselige Kuchen und ein fades Gebräu, auf das sich alles mit ekelhafter Gier stürzt.

Die privaten Gepflogenheiten aber sind noch viel kurioser. Man kann die Frauen, zum Beispiel, zu jeder Tag- und Nachtstunde besuchen. Sie selbst gehen mit dem Erstbesten zum Ball. Eifersucht kennt man nicht in diesem Volk. Die Pairs von Frankreich, Generäle und Diplomaten haben Balletteusen zu Mätressen. Diese sind spindeldürr und betrügen ihre Gönner mit Perückenmachern, Maschinisten, Literaten oder Negern. Das ist aber durchaus kein Geheimnis

Aus: Théophile Gautier: "Fortunio" In: Ders.: Romane und Erzählungen. Wiesbaden: Fourier, 2003.

Samstag, Oktober 28, 2006

DANDY*O*RAMA .-. Fortunio (Theophile Gautier)

Georg gab ein Gastmahl. Seine Festgelage waren berühmt für heitere Eleganz und feine Sinnenfreude. Es galt als hohes Glück, zu den Erlesenen zu gehören. Man mußte es schon weit gebracht haben in der Kunst des Lebensgenusses um Zutritt zu dem Heiligtum zu erlangen. Fortunio, er soll viel ausgehen und ein vielbegehrter Mann sein! Ohne Übertreibung, allein um seine Schuhe aufzubewahren, bedarf er eines ganzen Hauses! Fortunio ist der Geheimnisvollste aller Sterblichen. Wer ist denn eigentlich dieser Fortunio? Ein vollkommener Edelmann! Das Adeligste, das sich in dieser Welt denken läßt! Er ist schön! Keiner hat so gute Manieren wie er, und dabei ist er witzig wie Mercutio! Man sagt, er sei über die Maßen reich, reicher als alle Rothschilds zusammen und dabei freigebig wie der >Wunderbare< bei Lafontaine! Er besitzt die Gabe der Verschwiegenheit. Fortunio scheint hinlänglich gegen Amors Pfeile gepanzert zu sein. Fortunio war die lebendige Verkörperung des männlichen Idealbildes. Er war höchstens vierundzwanzig und die unwiderstehliche Vereinigung von Kraft und Grazie. Seine Bewegungen waren wie die des Jaguars, von federnder Leichtigkeit und spielerischer Lässigkeit. Der Kopf zeigte den reinsten Typus meridionaler Schönheit. Sein Wesen war eher spanisch als französisch und noch eher arabisch als spanisch zu nennen. Die etwas starke Unterlippe ließ auf glühende Sinnlichkeit schließen. Die Oberlippe, feiner, gehaltener und in den Winkeln geschweift, mit einem Ausdruck spöttischer Ironie, - gemildert durch den Ausdruck von Gutherzigkeit, der über dem ganzen Gesicht ruhte - , sprach von Entschlossenheit und stählerner Willenskraft. Die Stirne, ohne die besondere Wölbung und Höhe einer Dichterstirne nach der heutigen Mode, war weit und edel.

Soweit unsere heutige, abscheuliche Mode es erkennen läßt, ist sein Wuchs vollkommen in den Maßen, die Formen weich und dennoch kraftvoll, stahlharte Muskeln unter sammetweicher Haut. Irgend etwas an ihm erinnert an den indischen Bacchus im antiken Museum. Seinen Anzug zu beschreiben kann man verzichten. Selbst das mutigste Herz schrickt schaudernd zurück, Weste, Rock und Hose unserer heutigen Herrenmode zu schildern. Wer sich ein Bild davon machen will, braucht nur an jene lyrischen Meisterstücke zu denken, wie er sie schon an den Salonlöwen im Konzert, auf der Promenade oder sonstwo bewundern konnte. Doch mag er noch ein Übriges an göttlicher Eleganz und aristokratischer Selbstverständlichkeit hinzutun; eine mit Sicherheit und Selbstbewußtsein gesättigte Bescheidenheit; ungezwungene Grazie und Manieren, die er bei jenen Salonlöwen schwerlich gefunden hat.

