Sonntag, Januar 28, 2007

DANDY*O*RAMA - Der Herzog von Dorset (Max Beerbohm)

Wie Suleika war auch der junge Herzog zum ersten Mal verliebt. Doch hatte er im Gegensatz zu ihr nie das Bedürfnis verspürt, lieben zu wollen. Er genoß nun nicht wie sie die Empfindung erster Liebe - nein, er fühlte wilde Scham und kämpfte mit aller Macht gegen das neue Erleben an. Stets hatte er sich gegen eine solch vulgäre Drohung immun gefühlt; stets geglaubt, daß wenigsten er den stolzen alten Wahlspruch seines Hauses - »Pas si bête!« - nicht verraten würde. Und ich halte es auch durchaus für möglich, daß er - wäre er nie Suleika, der Unwiderstehlichen, begegnet - als untadeliger Dandy gelebt und in ehrwürdigem Alter geendet hätte. Denn das Temperament des Dandys war in ihm bisher in absoluter Form inkarniert gewesen, ganz rein, ganz gelassen. Er war zu sehr mit seiner eigenen Vollkommenheit beschäftigt, um auch nur daran zu denken, einen anderen Menschen zu bewundern. Im Unterschied zu Suleika galten ihm seine Garderobe und sein Toilettentisch nicht als Werkzeuge, die Bewunderung anderer zu erhöhen, nur als Mittel, mit dem er seine Selbstanbetung intensivieren, als Ritualformen, in denen er sie ausdrücken und verwirklichen konnte. In Eton hatte man ihn den »Pfau« genannt, und der Spitzname war ihm nach Oxford gefolgt. Er war allerdings nicht völlig angemessen. Denn während der Pfau selbst unter Vögeln als außerordentlich dumm auffällt, hatte der Herzog bereits (von einer ungewöhnlich brillant absolvierten ersten Universitätsprüfung abgesehen) den Stanhope-Preis, den Newdigate-Preis, den Lothian- und den Gaisford-Preis für das griechische Gedicht geholt.

Im übrigen besaß er eine Fülle von Fähigkeiten und Kenntnissen. Mit Geschick wußte er alle möglichen Vögel und Fische, Hirsche und Füchse zu töten. Er spielte Polo, Cricket, Tennis, Schach und Billard so gut, wie sich diese Übungen nur betreiben lassen. Fließend sprach er alle modernen Sprachen; er war ein wirklich talentierter Aquarellist und galt bei jenen, denen das Privileg zuteil geworden war, ihn zu hören, als der beste Klavieramateur südlich des Tweed.
Er erwies jedoch nur wenigen die Ehre seiner Freundschaft.

Nun traf es sich, daß in London gerade beträchtliche politische Erregung herrschte. Die Liberalen, die an der Macht waren, hatte eine in mehr als gewöhnlichem Maße sozialistische Gesetzesvorlage durchs Unterhaus gebracht. Als der Redner schloß, erhob sich, nur zum Plaisir, der Herzog. Er hielt eine lange Rede gegen das Gesetz. Sein Hohn auf die Regierung war so schneidend, seine Kritik der Vorlage selbst so gnadenlos destruktiv, der Höhenflug seiner Rhetorik so erhaben und unwiderstehlich, daß am Ende seines Auftritts dem Repräsentanten des Unterhauses nur eine Möglichkeit blieb. Er stand auf und stellte in wenigen, mit rauher Stimme vorgetragenen Sätzen den Antrag, daß das Gesetz »in genau einem halben Jahre zur Wiedervorlage gelangen möge«.

Daß sie ihn behext hatte, machte es um so dringlicher, daß er sie mied. Es war von entscheidender Bedeutung, daß er sie rasch aus seinen Gedanken verbannte. Das reine Konzentrat seiner Seele durfte sich nicht verdünnen. Er durfte keiner Leidenschaft die Haltung des Dandys opfern. Der Dany hat zölibatär zu leben, klösterlich - er ist in der Tat nur ein Mönch mit einem Spiegel als Rosenkranz und als Brevier - ein Säulenheiliger, der seine Seele peinigt, damit sein Körper Vollkommenheit erlange.

»Die Basis meines Systems war die zölibatäre Lebensweise. Ich meine nicht ein bloßes Junggesellenleben. Ich meine den seelischen Zölibat - den Egoismus, mit anderen Worten.«

Der Herzog verließ das Fenster. Es war ihm irgendwie nicht danach, gesehen zu werden, obwohl er gewöhnlich zu dieser Stunde ausging und sich zeigte, um irgendeine neue Vogue der Herrenmode zu lancieren.

