Samstag, April 21, 2007

DANDY*O*RAMA - Ferdinand du Tillet (Balzac)

Er war elternlos, hatte als Vormund lediglich den kaiserlichen Staatsanwalt, stand völlig allein in der Welt da, schuldete niemandem Rechenschaft; die Gesellschaft galt ihm als eine Stiefmutter, und er grollte ihr: Er kannte keinen Leitstern als sein Interesse, un um zu Geld zu gelangen, schien ihm jedes Mittel recht. Dieser mit gefährlichen Fähigkeiten bewaffnete Normanne verband mit seiner Begierde hochzukommen all die schlimmen Fehler, die zu Recht oder zu Unrecht seinen Landsleuten vorgeworfen werden. Hinter aalglatten Manieren verbarg sich ein ränkesüchtiger Geist; denn er war der rücksichtsloseste Prozessierer.

Körperlich war Ferdinand ein schlanker junger Mann von angenehmem Wuchs und wandelbaren Umgangsformen; dieser erlaubten es ihm, sich, wenn es nötig war, jeder Gesellschaftsschicht anzupassen. Sein intelligentes Gesicht gefiel auf den ersten Blick; später jedoch, wenn man es genauer kannte, gewahrte man darin seltsame Wandlungen des Ausdrucks, wie sie sich auf dem Gesicht von Menschen abzeichnen, die mit sich selbst uneins sind oder deren Gewissen sich zu gewissen Stunden regt.

Birotteau erfuhr zu seinem höchsten Erstaunen, daß sein Kommis hochelegant gekleidet ausgehe, sehr spät heimkehre und bei Bankiers oder Notaren Bälle besuchte.
Er warf du Tillet freundlich vor, dieser trage zu feine Wäsche, er habe Visitenkarten, auf denen sein Name als 'F. Du Tillet' gestochen stehe, ein Brauch, der nach Césars kaufmännischem Rechtsempfinden lediglich den der höheren Gesellschaftsschicht Angehörenden zustand.

Obgleich du Tillet diskret und zurückhaltend war und nur sagte, was er sagen wollte, ließ er dennoch seine Meinungen über Menschen und Leben durchblicken, und zwar auf eine Weise, daß er dadurch die gottesfürchtige Frau erschreckte, die die religiösen Anschauungen ihres Mannes teilte und es als ein Verbrechen ansah, seinem Nächsten auch nur das geringste Leid anzutun.

Du Tillet verstand sich so gut auf die Handhabung der Balancierstange beim Tanz auf dem Drahtseil der Finanzspekulation, daß er nach außen hin immer elegant und reich wirkte, bevor er es tatsächlich war. Sobald er sich ein Kabriolett angeschafft hatte, gab er es nie wieder auf; er behauptete sich in der gehobenen Sphäre der Leute, die Vergnügungen und Geschäfte miteinander verquicken, indem sie, die Turcarets ihrer Epoche, aus dem Foyer der Oper eine Filiale der Börse machten.

Niemand wußte, von wo aus diesem jungen Menschen die riesigen Kapitalien zuflossen, mit denen er schaltete und waltete; man schrieb sein Glück seiner Intelligenz und seiner Redlichkeit zu.

Als der Parfümhändler an das Einfahrtstor gelangte, übersah er, da seine Augen tränenfeucht waren, fast ein schönes, schweißnasses englisches Pferd, das mit einem der hübschesten Kabrioletts, die zu jener Zeit über das Pariser Pflaster rollten, vor dem Tor anhielt. Er erkannte nicht du Tillet, der schlank und in einem eleganten Vormittagsanzug die Zügel seinem Diener zuwarf und über den verschwitzten Rücken seines Vollblutpferdes eine Decke breitete.

Du Tillet führte ihn in seine Privaträume: ein schönes, üppig ausgestattetes Eßzimmer, das in Deutschland gekaufte Bilder zierten, ferner zwei Salons von einer Eleganz und einem Luxus, wie Birotteau ihn bislang nur beim Herzog von Lenoncourt angestaunt hatte. Die Augen des Kleinbürgers wurden geblendet von Vergoldungen, von Kunstwerken, von sinnlosen Nippsachen, von kostbaren Vasen, von den tausenderlei Einzelheiten, vor denen der Luxux von Constances Zimmer erblaßte.
Die ganze Decke des Schlafzimmers war mit violetter Seide bespannt, deren Falten durch weiße Seide betont waren. Ein Bettvorleger aus Hermelin hob sich von den veilchenblauen Farbtönen eines Orientteppichs ab. Die Möbel und alles, was dazu gehörte, zeigten neue Formen von übertriebener Raffiniertheit. Der Parfümhändler blieb vor einer entzückenden Stutzuhr mit Amor und Psyche stehen. Schließlich gelangten sie in ein stutzerhaft elegantes, kokettes Arbeitszimmer, das mehr nach galanten Abenteuern als nach Finanzgeschäften aussah. Aus Dankbarkeit für die Betreuung ihres Vermögens hatte Madame Roguin ihm sicherlich einen Brieföffner aus ziseliertem Gold, Briefbeschwerer aus Malachit mit Bronzeverzierungen, all die kostspieligen Tändeleien eines zügellosen Luxus, geschenkt. Der Teppich, eins der prunkvollsten Erzeugnisse Belgiens, ließ ebensosehr die Augen staunen, wie er die Füße durch die weiche Dicke seiner dichten Wolle überraschte.

Aus: Honoré de Balzac: Größe und Niedergang des César Birotteau. München: Goldmann, 1986.