Er zeigte den gewohnten Ausdruck sorgloser Sicherheit, der ihn nie verließ und ihm seine Überlegenheit über alle Welt sicherte. Heiterkeit thronte auf seinem schönen Gesicht wie auf einem Marmorsockel. »Ich ziehe der Prosa Verse vor, und nichts ist mir lieber als ein Gemälde von Tizian, wenn es eine schöne Frau darstellt! Eine andere politische Überzeugung besitze ich nicht. Ich könnte auch an Gott glauben, wenn er nicht so viel Ähnlichkeit mit einem Kirchenvorsteher zeigte. Ich glaube, daß Rosen nützlicher sind als Kraut. Ich bin der langweiligste Mensch auf diesem Erdboden! Denn ich tue nur, was mir gefällt, und lebe ausschließlich zu meinem Vergnügen!«

Fortunio war ein junger Mann von reinstem Adel, aristokratisch wie ein König und durch und durch Edelmann. Sein Onkel, ein lüsterner und geistvoller Alter, der über Kindererziehung seine eigenen Ideen hatte, ließ den Knaben in voller Freiheit sich entwickeln. Neugierig, wie er sagte, zu erfahren, was aus einem Menschen würde, der nie einem Verbot begegnete und jede Möglichkeit besaß, seinen Willen durchzusetzen. Seine Neffe konnte keine Laune äußern, die nicht auf der Stelle befriedigt wurde. Er hörte nie ein Wort über Moral oder Religion. Sein Oheim lehrte ihn weder die Furcht vor Gott noch vor dem Teufel, ja nicht einmal vor dem Gesetzbuch! Fortunio war sanft, ruhig und stark wie ein junger Gott und besaß auch dessen vernichtende Macht. Er war jung, wohlgebaut, kräftig, reich und klug. Er beneidete niemanden auf dieser Welt und sah sich von allen beneidet. Wie jedes verwöhnte Kind wurde auch Fortunio ein bedeutender Mensch. Fortunio vereinigte alle Möglichkeiten in sich, die guten wie die schlimmen. Aber in der günstigen Lage, in der er sich befand, hätte es keinen Sinn gehabt, irgend jemand zu schaden. Aus der Höhe seines Reichtums sah er die Menschen so klein, daß es ihn nicht reizte, sich mit ihnen zu beschäftigen.

Er hatte weder Lehrer noch Hofmeister gehabt und wußte daher manches, wußte es genau, denn er hatte es durch eigne Erfahrung gelernt. Bei seiner Kühnheit, Intelligenz, Schönheit, Menschenkenntnis und den Bestechungsmitteln, über die er verfügte, wäre ihm nichts leichter gewesen, als die Macht an sich zu reißen. Aus Geringschätzung aber und Gleichgültigkeit ließ er die Potentaten in Frieden auf ihrem Thron und begnügte sich damit, in der Tat ein König zu sein. Fortunio war ein klarer Charakter, und daß er selber alles konnte, behütete ihn vor Blasiertheit. Kurz, er war der Eklektiker par excellence, und als Kosmpolit konnte man es nicht leicht weiter bringen.

An orientalische Üppigkeit gewöhnt, erschien ihm zunächst alles, was er in Paris sah, armselig, eng und erbärmlich. Bald entdeckte er unter der ärmlichen, glanzlosen Oberfläche eine Welt der Ideen, deren Existenz er nicht geahnt hatte. Er genoß es, die Raffiniertheiten einer extremen Kultur durchzukosten, mit den Mitgliedern des Parlaments im roten Frack Füchse zu jagen, mit einem Binokel und gelben Handschuhen, in der Oper Mademoiselle Taglioni in »Der Gott und die Bajadere« tanzen zu sehen.

Sein Leben war in zwei in sich geschlossene Hälften geteilt. Die eine äußere spielte sich in Pferderennen, erlesenen Soupers, allerlei Torheiten ab. Die zweite blieb vollkommen geheim, abseits und für jedermann unbekannt. Er besaß die erstaunlichste Kaltblütigkeit der Welt.

