Donnerstag, November 30, 2006

DANDY*O*RAMA - Valentin (Musset)

Ungefähr um das Jahr 1825 herum lebte in Paris ein junger Mann, den wir Valentin nennen wollen. Er war ein recht sonderbarer Bursche. Er vereinigte in sich sozusagen zwei verschiedene Personen. Das eine Mal hätten Sie ihn vielleicht für einen Stutzer aus der Zeit der Regentschaft gehalten. Leichter Ton, schiefer Hut und das Gesicht eines fröhlichen Verlorenen Sohnes. Am andern Tag wiederum hätten Sie ihn womöglich als bescheidenes Studentlein aus der Provinz herumspazieren sehen, mit einem Buch unter dem Arm. Heute rollte er in Karossen und warf das Geld aus dem Fenster; morgen aß er für vierzig Sous. Dabei suchte er in allem eine Art Vollendung und verabscheute jede Unvollkommenheit. Wollte er Vergnügen, so mußte alles vergnüglich sein; er war nicht der Mann, Freude durch einen Augenblick des Mißbehagens zu erkaufen. Hatte er eine Loge im Theater, so mußte der Wagen, der ihn hintrug, schön gepolstert, das Diner vorher gut sein, und kein häßlicher Gedanke durfte ihm kommen, wenn er wegging.
Seine befremdliche Art hatte zwei Ursachen: er hatte wenig Geld und eine leidenschaftliche Vergnügungssucht.

Valentin hatte Jura studiert und war ein Advokat ohne Praxis. Mit dem Geld, das er von seinem Vater hatte, und mit dem, was er von Zeit zu Zeit verdiente, hätte er ganz erträglich leben können; doch er gab lieber heute alles auf einmal aus und entbehrte das Notwendigste.

Seine fröhliche Art, die sich nicht um das Morgen sorgte, ließ ihm gar nicht den Gedanken kommen, daß er arm sei; ja, er schien es nicht einmal zu ahnen. Er sagte, er studiere Jura, und verbummelte seine Zeit in den Tuilerien oder auf dem Boulevard. Hier fühlte er sich zu Hause.

Er trat in ein Bankhaus ein. Das Leben eines Kommis gefiel ihm gar nicht und die tägliche Arbeit noch weniger. Kleinlaut ging er ins Büro und langweilte sich. An einem schönen Tag konnte man ihn in einem bequemen Mietswagen sehen, der ihn zum Rocher de Cancale führte. dort legte er sich in die Kissen zurück, atmete die gute Luft oder rauchte seine Zigarre und ließ sich sanft dahinwiegen, ohne auch nur im Geringsten ans Morgen zu denken. So verflogen die Einkünfte eines Monats in einem einzigen Tag. Man traf ihn bald in Paris, bald auf dem Land, überall erregte er Aufsehen und war doch fast immer allein; ein Beweis also, daß es bei ihm nicht Eitelkeit war. Und im übrigen vollführte er seine Extravaganzen mit der selbstverständlichen Gestes eines Grandseigneurs, der sich einen Spaß macht. Mit Nichtstun und Ungebundenheit kamen wieder Versuchungen aller Art. Wenn man jung ist, wenig Geld und viele Wünsche hat, dann ist das Risiko, Dummheiten zu machen, recht groß. Valentin beging sie reichlich.

So war er: zugleich einfältig und leichtsinnig, schüchtern und stolz, sanft und keck. Die Natur hatte ihn reich gemacht, das Schicksal arm. Anstatt zu wählen, nahm er beides.

Valentin hatte im Salon des Herrn des Andelys den Ruf, den jeder junge Mann, dessen Schneider gut ist, im Haus eines Notars haben kann. Man sprach von ihm als einem »Dandy«, einem Stammgast von Tortoni, und die kleinen Kusinen tuschelten sich Anekdötchen aus der andern Welt ins Ohr, zu der man ihn rechnete.

Aus: Alfred de Musset: "Die beiden Geliebten" In: Ders.: Sämtliche Romane und Erzählungen. Wiesbaden: Drei Lilien Verlag, 1980.