Niemals hatte er sich um das Gegacker geschert, das man als Öffentliche Meinung bezeichnet. Mit der alten feudalen Formel hatte er sich oft gesagt, daß »das Urteil seiner Ranggenossen« die einzige Instanz sei, deren Spruch er sich unterwerfen würde - aber wer sollte die Richterbank besetzen? Er, dem im Rang keiner gleichkam, war niemandem verantwortlich. Keinen Weisungen als der eigenen würde er sich beugen.

In der Kunst, sich eine Zigarette zu nehmen und anzuzünden war er ohne einen Rivalen in Europa. Der Herzog war, sobald Suleikas Bann gebrochen war, wieder er selbst geworden - ein seiner selbst höchst bewußter Lebenskünstler.

Aus: Max Beerbohm: Suleika Dobson. Eine Liebesgeschichte aus Oxford. dtv/Klett-Cotta, 1987.

Donnerstag, Januar 25, 2007

iTunes bald illegal?

In Norwegen wurde iTunes, der Music Store von Apple, jetzt als illegal eingestuft, da die dort heruntergeladenen Songs nicht auf alternativen MP3-Playern abgespielt werden können. Apple soll nun bis zum 1. Oktober seine Codes freigeben, um in Einklang mit der norwegischen Gesetzgebung zu gelangen. Geschieht dies nicht, so wird eine Klage erwogen. Schweden, Finnland, Deutschland und Frankreich erwägen nun ähnliche Schritte.
Beugt sich Apple der Entscheidung, ist mit einem Rückgang der Verkaufszahlen des iPod zu rechnen. Zugleich könnte der iTunes-Store einen Anstieg der Downloads durch Nicht-iPod-Nutzer erleben.

Sonntag, Januar 14, 2007

DANDY*O*RAMA - Paul de Manerville (Balzac)

Obgleich großer Dinge fähig, um sich grausamen Belästigungen zu entziehen, hätte er ihnen weder durch systematischen Widerstand vorgebeugt, noch wäre er ihnen durch eine ununterbrochene Entfaltung seiner Kräfte entgegengetreten. Feige im Denken, kühn im Handeln, bewahrte er lange Zeit jene geheime Scheu, die den Menschen unbewußt ein Opfer von Verhältnissen werden läßt, gegen die sich manche Seelen nur zögernd auflehnen, da sie sie lieber erdulden, als sich über sie zu beklagen.

Zunächst Gesandschaftsattaché in Neapel, ging er später als Sekretär nach Madrid und London und bereiste so ganz Europa. Nachdem er die Welt kennengelernt, viele Illusionen über Bord geworfen und das flüssige Kapital seines Vaters vergeudet hatte, kam der Augenblick, da er zur Fortsetzung seiner Lebensweise die Einkünfte aus den Ländereien angreifen mußte, die sein Notar für ihn eingezogen hatte.

Paul war Graf, der Adel bekam für die Ehe wieder einen Wert, er konnte und mußte eine glänzende Partie machen. Wenngleich aber viele Frauen einen Titel heiraten wollen, so wünschen sich doch weit mehr Frauen einen Mann, der sich im Leben auskennt. Nun, Paul hatte für eine Summe von siebenhunderttausend Francs, die er in sechs Jahren verbraucht hatte, eine Würde erworben, die unverkäuflich und mehr wert ist als die eines Börsenmaklers; sie erfordert ein langes Studium, eine Probezeit, Examen, Bekanntschaften, Freunde, Feinde, eine gewisse körperliche Eleganz, gewisse Umgangsformen und einen leicht aussprechbaren und anmutigen Namen; überdies bringt sie galante Abenteuer, Duelle, verlorene Wetten auf Rennplätzen, Enttäuschungen, Ärger, Mühe und mancherlei Verstimmungen mit sich. Mit einem Wort, Paul war ein eleganter Mann. Trotz seines verschwenderischen Lebens war es ihm jedoch nicht gelungen, in der Gesellschaft tonangebend zu sein. in der schnurrigen Armee der vornehmen Gesellschaft stellt der tonangebende Mann so etwas wie den Marschall von Frankreich dar, während der elegante Mann den Rang eines Generalleutnants bekleidet. Paul sonnte sich in dem Ruf seiner bescheidenen Eleganz und wußte ihn zu behaupten. Seine Dienstboten trugen eine glänzende Livree, und seine Equipagen waren Stadtgespräch, seine Abendgesellschaften hatten einigen Erfolg, kurzum, sein Junggesellenheim zählte zu den sieben oder acht Häusern, deren Prunkliebe es mit den vornehmsten Pariser Häusern aufnehmen konnte. Aber er hatte keine Frau ins Unglück gebracht. Er spielte, ohne zu verlieren. Sein Glück entbehrte des Skandals. Er war zu anständig, um irgendeinen Menschen, und sei es ein Mädchen, zu betrügen. Er ließ seine Billetdoux nicht herumliegen und hatte keine Truhe mit Liebesbriefen, in der seine Freunde herumstöbern konnten, wenn sie warteten, bis er sich rasiert oder seinen Kragen umgebunden hatte. Da er seine Güter in der Guyenne nicht antasten wollte, besaß er nicht jene Kühnheit, die zu großen Taten verleitet und um jeden Preis die Aufmerksamkeit auf einen jungen Mann lenkt.