Aus: Théophile Gautier: "Fortunio". In: Ders.: Romane und Erzählungen. Wiesbaden: Fourier, 2003.

Samstag, Oktober 21, 2006

Theophile Gautier's Utilitarismuskritik: Hat die Menschheit seit 200 Jahren nichts gelernt?

Théophile Gautier (1811-1872) war Dandy und einer der Mitbegründer des l'art pour l'art. In seinem Vorwort zu dem 1835/36 erschienenen Mademoiselle de Maupin zieht er rigoros gegen die Utilitaristen zu Felde. Liest man das heute, so staunt man, dass Gautier vor knapp 200 Jahren schon begriff, was heute zu einer neuen Gewichtung des persönlichen Wohlbefindens führt.

Gautier vertritt die Meinung, dass es kaum etwas Nützliches im Leben gebe, nicht einmal das Dasein selbst sei nützlich. Einzig die Freude sei nützlich. Blumen, Frauen, Düfte, Licht, gute Weine, feurige Pferde und Angorakatzen erfreuen die Sinne und verursachen Freude. Luxus, Müßiggang und Ästhetik sollten die Grundpfeiler des Lebens sein.

»Mein Gott, welch eine Torheit ist doch diese Irrlehre von der Vervollkommnungsfähigkeit des Menschengeschlechts, mit der man uns die Ohren vollredet! Man möchte wahrhaftig glauben, daß der Mensch eine Maschine sei, die sich verbessern ließe (...) Wenn es eines Tages gelänge (...) seine Peinlichkeit in einer weniger unbequemen Körperhaltung, als sie die Venus Kallipyge von Athen einnimmt zu betrachten (...) dem Körper zusätzliche Organe zu schaffen - ja, dann allerdings gewänne das Wort Vervollkommnungsfähigkeit endlich ein wenig Sinn.«


Ist dies der Beweis für das Versagen des Ästhetizismus? Es ist bekannt, dass die Flucht in die Kunst in den Elfenbeinturm führt. Die Entfremdung von der Welt führt in den Wahnsinn und in den Tod. Ist der Traum vom müßiggängerischen Leben ausgeträumt angesichts der Beweise des arbeitsamen Lebens? Muße ist Freude, doch Stillstand ist der Tod. Arbeit ist Pein, doch führt sie zu Erkenntnissen, die nützlich sind und die Menschheit vorantreiben. Doch auch zu viel Erkenntnis kann zur Qual werden. Gautiers Unrecht gibt der Forschung Argumentationshilfe. Ein Ja für Stammzellen, um die Vervollkommnung des Menschen voranzutreiben? Vervollkommnung ist das falsche Wort: Es wird keinen perfekten Zustand geben. Es geht mehr um eine transhumanistische Grundhaltung, der Mensch ist kontinuierlich upgradable. Im Idealfall wird die Gesellschaft trotz Fortschritt relaxter, so dass sich Muße und Arbeit vereinen. Seit Beginn der Industrialisierung sind wir erstmals wieder an einem Punkt, an dem die Rückbesinnung auf das Ich wieder in den Vordergrund rückt. Moderne Arbeitsformen, flexible Arbeitszeiten und der Wellness-Boom deuten darauf hin, auch wenn der Hintergrund vom Produktivitätswahn bestimmt ist: Ein kranker Mensch leistet weniger als ein gesunder. So gesehen hatte Gautier doch Recht: der Utilitarismus brachte nichts Gutes; die Wirtschaft lenkt die Welt, mit dem einzigen Zweck mehr und mehr Geld zu verdienen. Eine Abwärtsspirale, die teilweise mit einer Rückbesinnung auf das Soziale medikamentiert wird, deren Ursachen aber wohl nicht zu beseitigen sind.

Literatur: Théophile Gautier: Romane und Erzählungen. Wiesbaden: Fourier Verlag, 2003.