Montag, November 27, 2006

DANDY*O*RAMA .-. Victurnien d'Esgrignon (Balzac)

Der Chevalier war ein Mann jener guten alten Zeit, da die grauen Musketiere die Theater von Paris heimsuchten, den Nächtwächter und die Türsteher durchprügelten und tausend Bubenstreiche machten, über die der König lächelte, wenn sie nur komisch waren. Dieser charmante Verführer, dieser einstige Schlafzimmerheld trug viel zum unglücklichen Ausgang dieser Geschichtebei. Der liebenswürdige Alte war ganz glücklich, einen so hübschen und noch grünen Faublas zu finden, der ihn an seine eigene Jugend erinnerte. Ohne an den Wandel der Zeiten zu denken, pflanzte er die Grundsätze, denen die vornehmen Lebemänner der Aufklärungszeit gehuldigt hatten, in diese junge Seele: Er erzählte die Anekdoten aus der Zeit Ludwigs XV., er rühmte die Sitten von 1750, er sprach von den Orgien in den "petites maisons", den Tollheiten, die man für Kurtisanen beging, und von den herrlichen Streichen, die man den Gläubigern spielte. Unglücklicherweise schmückte sich diese unter sehr eleganten Formen verborgene Verderbtheit mit voltairischem Esprit. Victurnien verstand von all diesen Reden nur das, was seinen Leidenschaften schmeichelte.

Vom Schein getäuscht, betrug sich Victurnien so, daß er sich die ganze Bourgeoisie der Stadt zum Feinde machte. Er traf bei der Jagd auf Schwierigkeiten und erlaubte sich in der Stadt einige andere Seitensprünge. Sein Notar Chesnel mußte schließlich Aussteuern für einige junge Mädchen bezahlen, die sich durch unkluge Heiratsversprechen hatten verführen lassen; es drohten zudem Prozesse wegen "Verführung Minderjähriger". Was er bei den Bürgerlichen getadelt hätte, war für ihn selbst ein entschuldbares Vergnügen. Dieses Verhalten, dieser Charakter, diese Neigung, die neuen Gesetze zu verachten und allein den Grundsätzen des Adelskodex zu gehorchen, sollte ausgenutzt werden.

Victurnien war von maßloser Eigenliebe und Vergnügungssucht gezeichnet. Von seinem achtzehnte bis zu seinem einundzwanzigsten Jahr kostete Victurnien den armen Notar fast achtzigtausend Francs. Von dieser Summe entfiel ungefähr die Hälfte auf die niedergeschlagenen Prozesse. Allein die Kleidung erforderte zweitausend Francs. Victurnien ließ seine Wäsche, seine Anzüge, seine Handschuhe, seine Parfüms aus Paris kommen. Victurnien hatte ein hübsches englisches Reitpferd, einen Tilbury und ein Pferd für den Tilbury haben wollen. Dann hatte sich der junge Graf einen Reitknecht in der Livree seines Hauses gewünscht. Geschmeichelt von dem Gedanken, in der Stadt, im Departement, und unter den jungen Leuten den Ton anzugeben, lebte er jetzt in einer Welt des kostspieligen Luxus und der verschwenderischen Einfälle, die schönen und geistvollen jungen Leuten so gut stehen. Er fuhr hoch auf dem doppelten Kissen seines Tilbury, die Peitsche in der Hand, eine Rose im Knopfloch, hübsch, gut angezogen, von allen beneidet, durch die Hauptstraße der Stadt.

Ihm eignete nicht eine Spur von Selbstbeherrschung. Er verfiel plötzlich in die Schwäche der Wollust, in eine unbezähmbare Genußsucht. Der Notar war bisweile entsetzt, aber dann beruhigten ihn wieder die tiefgründigen Bemerkungen und der umfassende Geist, die den jungen Menschen so bemerkenswert machten.

