Als Monsieur Charles - so nannte sich der Sohn von Monsieur Grandet in Paris - sich angeredet hörte, ergriff er ein Lorgnon, das ihm an einem Kettchen vom Halse hing, hielt es ans rechte Auge, um zu erforschen, was auf und um den Tisch zu sehen sei, betrachtete Madame des Grassins lange und impertinent und sagte endlich...
Monsieur Charles Grandet, ein hübscher junger Mann von zweiundzwanzig Jahren, bot einen seltsamen Kontrast mit den guten Provinzlern, die seine aristokratischen Manieren empörten und die sein Benehmen eifrig studierten, um sich insgeheim darüber lustig zu machen.
Charles, der zum erstenmal in die Provinz geraten sollte, kam auf den Einfall, dort mit aller Überlegenheit eines jungen Mannes, der mit der Mode geht, aufzutreten. Er wollte durch seinen Luxus verblüffen, Aufsehen erregen und das Raffinement des Pariser Lebens veranschaulichen. Kurz, er wolle in Saumur noch mehr als in Paris seine Zeit darauf verwenden, sich die Nägel zu pflegen; in der auserlesensten Aufmachung aufzutreten, die ein eleganter junger Mann nur selten zugunsten einer nicht der Grazie entbehrenden Nonchalance aufgibt.
Charles stattete sich also mit dem entzückendsten Jagdkostüm, der entzückendsten Jagdflinte, dem entzückendsten Hirschfänger von Paris aus. Er versah sich mit einer Auswahl der interessantesten Westen: da waren graue, weiße, schwarze, goldkäferfarbene und mit Flitter benähte Westen, bunte und doppelreihige Westen, Westen mit spitzem Ausschnitt und solche mit schalartigem Umschlag, hochgeschlossene Westen und Westen mit Goldknöpfen. Er führte alle damals beliebten Varietäten von Kragen und Krawatten mit sich, zwei Gesellschaftsanzüge und die allerfeinste Leibwäsche. Er nahm sein goldenes Reisenecessaire mit; es war ein Geschenk seiner verstorbenen Mutter. Er nahm alle einem Stutzer unentbehrlichen Kleinigkeiten mit.
Kurzum, es war eine ganze Schiffsladung unnützer Pariser Sächelchen - eine Sammlung, so vollständig, als es ihm nur möglich war; angefangen von der zur Einleitung eines Duells unentbehrlichen Reitpeitsche bis zu den schön ziselierten Pistolen, die dasselbe abschließen, enthielt sie alles Handwerkszeug, dessen ein junger Müßiggänger bedarf, um den Acker des Lebens zu bebauen.
Charles zählte darauf, bei seinem Onkel etwa hundert Personen anzutreffen; er gedachte in den Waldungen des Onkels Treibjagden zu veranstalten und überhaupt ein Herrenleben zu führen. Um sich also bei seinem Onkel - sei es in Saumur, sei es in Froidfond - passend einzuführen, hatte er die koketteste Reisekleidung angelegt - nein, die auserlesenste, die >anbetungswürdigste<, um das Wort zu gebrauchen, das zu jener Zeit die äußerste Vollkommenheit einer Sache oder eines Menschen ausdrückte.
In Tours hatte ein Coiffeur sein schönes kastanienbraunes Haar frisch gelockt; er hatte die Wäsche gewechselt und eine schwarzseidene Krawatte angelegt, die sich mit einem runden Kragen verband, um sein zartes und strahlendes Gesicht angenehm zu umrahmen. Ein halboffener Reiseüberrock umschnürte seine Taille und ließ eine Kaschmirweste sehen, unter der eine andere, weiße Weste hervorblinkte. Seine Uhr war mit einer goldenen Kette an einem der Westenknöpfe befestigt. Seine grauen Hosen waren an den Seiten geknöpft, und schwarze Seidenstickereien verschönten die Nähte. Er handhabte anmutig einen Spazierstock, dessen goldene Krücke der Frische seiner grauen Handschuhe keinen Schaden tat. Seine Reisemütze endlich war von auserlesenem Geschmack.
Ein Pariser, nur ein Pariser aus den allerersten Kreisen konnte sich so herausstaffieren, ohne lächerlich zu erscheinen und allen diesen Nichtigkeiten eine alberne Einheitlichkeit zu geben. Im übrigen machte Charles einen selbstbewußten Eindruck, den Eindruck eines jungen Mannes, der schöne Pistolen, eine sichere Hand und - eine Annette besitzt.
Die Manieren Charles', seine Gesten, die Art, wie er das Lorgnon handhabte, seine erkünstelte Dreistigkeit, seine offensichtliche Verachtung für das Kästchen, das der Erbin so ungeheure Freude bereitet hatte und das er wohl wertlos oder geschmacklos fand, kurz alles, was die Cruchots und die des Grassins empörte, gefiel ihr so gut, daß sie vor dem Einschlafen noch lange von diesem Phönix eines Cousins träumen mußte.
Der Dandy ließ sich in den Fauteil gleiten, graziös wie eine schöne Frau sich auf den Diwan bettet. Wahrlich, Charles, dessen Erziehung eine anmutige Mutter begonnen und eine Dame von Welt vollendet hatte, hatte kokette, elegante, zierliche Bewegungen wie ein kleines Modedämchen.
Er entfaltete eine rege geschäftliche Tätigkeit, die ihm keine freie Minute ließ. Es war ein Gedanke, der ihn völlig beherrschte: er wollte in Paris in allem Glanze eines riesigen Vermögens wieder einziehen und eine noch glänzendere Stellung erwerben, als er früher innegehabt hatte. Sein Beruf, der ihn von Land zu Land führte, nahm ihm bar gald den idealen Sinn und machte ihn zum Skeptiker. Er hatte keine feststehenden Anschauungen mehr über Recht und Unrecht, da er in einem Lande als Verbrechen verurteilt sah, was im anderen als Tugend gewertet wurde.
Aus: Honoré de Balzac: Eugénie Grandet. Kiepenheuer, 1982.
Dienstag, Februar 13, 2007
DANDY*O*RAMA - Charles Grandet (Balzac)
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