Montag, Oktober 09, 2006

DANDY*O*RAMA .-. Destourny (Balzac)

Die folgende Anekdote zeigt eine typische Erscheinung in der fashionablen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Beurteilte man ihn rein nach seiner äußerlichen Erscheinung, mag er als Dandy gelten. Vielleicht war er das auch, die Beschreibung, die Balzac gibt, ist zu kurz um dies zu beurteilen. Destourny ist zumindest eine Erscheinung, die wesentliche Züge des Dandysmus vereint. Die Selbstadelung, die ja auch Balzac an sich vornahm, indem er sich von Honoré Balzac in Honoré de Balzac umbenannte. Die angehäuften Schulden galten damals fast schon als chic, zumindest war jedem klar, dass der Luxus des Dandys kostspielig bezahlt werden muss und in Frankreich rekrutierten sich die Dandies nicht ausschließlich aus dem Adel, wie im kastenbewussten England - was diese übrigens auch nicht davon abhielt, sich in Schulden zu stürzen und dann vor ihren Gläubigern auf den Kontinent zu fliehen, was sicherlich seinen Teil zur Ausbreitung des Dandytums beigetragen hat. Nun aber zu Destourny:

Jener junge Mann, einer der verwegensten Glücksritter, Sohn eines Gerichtsvollziehers in Boulogne bei Paris, heißt Georges-Marie Destourny (...) Mit dreiundzwanzig Jahren hatte der junge, glänzende Jurastudent seinen Vater bereits verleugnet, da er seinen Namen folgendermaßen auf seine Visitenkarte drucken ließ: »Georges d'Estourny«. Diese Karte gab seiner Persönlichkeit einen Anhauch von Aristokratie. Der elegante junge Mann war verwegen genug, sich einen Tilbury und einen Groom zu halten und die Klubs zu besuchen. Ein Wort wird alles erklären: er spielte an der Börse mit dem Gelde der ausgehaltenen Frauen, deren Vertrauter er war. Schließlich wurde er vor das Sittengericht zitiert, unter der Beschuldigung, sich allzu glücklicher Karten bedient zu haben. Er hatte Mitschuldige, junge Leute, die er verdorben hatte, Sklaven, die ihm schuldenpflichtig waren, Mitgenießer seiner Eleganz und seines Kredits. Er hatte fliehen müssen und vergessen, seine Schulden an der Börse zu begleichen. Ganz Paris, das Paris der »Luchse« und der Klubs, zitterte noch jetzt dieser doppelten Affäre wegen.
Georges d'Estourny war ein hübscher Bursche und vor allem ein guter Kerl, großmütig wie ein Räuberhauptmann. Sein Ehrgeiz war mit dem Erfolg immer dreister geworden.


Aus: Honoré de Balzac: Glanz und Elend der Kurtisanen, Goldmann, München: 1985

Sonntag, Oktober 08, 2006

DANDY*O*RAMA .-. Rodolphe (Theophile Gautier)

Rodolphe ist der Protagonist in Théophile Gautiers Erzählung Celle-ci et cella-là. Er ist streng genommen kein Dandy, sondern ein Jeune-France und ein Romantiker. Er ist noch sehr jung und ihm haftet noch immer etwas Bürgerliches an. Dennoch zeigt er eine Veranlagung zum Dandytum. Dass er Aufnahme in die DANDY*O*RAMA-Reihe findet liegt darin begründet, dass diese Reihe ein Panorama der verschiedenen Dandy-Ausformungen sein soll und der Jeune-France eben eine solche Ausprägung ist. Gautier hat einen ganzen Band mit Erzählungen geschrieben, in denen er uns den Typus des Jeune-France nahe bringt. Darin wird schnell deutlich, dass der Dandy ein Jeune-France sein mag, wenngleich nicht jeder Jeune-France automatisch ein Dandy ist. Aber nun zu Rodolphe:

Rodolphe fing bei dieser dreifachen Entdeckung an, tief nachzudenken.
Das Ergebnis all dessen war, dass er lange schwarze Haare hatte, große und melancholische Augen, einen blassen Teint, eine hohe Stirn und einen kleinen Schnurrbart, der wachsen wollte: eine vollkommene Gestalt des junge byronschen Helden!
(..) Nachdem er damit fertig war, zog er den Vorhang seines Fensters herunter, drehte sich eine Zigarette und lehnte sich in seine Causeuse zurück, während er mit seinem Blick dem gelben Rauch der Maryland folgte. Er dachte, dass er ein schöner Junge sei, erwachsen und Dichter und von seinen drei Gedanken brach nur einer siegreich hervor, wie ein erzwungenes Resultat, und zwar der, dass er eine Leidenschaft brauche, keine krämerische und bürgerliche Leidenschaft, sondern eine künstlerische Leidenschaft, eine vulkanische und wilde Leidenschaft, dass ihm nur dies fehle, um seinen Charakter zu vervollständigen und ihm eine angemessene Stellung in der Welt zu verschaffen. (...)