Victurnien lieh sein Ohr den gefährlichsten Ideen. Seitdem er an das Idol, das in seinem Vaterhäuse beweihräuchert wurde, geklopft und dabei bemerkt hatte, daß es hohl war, sah er in seinem Adel nur ein Sprungbrett, das gerade gut dazu war, ihn über die anderen Menschen emporzuheben. Er war das schrecklichste und am häufigsten anzutreffende Geschöpf der Gesellschaft geworden, ein konsequenter Egoist. Die aristokratische Religion des Ich hatte ihn dazu verführt, seinen Launen zu folgen. Er hatte sich daran gewöhnt, jede Sache allein nach dem Vergnügen einzuschätzen, das sie ihm bereitete, denn er wußte, daß gute Seelen jede seiner Torheiten wiedergutzumachen pflegten. Diese gefährliche Nachgiebigkeit mußte ihn verderben. So schön und so fromm seine Erziehung auch war, sie wies einen Fehler auf: Sie hatte ihn zu sehr isoliert und ihm das wahre Leben seiner Zeit verhüllt. Er hatte sich angewöhnt, eine Tatsache nicht nach ihrem relativen Wert einzuschätzen; er fand seine Handlungen gut, wenn sie ihm nützten-

Mit scharfem und raschem Blick begabt, sah er gut und richtig, aber er handelte schnell und falsch. Trotz seines regen, in blitzschnellen Reaktionen sich offenbarenden Geistes schien sein Hirn umdunkelt, ja nicht mehr vorhanden zu sein, sobald die Sinne sprachen. Nach seinen Ausschweifungen, gegen die er machtlos war, verfiel er in eine Ermattung des Kopfes, des Herzens und des Leibes, in vollständige Niedergeschlagenheit, während deren er halb irre war. Seine rasche Auffassungsgabe ließ ihn erkennen, wie wenig er in dieser babylonischen Enzyklopädie bedeutete und wie unsinnig es war, gegen den Strom der neuen Ideen und Sitten schwimmen zu wollen. Sobald sich Victurnien sein Urteil über die Welt gebildet hatte - und er beurteilte sie nur in dieser Hinsicht - denn er fühlte sich verletzt durch die in Paris herrschende Gleichheit, jenes Ungeheuer, das unter der Restauration auch den letzten Rest des Ständestaates verschlang -, beschloß er, seine Stellung mit den gefährlichen, wenn auch stumpf gewordenen Waffen zurückzuerobern, die das Jahrhundert dem Adel ließ: Er ahmte das Auftreten derer nach, denen Paris seine kostspielige Aufmerksamkeit schenkte, er empfand das Bedürfnis, schöne Pferde, schöne Wagen udn all das zu besitzen, was zum modernen Luxus gehörte. Man mußte "auf der Höhe der Zeit stehen", wie de Marsay zu ihm sagte, der erste Dandy, den er iim ersten Salon, in dem er eingeführt wurde, fand. Zu seinem Unglück geiret er in die Welt der Pariser Lebemänner, der de Marsay, der Ronquerolles, der Maxime de Trailles, der des Lupeaulx, der Rastignac, der Vandenesse, der Ajuda-Pinto, der Beaudenord, der La Roche-Hugon und der Manerville.

Der Stolz, die Eitelkeit, der Dünkel, alle seine guten und schlechten Eigenschaften brachten den jungen Grafen im Gegenteil dazu, eine aggressive Haltung anzunehmen. Victurnien fuhr in einer prächtigen, mit dem Wappen seines Hauses geschmückten Equipage nach den Tuilerien. Er nahm eine kleine Wohnung in der Rue du Bac, mit einem Stall, einer Remise und allem, was sonst noch zu dem eleganten Leben gehört, zu dem er sich schon ganz am Anfang verdammt sah. Einen Monat nach seiner Ankunft war Victurnien genötigt, aufs neue zehntausend Francs bei seinem Notar abzuheben. Er hatte einfach bei den Herzögen von Navarreins, von Chaulieu, von Lenoncourt und im Klub Whist gespielt. Nach anfänglichen Gewinnen von einigen tausend Francs hatte er bald fünf- oder sechstausend verloren, und er empfand das Bedürfnis, sich eine Spielkasse anzulegen.