Seine Lebensart, seine Umgangsformen, seine Pariser Erziehung waren das Entzücken des Faubourg Saint-Germain von Bourdeaux. Eine alte Marquise bediente sich eines Ausdrucks, mit dem man einst bei Hofe die blühende Jugend der jungen Gecken und Stutzer, deren Sprechweise und Gebaren tonangebend waren, zu bezeichnen pflegte: sie sagte von ihm, er sei die »Erbsenblüte«.

Sein Spott hatte nichts Beißendes oder Bitteres an sich, sein Benehmen war nicht hochmütig, seine Konversation mit den Frauen brachte weder zuviel Ehrerbietung noch zuviel Vertraulichkeit zum Ausdruck, sondern das Maß an Achtung, das sie lieben. Seine Eitelkeit richtete sich allein auf die Pflege des Äußeren, das dadurch angenehm wirkte. Er achtete auf den Rang, er erlaubte den jungen Leuten Freiheiten, denen seine Pariser Lebenserfahrung Grenzen setzte; obgleich er ein glänzender Pistolenschütze und Degenfechter war, legte er eine frauenhafte Sanftheit an den Tag, für die man ihm Dank wußte. Seine mittelgroße, zur Fülle, wenn auch noch nicht zur Beleibtheit neigende Gestalt - zwei Hemmnisse für persönliche Eleganz - verhinderten keineswegs, daß er seinem Äußeren nach für die Rolle eines Brummell von Bordeaux geeignet war. Paul gab im Denken und Sprechen ebensosehr den Ton an wie in den Umgangsformen und sonstigen Dingen. Er hatte das britische Persönlichkeitsideal mit seinen eisigen Schranken eingeführt, den Byronschen Spott, die Anklagen gegen das Leben, die Verachtung der geheiligten Bande, das englische Silber und den englischen Witz, die Geringschätzung der überkommenen Sitten und der alten Einrichtungen der Provinz, die Zigarre, den Lack, das Pony, die gelben Handschuhe und den Galopp.

Aus: Honoré de Balzac: Szenen aus dem Privatleben. Die Frau von dreißig Jahren und andere Romane. München: dtv, 1976.

Mittwoch, Januar 03, 2007

DANDY*O*RAMA - Amédée de Soulas (Balzac)

Seit zehn Jahren hat uns die Sprachwissenschaft zwei kleine Geschenke aus England gebracht. Dem 'Incroyable', dem 'Merveilleux', dem 'Élegant', diesen drei Erben der 'Petits-Maitres', deren Etymologie ziemlich unanständig ist, folgte der 'Dandy', schließlich der 'Lion'.

Und seitdem in Paris der Stutzer seine Mähne spazieren trägt, seinen Bart und Schnurrbart, seine Gilets und das Lorgnon das nicht mehr mit der Hand gehalten, sondern zwischen Wange und Brauenbogen eingeklemmt wird, seitdem haben in einigen Departementshauptstädten Unterleutnants mit ihren eleganten Stegen gegen die Nachlässigkeit ihrer Mitbürger protestiert. Besançon hatte also 1834 das Vergnügen, einen Stutzer in der Person des Herrn Amédée Sylvain Jacques de Soulas zu besitzen, der sich aus der Zeit der spanischen Okkupation Souleyas schrieb