Da das Muster gefertigt war, musste er nur noch eine Frau finden, die sich dem anpasste. Rodolphe dachte klugerweise, dass er sie nicht in seinem Zimmer treffen würde. Also wählte er die extravaganteste seiner Westen, den modischsten und kühnsten seiner Fräcke, die engste seiner Hosen, zog alles an und bewaffnet mit einem Lorgnon und einer Gerte stieg er zur Straße hinunter und begab sich in die Tuilerien, in der Hoffnung auf ein glückliches und seinem Schicksal entsprechendes Treffen. (...) Es gab einen Menschenauflauf in der großen Allee und den Querstraßen; der Bach der élégants und der Dandies hatte Mühe, zwischen den beiden Quais der Stühle und Beobachter hindurch zu fließen. Rodolphe mischte sich in das Gewühl und fügte dem Strom eine weitere Woge hinzu.
Er ging, seine Nachbarn rechts und links berührend, seinen Kopf unter die Hüte der Frauen steckend und ihnen mit seinem Lorgnon zwischen die beiden Augen starrend. Er zählte auf seinem Weg eine lange Spur Verwünschungen: Passen Sie doch auf! durchschnitt es hier und dort ein bewundernswertes Oh!, das von einigen merveilleux angesichts seiner Weste oder seiner Krawatte geäußert wurde. Aber ganz auf sein Ziel konzentriert, achtete Rodolphe kaum mehr auf die Lobpreisungen, als auf die Flüche und bei jedem rosafarbenen und frischen, von Satin und Moiré umhüllten Gesicht, wich er zurück als hätte er den Leibhaftigen gesehen. (...)

Rodolphe, der mehr als ein Duell berauscht überstanden hatte, ließ sich von einer solchen Kleinigkeit nicht beirren. Er nahm seine Stellung ein: Er knöpfte seinen Frack bis zum Hals, richtete seine Krawatte, nahm seine Gerte zwischen die Zähne, steckte seine beiden Hände in seine Taschen, riss die Augen auf um nicht einzuschlafen und nahm die heroischste Haltung der Welt an.(...)

Rodolphe, der wie eine Forelle schwamm und eine Mühlenschleuse hinaufgekommen wäre, fühlte sich beobachtet, wurde von Eigenliebe gefangen genommen und machte sich daran, mit aller nur erdenklichen Makellosigkeit durch seine Frisur zu gehen. Sein Hut schwamm neben seiner Gerte, er barg sie beide, setzte den Hut auf seinen Kopf und mit einer Hand schwimmend, ließ er seine Reitpeitsche mit der anderen knallen, zur großen Verblüffung aller Gaffer. (..)

Der Tag von Frau von M*** war der Samstag (...) und bis zu diesem glücklichen Tag ließ unser Held dem Schneider keine Ruhe, um sein phänomenales Wams fertig zu stellen, mit dem er seine Jungfräulichkeit im Salon der Frau von M*** verlieren wollte. Der Moment der Toilette war gekommen: Er versammelte und band mehr als zwanzig Krawatten, bevor er sich für eine entschied, er zog all seine Hosen eine nach der anderen an und wieder aus, ohne eine Wahl treffen zu können, er frisierte sich auf zehn verschiedene Arten und war schließlich auf eine sehr tolldreiste Art gekleidet. (...)

Die Eigentümlichkeit seiner Kleidung verursachte ein leises Murmeln im Salon und alle Köpfe neigten sich ihm neugierig zu. (...)