Victurnien besaß die Unverschämtheit eines Pagen, die ein ungezwungenes Verhalten sehr erleichtert. Rastignac war daher, als er den Neuankömmling bei seiner Einführung beobachtete, erstaunt, wie schnell dieser sich in die guten Manieren hineinfand, die im Augenblick Mode waren.

Beglückt über die Zustimmung seiner Familie, betrat der junge Graf entschlossen den gefährlichen und kostspieligen Pfad des Dandytums. Er hielt fünf Pferde, und das war bescheiden: de Marsay hatte vierzehn! Er spielte viel Whist, das Modespiel, und verlor häufig dabei. Er organisierte seinen Müßiggang so, daß er immer beschäftig war. Victurnien ging jeden Tag von zwölf bis drei Uhr zur Herzogin. Danach traf er sich mit ihr im Bois de Boulogne, er zu Pferde, sie im Wagen. Am Abend teilten sich die Gesellschaften, die Bälle, die Feste und die Theatervorstellungen die Stunden des jungen Grafen. Victurnien glänzte überall, denn überall streute er die Perlen seines Geistes aus. Er beurteilte die Menschen, Dinge und Ereignisse mit tiefgründigen Bemerkungen.Er führte jenes erschlaffende Leben, bei dem man vielleicht noch mehr Seele als Geld vergeudet, bei dem die schönsten Talente verkommen, die unbestechlichste Redlichkeit verdirbt und der härteste Wille ermattet.

De Marsay sah mit unaussprechlicher Freude, wie d'Esgrignon, um einen Ausdruck der Dandysprach zu verwenden, einbrach, und es machte ihm Spaß, seinen Arm katzenfreundlich auf Victurniens Schulter zu legen, damit dieser unter der Last nur um so schneller verschwände; denn er war eifersüchtig auf die Offenheit, mit der sich die Herzogin zu d'Esgrignon bekannte.

Er war so tief in den Abgrund des Zweifels, der Hoffnungslosigkeit und des Unglaubens gesunken - er, der das Leben so sehr liebte, daß er jede Erbärmlichkeit begangen hätte, es zu erhalten: jener Engel ließ es ihm ja so schön erscheinen -, daß er seine Pistolen betrachtete und den Selbstmord ins Auge faßte.

Aus: Honoré de Balzac: Das Antiquitätenkabinett. Aufbau, Berlin und Weimar, 1976.

Freitag, November 24, 2006

Koboldmaki



danke nano

Freitag, November 17, 2006

DANDY*O*RAMA .-. Walter Watts

Hier eine kurze Skizze des Verbrecher-Typus, der sich das Leben eines Dandys erschwindelt:

»I cannot exactly remember whether it was in the old or the new Olympic?but I think it was in the new one?that the notorious Walter Watts ran a brief and sumptuous career as manager. He produced many pieces, some of them his own, in a most luxurious manner. He was a man about town, a viveur, a dandy; and it turned out one morning that Walter Watts had been, all along, a clerk in the Globe Insurance Office, at a salary of a hundred and fifty pounds a year; and that he had swindled his employers out of enormous sums of money. He was tried, nominally for stealing "a piece of paper, value one penny," being a check which he had abstracted; but it was understood that his defalcations were little short of ninety thousand pounds sterling. Watts was convicted, and sentenced to ten years' transportation. The poor wretch was not of the heroically villanous mould in which the dashing criminals who came after him, Robson and Redpath, were cast. He was troubled with a conscience. He had drunk himself into delirium tremens; and starting from his pallet one night in a remorseful frenzy, he hanged himself in the jail.«

Gefunden in: "Robson" In: THE ATLANTIC MONTHLY. A MAGAZINE OF LITERATURE, ART, AND POLITICS. VOL. XIII.?JUNE, 1864.?NO. LXXX. In: Project Gutenberg: http://www.gutenberg.org/files/19827/19827-h/19827-h.htm#ROBSON