Seine Rechnung in Paris für Parfümerien, Krawatten, Schmuck, glasierte Töpfe, Anzüge stellte sich, ebenfalls im Jahr, auf zwölfhundert Franken. Rechnet man den Lohn für Groom oder Reitknecht, für das Drum und Dran und die Miete mit sechshundert Franken hinzu, so kommt man auf insgesamt dreitausend. Nun besaß aber der junge Herr de Soulas aus seinem väterlichen Erbe nicht mehr als viertausend Franken Rente. Der junge Herr de Soulas galt als Verschwender, als ein Mann, der auch über den Strang hieb, während der arme Bursche sich doch gerade mit List und Tücke durch das Jahr mogelte. Scheint einem nun dieser wenig begüterte junge Mann einigermaßen leicht zum Stutzer geworden, so erfahre man, daß Amédée de Soulas dreimal in der Schweiz war, zu Wagen und in kleinen Tagereisen; zweimal in Paris und einmal von Paris auch in England. Er wurde für einen wohlunterrichteten, weitgereisten Mann gehalten. Säuberte er gerade seine Handschuhe, so gab der Diener Babylas den Besuchern zum Bescheid: "Der gnädige Herr arbeitet." Man hatte auch schon versucht, den jungen Herrn Amédée de Soulas durch die Behauptung: "Ist das aber ein Fortschrittler!" in Mißkredit zu bringen. Amédée besaß das Talent, mit dem Ernst eines Besançoners die gerade kursierenden Gemeinplätze an den Mann zu bringen, weshalb er für einen der hellsten Köpfe des Adels galt. Auf dem Leibe trug er den modischen Schmuck, im Schädel die Tagemeinung der Presse. 1834 war Amédée fünfundzwanzig Jahre alt, mittelgroß, brünett; hatte einen schön gewölbten Thorax, entsprechende Schultern, leicht rundliche Schenkel; die Füße waren schon etwas fett, die Hände weiß und fleischig; er trug einen Bart ums Kinn, und sein Schnurrbart war mindestens so schön wie der der Offiziere; in seinem gutmütigen, dicken, rotbäckigen Gesicht saßen eine platte Nase und braune, gänzlich belanglose Augen; überhaupt nichts Spanisches. Mit Riesenschritten näherte er sich einer für seinen Ehrgeiz gefährlichen Fülle. Seine Nägel waren gepflegt, sein Bart war frisiert, und die geringsten Einzelheiten seines Anzugs zeigten eine englische Akkuratesse. Amédée de Soulas wurde deshalb auch für den schönsten Mann von Besançon gehalten. Ein Coiffeur, der ihn täglich zu genau festgesetzten Minute frisieren mußte, verkündete allenthalben das Lob dieses unanfechtbaren arbiter elegantiarum. Amédée schlief in den Tag hinein, machte dann Toilette und ritt gegen Mittag auf eine seiner Meiereien, wo er Pistole schoß. (...) Gegen drei Uhr etwa kehrte er wieder heim, als Reiter bewundert von den Grisetten und den Leuten, die in dern Fenstern lagen. Bis vier Uhr tat er, als ob er irgendetwas arbeitete; darauf kleidete er sich an, um in der Stadt zu dinieren, und verbrachte den Abend beim Whist in einem der aristokratischen Salons von Besançon; etwa um elf Uhr ging er nach Hause und ins Bett.

1834 war Amédée in Besançon der einzige Mann, der Stege an den Beinkleidern trug. Schon das ließ den jungen Herrn de Soulas als Stutzer erscheinen. Amédée wollte eines Tages in der Lage sein, eine vorteilhafte Ehe einzugehen, indem er nachwies, daß sein Besitz hypothekenfrei sei und er obendrein noch Ersparnisse habe. Er wolte die Stadt von sich reden machen und ihr schönster Elegant sein, um erst einmal das Interesse des Fräuleins Rosalie de Watteville und darauf ihre Hand zu erobern. 1830, als der junge Herr de Soulas seine Dandylaufbahn begann, war Rosalie vierzehn Jahre alt.

Vor Rosalie mimte unser Cato den Verschwender: er billigte unbedingt eine elegante Lebensführung und skizzierte ihr die glänzende Rolle einer Modedame in Paris, wohin er als Deputierter gehen würde. Derartige geschickte Manöver hatten vollen Erfolg. 1834 hießen die Mütter von vierzig adeligen Familien, die den Kern der hohen Besançoner Aristokratie bildeten, Herrn Amédée de Soulas den reizendsten jungen Mann der Stadt; kein Mensch wagte seine Stellung als Hahn im Korbe Rupt anzufechten, und ganz Besançon sah in ihm schon den künftigen Gatten Rosalies de Watteville.

Aus: Honoré de Balzac: Albert Savarus. Diogenes, 1998.