Der Gemischtwarenladen des Jahrhunderts hat schließlich den magischen Kreis der Exzentrizität durchbrochen, von dem Rodolphe umgeben war, um sich vor der herrschenden Epidemie zu schützen. Von Melasse sämige Dämpfe kondensierten um ihn herum und ließen ihn alles unter einem bürgerlichen und schäbigen Licht sehen (...)

Die prachtvolle Art, in der er eine von Amateuren gesungene Nokturne anhörte und ihr applaudierte, hatte ihm allgemeine Bewunderung verschafft.

Aus: "Celli-ci et celle-là" In: Théophile Gautier: Les Jeunes-France. (1833) Übersetzung: Melanie Grundmann

Dienstag, Oktober 03, 2006

DANDY*O*RAMA .-. Ferdinand von C*** (Théophile Gautier)

Vor der Bühne entspannte und posierte ein junger merveilleux, mit Nonchalance ein mit Gold emailliertes Binokel schwenkend, ohne sich im Geringsten darum zu kümmern, dass alle Operngläser auf ihn gerichtet waren.
Seine Haltung war unglaublich exzentrisch und gesucht. Ein Frack von einzigartigem Schnitt, gewagt nachlässig und mit Velours gefüttert, ließ eine Weste von eklatanter Farbe durchschimmern, die nach Art eines Wamses tailliert war; eine schwarze, hautenge Hose zeichnete seine Hüftknochen exakt ab; eine Goldkette, einem Ritterorden ähnelnd, schillerte auf seiner Brust; sein Kopf entsprang unmittelbar seiner Satinkrawatte, ohne das weiße Paspel, unerlässlich in dieser Epoche.
Man hätte ihn für ein Porträt von François Porbus halten können. Die Haare rasiert wie bei Henri III., der Vollbart, die gegen die Schläfen gekämmten Brauen, die lange und weiße Hand mit einem großen, gotisch verzierten Siegelring, nichts fehlte, die Illusion war perfekt.
Nach langem Zögern - so sehr diese Aufmachung ihm eine andere, als die ihm bisher bekannte Physionomie gab - verstand Daniel Jovard, dass dieser junge fashionable Mann niemand anderes als Ferdinand von C*** war, mit dem er auf die Schule gegangen war.

Obwohl es elf Uhr war, war Ferdinand nicht aufgestanden, was unseren einfältigen jungen Mann unendlich erstaunte. Während er auf ihn wartete, inspizierte er die Möbel. Es waren Louis XIII. Möbel von bizarrer Form, Kannen aus Japan, gerankte Wandteppiche, fremde Waffen, fantastische Aquarelle, die Sabbatrunden und Szenen aus Faust darstellten und Unendlichkeiten unpassender Dingen, deren Existenz Daniel Jovard niemals vermutet hätte und deren Gebrauch er nicht erraten konnte; Dolche, Pfeifen, Wasserpfeifen, Tabaksbeutel und tausend andere Komödien; denn Daniel glaubte fromm, dass Dolche in dieser Epoche von der Polizei verboten waren und dass nur Seefahrer rauchen konnten, ohne sich zu kompromittieren. Man ließ ihn eintreten. Ferdinand war in einem Hauskleid aus antikem Lampas gekleidet, das mit Drachen und Tee trinkenden Mandarins bemustert war. Seine Füße, von Pantoffeln mit bestickten barocken Zeichnungen beschuht, waren auf das weiße Marmor des Kamins gestellt, so dass er fast auf dem Kopf saß. Er rauchte lässig eine kleine spanische Zigarette. Nachdem er seinem Kameraden einen Händedruck gegeben hatte, nahm er einige Halme eines blonden und goldenen Tabaks, der sich in einer Lackdose befand, umhüllte sie mit einem Blatt Papier, das er seinem Heft entriss und gab das ganze dem arglosen Daniel, der sich nicht zu weigern wagte.

Aus: Théophile Gautier: "Daniel Jovard." In: Ders.: Les Jeunes-France. Romans goguenards. Suivis de Contes Humoristiques Paris: Charpentier, 1880. Übersetzung: Melanie Grundmann